Mittelalterliche Wüstung bei Halberstadt gibt Einblicke in die Entwicklung einer Siedlung

Archäologische Ausgrabungen im Osten von Halberstadt haben die Überreste einer mittelalterlichen Wüstung freigelegt. Die Untersuchungen dokumentieren die Entwicklung und Erweiterung einer über längere Zeit bewohnten Siedlung mit Grubenhäusern, Brunnen und klar erkennbarer Parzellenstruktur. Gleichzeitig geben die ungewöhnlich wenigen Funde Rätsel auf und werfen neue Fragen zum Ende der vermutlich als „Kühlingen“ bekannten Ortschaft auf.

Luftaufnahme eines archäologischen Grabungsfelds mit rechteckigen und quadratischen Bodenstrukturen sowie grünem Bewuchs an den Rändern
Im Befund zeichnen sich die Reste von Grubenhäusern ab© Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Klaus Bentele

Im Zuge der weiteren Erschließung des Industriegebiets „Ost“ in Halberstadt untersucht das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (LDA) Sachsen-Anhalt derzeit ein archäologisch bedeutendes Areal südlich des heutigen Frevelgrabens. Bereits vor Beginn der Arbeiten hatten geophysikalische Messungen auf die Existenz einer mittelalterlichen Siedlung hingewiesen. Sichtbar wurden dabei Teile einer mehrgliedrigen Grabenanlage sowie zahlreiche Strukturen innerhalb der Umfassung.

Seit März dieses Jahres wird der Fundplatz archäologisch untersucht. Die bisherigen Ergebnisse bestätigen die hohe wissenschaftliche Bedeutung der Fläche, die über Jahrhunderte als Siedlungs- und Bestattungsplatz genutzt wurde.

„Die archäologischen Funde am Frevelgraben geben uns einen faszinierenden Einblick in die Geschichte unserer Stadt und zeigen einmal mehr, wie viele Spuren vergangener Generationen sich noch heute im Halberstädter Boden finden. Gleichzeitig entwickeln wir mit der weiteren Erschließung des Industriegebietes ›Ost‹ einen wichtigen Wirtschaftsstandort für die Zukunft unserer Stadt. Umso wichtiger ist es, dass diese Entwicklung in enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie erfolgt und wertvolle Zeugnisse unserer Geschichte fachgerecht untersucht, dokumentiert und für kommende Generationen bewahrt werden“, erklärt Oberbürgermeister Daniel Szarata.

Eine aufgegebene mittelalterliche Ortschaft

Die Ausgrabungen haben bestätigt, dass es sich bei dem Gelände um eine sogenannte Ortswüstung handelt, also um eine mittelalterliche Siedlung, die im Laufe ihrer Geschichte verlassen wurde.

„Die Untersuchungen bestätigten die Vermutung, es handle sich bei dem nun näher untersuchten Areal um eine sogenannte Ortswüstung, also eine mittelalterliche Siedlung, die im Laufe der Zeit von der Bevölkerung verlassen wurde“, erläutert Susanne Friederich, Abteilungsleiterin ›Überregionale Bodendenkmalpflege‹ im Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt. „Von besonderem wissenschaftlichen Interesse ist die deutlich nachvollziehbare Parzelleneinteilung der Siedlung. Sie wird uns umfangreiche Einblicke in das Leben der ehemaligen Bewohner erlauben.“

Besonders bemerkenswert ist die gute Erhaltung der Siedlungsstrukturen. Dokumentiert wurden zahlreiche in Reihen angeordnete Grubenhäuser, dazugehörige Siedlungsgruben sowie zwei Brunnen. Die regelmäßig angelegten Parzellen ermöglichen den Forschern eine detaillierte Rekonstruktion der räumlichen Organisation des Dorfes.

Während im nördlichen Bereich keine Hausstandorte nachgewiesen wurden, deuten Grubenbefunde und Kulturschichten darauf hin, dass der Bereich entlang des Gewässers intensiv genutzt wurde. Offenbar spielte der Uferraum für das wirtschaftliche Leben der Bewohner eine wichtige Rolle.

Spuren einer wachsenden Siedlung

Die Grabungsbefunde zeigen, dass sich die Siedlung im Laufe ihrer Geschichte mehrfach verändert hat. Überschneidungen von Befunden sowie direkt benachbarte Grubenhäuser belegen mindestens zwei Hauptnutzungsphasen.

Demnach wurde der Ort nicht statisch genutzt, sondern entwickelte sich über längere Zeit weiter. Neue Häuser entstanden an anderer Stelle, wodurch sich der Siedlungskern offenbar allmählich verlagerte. Auch die dokumentierten Grabenstrukturen im Innen- und Außenbereich weisen auf wiederholte Anpassungen und Erweiterungen der Anlage hin.

Die Befunde zeichnen damit das Bild einer wachsenden und dynamischen Dorfgemeinschaft, deren Siedlungsfläche immer wieder neu organisiert wurde.

Wenige Funde werfen neue Fragen auf

Eine Besonderheit der Ausgrabung ist das auffallend geringe Fundaufkommen. Während mittelalterliche Wüstungen häufig reichhaltige Mengen an Alltagsgegenständen, Werkzeugen oder Keramik liefern, wurden am Frevelgraben bislang nur wenige Objekte geborgen.

Zu den Funden zählen einzelne Keramikscherben sowie einige Metallobjekte, darunter ein bronzener Zapfhahn, Beschläge und Gürtelschließen. Nach Einschätzung der Archäologen dürfte dies jedoch nur ein kleiner Rest des einstigen Besitzes sein.

Die geringe Funddichte spricht dafür, dass die Bewohner ihre Siedlung geordnet und planvoll verließen. Hinweise auf eine gewaltsame Zerstörung oder einen überstürzten Abbruch der Besiedlung fehlen bislang vollständig.

Skelett eines liegenden Tieres mit Schädel und Wirbelsäule auf dunklem Untergrund
Eines der freigelegten Tierskelette in situ © Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Klaus Bentele

Ist die Wüstung das mittelalterliche Kühlingen?

Historische Karten liefern möglicherweise einen Hinweis auf die Identität des verlassenen Dorfes. Wüstungskarten aus der Zeit um 1900 verzeichnen rund einen Kilometer westlich des Fundplatzes eine aufgegebene Siedlung mit dem Namen „Kühlingen“.

Zudem ist auf historischen Messtischblättern zwischen 1872 und 1943 unmittelbar nördlich der Grabungsfläche ebenfalls die Bezeichnung „Kühlingen“ eingetragen. Die archäologischen Befunde und kartografischen Hinweise sprechen daher dafür, dass die Ausgrabungen die Überreste dieser mittelalterlichen Ortschaft freigelegt haben.

Das Ende der Siedlung bleibt rätselhaft

Trotz der umfangreichen Befunde ist bislang unklar, warum die Bewohner den Ort aufgaben. Weder konnten Zerstörungsschichten nachgewiesen werden noch gibt es Hinweise auf Brandereignisse oder andere Katastrophen.

Aufschluss über die letzte Nutzungsphase sollen nun Radiokarbonanalysen ausgewählter Tierknochen liefern. Die Ergebnisse könnten helfen, das Ende der Besiedlung zeitlich genauer einzuordnen und dem Rätsel um das verschwundene Dorf näherzukommen.

Die archäologischen Untersuchungen werden noch bis Mitte Dezember fortgesetzt.

Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt

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