Neue Funde aus Tell al-Abqa’in: Einblicke in das Leben einer altägyptischen Grenzfestung

Ein Wohnkomplex, Vorratsspeicher, Inschriften sowie die Bestattung eines Pferdes zählen zu den neuen Funden aus Tell al-Abqa’in im Nildelta. Die Entdeckungen liefern neue Informationen zur Organisation, Versorgung und zum Alltag einer Festung des Neuen Reiches an Ägyptens westlicher Grenze.

Rechteckige und quadratische Ausgrabungsfelder mit klar abgegrenzten Mauern und mehreren runden Steinelementen sind in einer sandfarbenen Erdfläche sichtbar.
© Ministerium für Tourismus und Altertümer Ägypten
Eine ägyptisches Archäologenteam hat in Tell al-Abqa’in im Gouvernement Beheira mehrere Strukturen und Fundkomplexe freigelegt. Dazu gehören Wohngebäude, Vorratseinrichtungen, Inschriften, religiöse Objekte sowie die Bestattung eines jungen Hengstes. Nach Angaben der Ausgräber bestätigen die Funde die Bedeutung der Anlage als Festung des Neuen Reiches an der westlichen Grenze des Nildeltas.

Wohnviertel und Straßen innerhalb der Festung

Die Ausgrabungen brachten einen großen Wohnkomplex aus Lehmziegeln zutage. Im nördlichen Bereich verlief eine etwa vier Meter breite Hauptstraße in Ost-West-Richtung, die von einer weiteren Straße in Nord-Süd-Richtung gekreuzt wurde. Der Haupteingang des Komplexes war mit dem südlichen Eingang der aus Kalkstein errichteten Festung verbunden.
Der Wohnkomplex bestand aus mehreren Räumen. Darin fanden die Archäologen Silos zur Getreidelagerung sowie zylindrische Keramiköfen. Diese dienten nach Angaben der Ausgräber der Zubereitung von Speisen.

Auch im südöstlichen Bereich der Festung wurden Wohnräume freigelegt. Hier waren bereits bei früheren Kampagnen drei Steinbrunnen mit den Titeln von König Ramses II. entdeckt worden.

Die Anordnung von Straßen, Eingängen und Gebäuden deutet nach Einschätzung der Ausgräber auf eine planvolle städtebauliche Gestaltung innerhalb der Festung hin. Die Kombination aus Lageranlagen und Öfen wird als Hinweis auf ein organisiertes System der Versorgung und Ressourcenverwaltung interpretiert.

Verkohlter Weizen in Vorratsgefäßen

Mehrere Kammern nördlich der Hauptstraße dienten speziell als Getreidelager: Im Inneren bargen die Ausgräber große Keramikgefäße, die noch verkohltes Getreide enthielten – ein direkter Beweis dafür, wie die Garnison ihre Lebensmittelversorgung organisierte.

Bestattung eines jungen Pferdes entdeckt

Zu den bemerkenswertesten Funden zählt das vollständige Grab eines jungen Hengstes. Vorläufige Untersuchungen deuten auf eine mittelgroße, wendige und schnelle Rasse hin, wie sie typischerweise für die militärische Ausbildung oder zum Ziehen von Streitwagen eingesetzt wurde . Die unversehrte Körperhaltung des Tieres, die Position seines Kopfes und die offensichtliche Sorgfalt bei der Bestattung lassen vermuten, dass es sich nicht um einen weggeworfenen Kadaver, sondern um ein bewusst errichtetes Ehrengrab handelte. Wenige Meter entfernt entdeckte das Team zylindrische Alabaster- und Kalksteinfragmente, die wahrscheinlich zu den dekorativen Beschlägen eines Streitwagengeschirrs gehörten , was die militärische Deutung des Grabes untermauert.

Inschriften mit den Namen von Merneptah und Ramses II.

