In Kurd Qaburstan, einer antiken Siedlung in der Region Kurdistan im Irak, hat ein internationales Forschungsteam unter Leitung der University of Central Florida (UCF) erstmals eine bedeutende Gruppe von Keilschrifttafeln in der Ebene von Erbil freigelegt. Gemeinsam mit umfangreichen Zerstörungsschichten, Massengräbern und städtischen Befestigungsanlagen ergeben die Funde ein bislang außergewöhnlich klares archäologisches Bild von Belagerungskriegen und urbanem Leben in der mittleren Bronzezeit.
„Unsere Forschungen im Jahr 2025 lieferten eindeutige archäologische Beweise, die den Fundort mit der Belagerung von Qabra in Verbindung bringen. Den Anfang machte die erste bedeutende Gruppe von Keilschrifttafeln, die in der Ebene von Erbil entdeckt wurden“, erklärt Tiffany Earley-Spadoni, außerordentliche Professorin für Geschichte an der UCF und Leiterin des Kurd Qaburstan-Projekts. „Mehrere Tafeln stammen aus einem Zeitraum von nur wenigen Tagen und stimmen somit mit dem Zeitpunkt des Falls der Stadt überein.“
Keilschrift als Zeugnis von Verwaltung und Krisensituation
Die Ausgrabungen der Jahre 2024 und 2025 brachten insgesamt 20 Keilschrifttafeln sowie über 100 Verwaltungssiegel zutage. Sie stammen überwiegend aus den Zerstörungsschichten des östlichen Palastes der Unterstadt. Der Fundkontext – dicht gebündelte Dokumente aus einer kurzen Zeitspanne – deutet darauf hin, dass die Texte unmittelbar vor oder während der Eroberung niedergelegt wurden.
Die Tafeln umfassen vor allem administrative Texte sowie einen Brief, der möglicherweise einen hochrangigen Beamten mit Verbindungen zur Stadt Qabra erwähnt. Inhaltlich dokumentieren sie zentrale Aspekte der Palastverwaltung und wirtschaftlichen Organisation.
„Die meisten Tontafeln sind administrativer Natur und geben einen Einblick in das Palastleben und die Wirtschaft der antiken Stadt“, sagt Earley-Spadoni. „Eine Tontafel scheint von einem hochrangigen Beamten im antiken Qabra verfasst worden zu sein.“
Einige der Inschriften könnten zudem mit historischen Berichten korrespondieren, etwa mit der Zerstörung, die auf der Siegesstele des Herrschers Dadusha überliefert ist.
Archäologische Spuren einer Belagerung
Die stratigrafischen Befunde liefern ein präzises Bild der gewaltsamen Zerstörung der Stadt. Eingestürzte Architektur, verbrannte Schichten und konzentrierte Trümmer sprechen für einen koordinierten militärischen Angriff.
„Die beiden übereinanderliegenden Zerstörungsschichten entsprechen der historischen Abfolge der Belagerung von Qabra und ihrer Eroberung durch Shamshi Addu“, erklärt Earley-Spadoni. „Die verkohlten Trümmer, die große Anzahl an Keramikgefäßen und die Menschen, die eines vorzeitigen Todes starben und in den Zerstörungsschichten bestattet wurden, liefern den bisher deutlichsten archäologischen Beleg für Belagerungskriegsführung in der mittleren Bronzezeit im nördlichen Mesopotamien.“
Zerbrochene Gefäße und andere Trümmer einer Zerstörungsschicht wurden östlich einer monumentalen Lehmziegelmauer im Ostpalast der Unterstadt von Kurd Qaburstan erhalten.
© Edward Dandrow/Kurd Qaburstan Project
Innerhalb der Palasttrümmer wurden die Überreste von 17 Individuen entdeckt. Die bioarchäologischen Untersuchungen zeigen, dass diese Menschen nicht regulär bestattet wurden.
„Die Verstorbenen wurden nicht formell bestattet und erhielten keine Grabbeigaben“, sagt Earley-Spadoni. „Einige scheinen dort zurückgelassen worden zu sein, wo sie gestorben sind, darunter möglicherweise auch Palastangestellte. Eine Person wurde mit dem Gesicht nach unten über einem Steinbecken gefunden.“
Die Befunde deuten auf eine abrupt unterbrochene Alltagsroutine und eine Krisensituation hin, in der keine geordneten Bestattungen mehr möglich waren.
Infrastruktur und Stadtorganisation
Neben den Spuren der Zerstörung konnte das Forschungsteam auch wesentliche Elemente der städtischen Infrastruktur dokumentieren. Dazu gehören eine gut erhaltene Straße mit einem differenzierten Entwässerungssystem sowie Wohn- und Arbeitsbereiche.
Diese Räume lassen sich funktional als Orte der Lebensmittelverarbeitung und der Textilproduktion interpretieren. Die Kombination aus Verwaltungsdokumenten, Handwerksbereichen und Verkehrswegen verweist auf eine komplex organisierte städtische Ökonomie.
Zusätzliche Erkenntnisse lieferte eine großflächige geophysikalische Untersuchung mittels Magnetometrie. Auf einer Fläche von mehr als 80 Hektar konnten verborgene Strukturen sichtbar gemacht werden, darunter eine monumentale Stadtmauer mit Bastionen.
Diese Befestigungsanlagen stimmen mit Darstellungen auf der Siegesstele von Dadusha überein und stützen die Identifizierung der Fundstätte als die antike Stadt Qabra.
Bedeutung für die Geschichte Nordmesopotamiens
Die Ergebnisse aus Kurd Qaburstan tragen wesentlich dazu bei, das Bild der urbanen Entwicklung Mesopotamiens zu differenzieren. Während die Forschung lange Zeit südliche Zentren wie Uruk in den Mittelpunkt stellte, zeigen die neuen Befunde die Bedeutung nördlicher Städte.
„Die Erkenntnisse aus dem kurdischen Qaburstan zeigen, dass die Städte im Norden groß, komplex und politisch bedeutsam sein konnten und über Verwaltungssysteme, Befestigungsanlagen und eine Infrastruktur verfügten, die mit denen der bekanntesten südlichen Stätten vergleichbar waren“, sagt Earley-Spadoni.
Die Ausgrabungen, die auf einem Jahrzehnt kontinuierlicher Forschung aufbauen, machen deutlich, dass Kurd Qaburstan eine hochentwickelte Stadt war, die zeitweise in Vergessenheit geraten war.
Derzeit werden weitere naturwissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt, darunter Isotopen- und DNA-Analysen der geborgenen menschlichen Überreste. Diese sollen Aufschluss über Herkunft, Mobilität und Verwandtschaftsverhältnisse der Bevölkerung geben.
Quelle: University of Central Florida