Qurayyahs Keramik und die Anfänge von Markenbildung in der Bronzezeit

Bereits vor 3.200 Jahren existierten offenbar markenähnliche Produkte. Eine internationale Studie zur zweifarbig bemalten Keramik aus der Oase Qurayyah im Nordwesten Arabiens zeigt, dass die Gefäße über eine klare Identität verfügten, weit gehandelt wurden und einen hohen Wiedererkennungswert besaßen. Zudem gelang erstmals der Nachweis, dass Qurayyah das Ursprungszentrum dieser Keramiktradition war.

Sieben Keramikgefäße aus der Bronzezeit mit braun-beiger Grundfarbe und dunklen Bemalungen sind auf weißem Hintergrund angeordnet. Die Gefäße zeigen verschiedene Formen, darunter Schalen, Krüge und Töpfe mit Henkeln. Auffällig sind figürliche und geometrische Motive: Ein Krug links oben trägt eine Vogelzeichnung, ein weiteres Gefäß rechts oben zeigt ein Tier mit Hörnern. Das große Gefäß rechts unten ist mit einer menschlichen Figur mit erhobenen Armen bemalt. Andere Gefäße sind mit Wellenlinien, Zickzackmustern oder konzentrischen Kreisen verziert. Die Bemalungen sind teils abgenutzt, einige Gefäße weisen Risse oder Fehlstellen auf.
Antike "Marke" Qurayyah Painted Ware QPW 4, früher bekannt als ‘Midianitische Keramik’ bekannt© Marta Luciani, Qurayyah Joint Archaeological Project CCBY 4.0

Gab es Marken bereits lange vor modernen Wirtschaftssystemen? Eine internationale Forschungsgruppe unter Leitung von Marta Luciani von der Universität Wien kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Die zweifarbig bemalte Keramik aus der Oase Qurayyah im Nordwesten Arabiens erfüllte bereits vor rund 3.200 Jahren wesentliche Merkmale einer Marke.

Im Rahmen der Studie untersuchten die Wissenschaftler mehrere Dutzend Gefäße der sogenannten Midianitischen Keramik. Dabei konnten sie eine lange vertretene Annahme widerlegen und erstmals nachweisen, dass diese Keramik tatsächlich ihren Ursprung in Qurayyah hatte.

Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift PLOS One veröffentlicht.

Eine Oase als Zentrum technologischer Innovation

Die Untersuchungen zeichnen das Bild einer Gesellschaft, die trotz begrenzter natürlicher Ressourcen eng in regionale Austauschnetzwerke eingebunden war. Wasser, Brennstoff und geeigneter Ton waren in der Wüstenoase knapp. Dennoch entwickelten die Bewohner eine eigenständige und technisch anspruchsvolle Keramiktradition.

„Unsere Entdeckung verdeutlicht, dass selbst in der kargen Umgebung von Wüstenoasen, wo lebenswichtige Ressourcen wie Wasser, Brennstoff und Ton knapp waren, lokale Gemeinden in der Bronzezeit gesellschaftlich eingebunden waren. Schon damals waren sie Teil größerer Netzwerke, in denen technologisches Know-how mit benachbarten Regionen wie der südlichen Levante und Syrien geteilt wurde. Die Oasenbewohner*innen waren einfallsreich und erfinderisch genug, um ihr eigenes Keramikrepertoire zu schaffen und sogar zu exportieren“, sagt die Studienleiterin Marta Luciani vom Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie der Universität Wien.

Kriterien für antike Markenbildung

Auf Grundlage ihrer Untersuchungen gelangten die Forscher zu der Einschätzung, dass die Keramik von Qurayyah weit mehr war als ein gewöhnliches Handelsgut. Die Gefäße zeichneten sich durch ein unverwechselbares Erscheinungsbild, eine konstante Herstellungsqualität und eine weite Verbreitung aus. Damit erfüllten sie zentrale Voraussetzungen dessen, was heute als Marke bezeichnet wird.

Darüber hinaus entwickelte das Team erstmals einen Kriterienkatalog zur Identifizierung antiker Marken. Zu den Merkmalen zählen eine klare visuelle Identität, materielle Konsistenz, technologische Kontinuität, zentralisierte Produktion, überregionale Verbreitung, lokale Nachahmungen, eine gezielte kommerzielle Reichweite sowie ein kultureller Ruf.