Erstmals wurde im Gebiet von Beheira ein Fragment einer Kalksteintafel mit einem hieratischen Text für König Merneptah, Sohn und Nachfolger Ramses II., entdeckt. Der erhaltene Text beschreibt die Macht des Königs und vergleicht sie mit der des Gottes Seth. Außerdem wird der Schöpfergott Ptah erwähnt.
Darüber hinaus fanden die Archäologen die Überreste einer Kalksteintafel mit Hieroglyphen, die den Geburtsnamen, den Krönungsnamen und den Horusnamen von Ramses II. enthält.
Eine weitere Tafel zeigt einen Gefangenen mit gefesselten Händen und gebeugtem Körper. Seine Kleidung wird von den Ausgräbern als Hinweis darauf gewertet, dass es sich um einen Libyer aus dem Stamm der Maschwesch handelt.

Skarabäen und Amulette

Unter den Funden befinden sich zahlreiche Skarabäen. Einige tragen die Namen von Ramses II. und Sethos I., andere nennen Gottheiten wie Amun, Sachmet, Ptah und Seth.
Außerdem wurden verschiedene Amulette entdeckt, darunter Darstellungen eines Fisches, einer Lotusblume, einer Kobra, des Nefr-Zeichens und eines Pavians.
Die Skarabäen und Amulette werden als Hinweise auf religiöse Vorstellungen und Schutzpraktiken der Festungsbewohner interpretiert.
Oben sind drei Halsketten aus unterschiedlichen Materialien auf schwarzem Hintergrund angeordnet. Die Ketten bestehen aus kleinen Perlen, größeren Steinen und länglichen Anhängern. Darunter sind mehrere archäologische Fundstücke zu sehen, darunter längliche, grob bearbeitete Objekte aus hellem Stein sowie eine runde Scheibe mit einem Loch in der Mitte. Alle Gegenstände sind einzeln und klar voneinander abgegrenzt dargestellt.
Ketten und einzelne Perlen aus der Grabung Tell al-Abqa’in © Ministerium für Tourismus und Altertümer Ägyptens

Gegenstände des täglichen Lebens

Daneben kamen zahlreiche Keramikgefäße und Keramikscherben zum Vorschein, die zur Lagerung, Zubereitung und zum Servieren von Speisen sowie zur Aufbewahrung von Ölen und Parfums dienten. Außerdem eine Pilgerflasche, die mit dem Kult von Abydos, einem der großen Pilgerzentren des alten Ägypten, in Verbindung gebracht wird.
Zu den weiteren Funden gehören Webgewichte, Teile von Mühlen und Mahlsteinen, Waagegewichte sowie verschiedene Schmuck- und Ziergegenstände.
Die Funde belegen ein breites Spektrum alltäglicher Tätigkeiten innerhalb der Festung, darunter Nahrungsverarbeitung, Handwerk und Vorratshaltung.

Weitere Untersuchungen geplant

Die archäologische Mission setzt ihre Ausgrabungs-, Dokumentations- und Forschungsarbeiten in Tell al-Abqa’in fort. Ziel ist es, weitere Bereiche der Festung freizulegen und die Anlage im Kontext des Verteidigungssystems an Ägyptens westlicher Grenze während des Neuen Reiches zu untersuchen.

Quelle: Ministerium für Tourismus und Altertümer Ägyptens

Antike Welt

Das Jahresabonnement der ANTIKEN WELT

Nutzen Sie den Preisvorteil!

  • Abopreisvorteil (D):
    108,- € zzgl. 8,10 € Versand (D) statt 137,55 € im Einzelkauf
  • inkl. Digitalzugang
  • 12.- € pro Ausgabe im Abo
  • insgesamt 9 Ausgaben im Jahr: 6 reguläre Hefte und 3 Sonderhefte
  • ohne Risiko, jederzeit kündbar 
Jetzt gratis testen
AiD Magazin

Das Jahresabonnement der Archäologie in Deutschland

Nutzen Sie den Preisvorteil!

  • Abopreisvorteil (D):
    108.- € zzgl. 8,10 € Versand (D) statt 137,55 € im Einzelkauf
  • inkl. Digitalzugang
  • 12,- € pro Ausgabe im Abo
  • insgesamt 9 Ausgaben im Jahr: 6 reguläre Hefte und 3 Sonderhefte
  • ohne Risiko, jederzeit kündbar 
Jetzt gratis testen