Mittelalterlicher Steinkeller am Berliner Molkenmarkt entdeckt

Eine großflächige Ausgrabung am Berliner Molkenmarkt hat einen außergewöhnlich gut erhaltenen mittelalterlichen Steinkeller freigelegt. Der Befund verweist auf ein bislang unbekanntes, repräsentatives Bauwerk und liefert neue Erkenntnisse zur Entwicklung der frühen Stadtstruktur Berlins. Umfang und Lage des Fundes deuten auf eine bedeutende wirtschaftliche und politische Funktion im spätmittelalterlichen Stadtraum hin.

Freigelegte mittelalterliche Steinmauern und Fundamente eines Kellers auf einer Baustelle vor historischen Backsteingebäuden und Kirchtürmen in Berlin
Grabung am Molkenmarkt: Blick in westliche Richtung auf den Steinkeller© Landesdenkmalamt Berlin, Judith Katharina Stern
Mittelalterliche Bausubstanz ist im heutigen Berliner Stadtbild nur fragmentarisch erhalten. Zu den wenigen sichtbaren Zeugnissen zählen die Nikolaikirche, die Marienkirche, die Ruinen des Franziskanerklosters sowie Teile der Stadtmauer an der Littenstraße. Vor diesem Hintergrund gewinnt die jüngste Entdeckung am Molkenmarkt besonderes Gewicht: Archäologen des Landesdenkmalamtes Berlin haben dort einen außergewöhnlich gut erhaltenen Steinkeller freigelegt, der ein neues Kapitel der frühen Stadtgeschichte eröffnet.

Hinweise auf ein bislang unbekanntes Großgebäude

Der freigelegte Keller gehörte nach Einschätzung der Archäologen zu einem bislang unbekannten, repräsentativen Bauwerk des späten Mittelalters. Lage und Dimensionen sprechen für eine herausragende Funktion innerhalb der mittelalterlichen Stadtstruktur.

„Der Steinkeller diente möglicherweise als Kauf- und Handelskeller und gehörte zu einem bislang unbekannten, großen und repräsentativen Bauwerk des späten Mittelalters. Bemerkenswert ist dabei die exponierte Lage des Gebäudes in unmittelbarer Nähe zum mittelalterlichen Rathaus und zum Hohen Haus, dem Sitz der askanischen Markgrafen“, berichtet der wissenschaftliche Projektleiter Eberhard Völker vom Landesdenkmalamt Berlin.

Die unmittelbare Nachbarschaft zu zentralen politischen und administrativen Einrichtungen legt nahe, dass es sich um ein Gebäude mit erheblicher wirtschaftlicher und sozialer Bedeutung handelte.

Dimension und Bauweise als Indizien für Status

Der älteste nachgewiesene Kellerraum datiert in das 14. beziehungsweise frühe 15. Jahrhundert und hebt sich deutlich von  Kellern zeittypischer Wohnbebauung ab. Mit einer Länge von mindestens 8,50 Metern und einer Breite von fast 7,50 Metern übertrifft er übliche Dimensionen erheblich.

Auch die Bauweise unterstreicht den repräsentativen Charakter: Massive Fundamente sowie bis zu 2,30 Meter hoch erhaltene Mauern aus Feldsteinen und großformatigen Ziegeln zeugen von erheblichem baulichem Aufwand. Ergänzt wird das Ensemble durch Licht- und Lüftungsöffnungen sowie Wandnischen, die funktionale Aspekte der Nutzung erkennen lassen. Der gestampfte Lehmboden ermöglichte eine praktikable Nutzung des Raumes.

Baugeschichte und Nutzung im Wandel

Die Konstruktion des Kellers weist mehrere Bauphasen auf. Ursprünglich war der Raum vermutlich mit einer Balkendecke versehen, die im 16. Jahrhundert durch ein Tonnengewölbe ersetzt wurde. In den folgenden Jahrhunderten wurde das Bauwerk mehrfach umgebaut und angepasst.

Trotz dieser Veränderungen blieb die Grundstruktur bis zur kriegsbedingten Zerstörung im 20. Jahrhundert erhalten. Die anschließende Verfüllung und Versiegelung des Geländes nach 1945 erwies sich aus archäologischer Sicht als Glücksfall: Sie sorgte für außergewöhnlich gute Erhaltungsbedingungen.

Einordnung im Kontext der Großgrabung Molkenmarkt

Die Entdeckung ist Teil eines der bedeutendsten stadtarchäologischen Projekte Deutschlands. Seit 2019 wird am Molkenmarkt eine Fläche von rund 25.000 Quadratmetern bis in eine Tiefe von vier Metern systematisch untersucht.

„Das Molkenmarkt-Projekt ist nicht nur eines der größten Stadtentwicklungsprojekte in der historischen Mitte Berlins, sondern zugleich findet hier im Vorfeld der Neubebauung eine der größten stadtarchäologischen Untersuchungen Deutschlands statt. Der nun freigelegte mittelalterliche Steinkeller verdeutlicht eindrucksvoll, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse die Ausgrabungen für die Erforschung der frühen Berliner Stadtgeschichte liefern. Mein Dank gilt den Mitarbeitenden des Landesdenkmalamtes Berlin, die hier die Spuren von mehr als 800 Jahren Stadtgeschichte freilegen“, erklärt Christian Gaebler, Senator für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen.

Neben dem Steinkeller wurden zahlreiche weitere Befunde dokumentiert, darunter ein bis zu sieben Meter breiter Bohlendamm aus der Zeit um 1230, über 100 Brunnen und Latrinen sowie Überreste mittelalterlicher Gebäude und Handwerksstrukturen.

Neue Perspektiven auf die Stadtentwicklung

Darüber hinaus konnten unmittelbar neben dem Keller Reste eines mittelalterlichen Feldsteinpflasters freigelegt werden. Ob dieses mit dem Gebäude in direktem Zusammenhang steht, ist Gegenstand laufender Untersuchungen.

Die Bedeutung des Fundes geht über die reine Dokumentation hinaus. Aufgrund des hervorragenden Erhaltungszustandes wird diskutiert, den Keller langfristig sichtbar zu machen.

„Der freigelegte Steinkeller ist ein außergewöhnlicher Fund von großer Bedeutung für die Berliner Stadtgeschichte. Aufgrund seines guten Erhaltungszustandes eignet sich das Bauwerk in besonderer Weise, als archäologisches Fenster dauerhaft sichtbar und erlebbar gemacht zu werden. Diesen Vorschlag werden wir in den weiteren Planungsprozess einbringen“, erklärt Prof. Dr. Christoph Rauhut, Landeskonservator und Direktor des Landesdenkmalamtes Berlin.

Sicherung und zukünftige Auswertung

Zum Schutz vor Umwelteinflüssen wird der Keller zunächst wieder verfüllt. Parallel dazu schreiten die archäologischen Untersuchungen weiter voran: Bereits mehr als 70 Prozent der Fläche sind erfasst, tausende Befunde und rund 800.000 Funde wurden dokumentiert.

Die abschließende wissenschaftliche Auswertung steht jedoch noch aus und wird erst nach Abschluss der Grabungen erfolgen. Schon jetzt zeigt sich jedoch, dass der Fund des Steinkellers das Bild des mittelalterlichen Berlin nachhaltig erweitern wird.

Quelle: Landesdenkmalamt Berlin

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