„Die Schlussfolgerungen unserer Studie reichen somit über die Archäologie und die langfristige Beziehung zwischen Menschen und natürlichen Ressourcen in klimatisch extremen Regionen hinaus. Sie erstrecken sich auf Bereiche wie die wirtschaftlichen Mechanismen, die die Beziehungen zwischen Produzentinnen und Konsumentinnen über Zeit und Raum hinweg vermitteln“, fügt Luciani hinzu, Archäologin und Teamleiterin des Netzwerks „Human Evolution and Archaeological Science“ (HEAS) an der Universität Wien.

Moderne Analysen liefern neue Einblicke

Der Nachweis gelang durch einen interdisziplinären Forschungsansatz, der unterschiedliche archäologische und naturwissenschaftliche Methoden miteinander verband. Dazu gehörten die Analyse stratigraphischer Funde, Untersuchungen zur Herstellungstechnologie sowie petrographische Studien an Keramikdünnschliffen.

„Entscheidend für diese erstmalige Entdeckung war unser interdisziplinärer und multiskalarer Ansatz, bei dem die Untersuchung von stratigraphischem Material, die Technologie der Gefäßformung sowie die petrographische Analyse von Keramikdünnschnitten unter dem Polarisationsmikroskop kombiniert wurden“, erklärt Pamela Fragnoli, Leiterin des Keramiklabors des Österreichischen Archäologischen Instituts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAI/ÖAW), „abgeglichen mit chemischen Fingerabdrücken der Gefäßzusammensetzung, bis hin zu deren Spurenelementen, die mittels Neutronenaktivierungsanalyse ermittelt wurden“, fügt Johannes H. Sterba, Leiter des Zentrums für Markierung und Isotopenproduktion an der TU Wien, hinzu.

Die naturwissenschaftlichen Analysen ermöglichten es, Herkunft, Produktionsweise und Verbreitungswege der Keramik präzise nachzuvollziehen.

Vier Jahrhunderte Entwicklung und Fernhandel

Die Wurzeln der Keramiktradition reichen bis vor etwa 3.600 Jahren zurück. Besonders bemerkenswert ist jedoch ihre langfristige Entwicklung. Über mehrere Jahrhunderte wurde die Produktion nicht nur fortgeführt, sondern gestalterisch weiter verfeinert.

„Die ersten Exemplare der bemalten Keramik aus Qurayyah wurden vor 3.600 Jahren hergestellt. Unsere auffälligste Entdeckung war die Feststellung, dass die Produktion bemalter Keramik fortgesetzt wurde und sich dabei ständig weiterentwickelte (Abb. 2). Vier Jahrhunderte später, vor ca. 3.200 Jahren, schufen die Menschen ein blühendes Repertoire an zweifarbig bemalten Tieren und menschlichen Ritualen (Abb. 3): Dies wurde zum Markenzeichen, das über Hunderte von Kilometern nach Norden in die südliche Levante exportiert wurde, zu Stätten wie Tell el-Kheleifeh und sogar zum Timna-Heiligtum der ägyptischen Göttin Hathor, sowie nach Süden bis nach Nordarabien. Die Töpfertradition von Qurayyah hörte nicht auf und blieb noch weitere tausend Jahre bis weit in die späte Eisenzeit hinein in der Oase verankert“, erläutert Doralice Klainscek, Doktorandin an der Universität Wien und Mitautorin der Studie.

Die Funde belegen damit nicht nur weitreichende Handelskontakte zwischen Arabien und der südlichen Levante. Sie zeigen auch, dass Wiedererkennbarkeit, Qualität und Reputation bereits in der Bronzezeit eine wichtige Rolle spielten.

Quelle: Universität Wien

Originalpublikation
Marta Luciani, Pamela Fragnoli, William D. Gilstrap, Johannes H. Sterba, Doralice Klainscek, Joseph A. Greene, Stephen Bourke, Paul Donnelly: Creating a brand. Genesis, transformation and diffusion of Qurayyah Painted Ware. In PLOS One, 2026. 
DOI: https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0351296

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