Gefährdetes Kulturerbe auf dem Meeresgrund: Neue Untersuchungen an historischen Wracks vor Rügen

Ein internationales Forschungsteam hat eines der bedeutendsten Unterwasserdenkmale Mecklenburg-Vorpommerns untersucht. Im Greifswalder Bodden dokumentierten die Wissenschaftler mehrere Wracks aus dem 17. und frühen 18. Jahrhundert, darunter zwei schwedische Kriegsschiffe, die 1714 dem Eisgang zum Opfer fielen.

Ein Taucher in kompletter Ausrüstung arbeitet unter Wasser am Meeresgrund. Er hält ein Werkzeug in der Hand und untersucht ein größeres, bewachsenes Holzstück. Neben ihm liegt ein weiteres Werkzeug mit blauem Griff auf dem sandigen Boden. Im Hintergrund sind weitere Holzreste und Steine zu erkennen, das Wasser ist grünlich getrübt.
Tauchgang in der Ostsee© Georg Häussler/LAKD

Zwischen den Inseln Rügen und Usedom liegt am Eingang des Greifswalder Boddens eines der bedeutendsten Unterwasserdenkmale Mecklenburg-Vorpommerns. Dort ruhen rund ein Dutzend versunkene Handelsschiffe aus dem 17. Jahrhundert auf dem Grund der Ostsee. Bei jüngsten Untersuchungen konnten Archäologen des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern (LAKD) zudem zwei schwedische Kriegsschiffe lokalisieren, die im Jahr 1714 durch Eisgang zerstört wurden.

Die Untersuchungen fanden im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojekts zur schwedischen Marinegeschichte statt. Federführend ist das in Stockholm ansässige Wrackmuseum Vrak. Ziel des Projekts ist die umfassende Dokumentation der Wracks sowie die Bewertung ihres Erhaltungszustands.

Archäologische Quellen zur Handels- und Marinegeschichte

Die Schiffsfunde veranschaulichen die historische Bedeutung der Ostsee als Handelsraum zwischen Mittel- und Nordeuropa, zugleich aber auch als Schauplatz militärischer Konflikte. Die Wracks bewahren Informationen über Handelsbeziehungen, Schifffahrtsrouten und die maritime Kriegsgeschichte der Region.

Kulturministerin Bettina Martin betonte die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit für die Erforschung dieser Fundstellen:

„Das Projekt zeigt, wie wichtig die internationale Zusammenarbeit bei der Erforschung der archäologischen Fundstellen ist.“ Darüber hinaus verwies sie auf den wissenschaftlichen Wert der Funde für die regionale Schiffbauforschung: „Die Ostsee war schon vor Jahrhunderten maßgeblicher Handelsraum zwischen Mittel- und Nordeuropa und leider auch immer wieder Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen. Die Schiffswracks sind ein Beleg dafür. Auch in der Erforschung des Schiffbaus in Vorpommern können die Wracks zahlreiche Erkenntnisse liefern.“

Bedrohtes Kulturerbe unter Wasser

Die Erhaltung archäologischer Fundstellen im küstennahen Bereich stellt Fachleute zunehmend vor Herausforderungen. Neben natürlichen Einflüssen wie Strömungen, Wellengang und Küstenerosion gefährdet insbesondere die Ausbreitung der Bohrmuschel Teredo navalis die hölzernen Überreste historischer Schiffe. Der sogenannte Schiffsbohrwurm kann freiliegendes Holz innerhalb kurzer Zeit erheblich beschädigen.

Hinzu kommen die Folgen veränderter Umweltbedingungen. Häufigere Sturmereignisse verstärken die Erosion, während Infrastruktur- und Offshore-Projekte den Nutzungsdruck auf die Fundstellen erhöhen.

Internationale Kooperation für den Schutz der Ostsee-Fundstellen

Für das LAKD besitzt das Projekt Modellcharakter. Dr. Ramona Dornbusch, Direktorin des Landesamtes, hebt die Verbindung von Forschung, internationaler Zusammenarbeit und öffentlicher Vermittlung hervor:

„Das archäologische Kulturerbe in der Ostsee zählt zu den großen kulturellen Schätzen Mecklenburg-Vorpommerns. Von versunkenen steinzeitlichen Siedlungen bis zu Schiffswracks aus historischer Zeit spiegelt sich hier die Geschichte des Ostseeraums wider. Projekte wie das im Greifswalder Bodden machen die Bedeutung dieses Kulturerbes für eine breite Öffentlichkeit sichtbar.“

Auch der Landesarchäologe Dr. Detlef Jantzen verweist auf die besondere Verantwortung Mecklenburg-Vorpommerns als gewässerreichstes Bundesland Deutschlands:

„Als gewässerreichstes Bundesland hat Mecklenburg-Vorpommern besonders viele archäologische Fundstellen unter Wasser. Viele von ihnen sind akut gefährdet, weil sich die natürlichen Rahmenbedingungen ändern. So führen häufigere Stürme zu einer verstärkten Zerstörung küstennaher Fundstellen. Hinzu kommt ein zunehmender Nutzungsdruck durch Offshore-Baumaßnahmen. Durch die Ratifizierung der UNESCO-Konvention zum Schutz des archäologischen Erbes unter Wasser könnte der Schutz der Fundstellen nachhaltig gestärkt werden“.

Zustand dokumentiert und Fundstellen gesichert

Während des jüngsten Forschungseinsatzes dokumentierte das internationale Tauchteam nicht nur den Erhaltungszustand der beiden schwedischen Kriegsschiffe sowie der historischen Schiffsperre. Die Archäologen ergriffen zugleich Maßnahmen, um die Fundstellen gegen weitere Erosion und fortschreitenden Verfall zu sichern.

Im nächsten Schritt erfolgt die detaillierte wissenschaftliche Auswertung der gewonnenen Daten. Von ihr erhoffen sich die Forscher neue Erkenntnisse zur maritimen Geschichte des Ostseeraums und zur Entwicklung des historischen Schiffbaus in Vorpommern.

Quelle: Ministerium für Wissenschaft, Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten Mecklenburg-Vorpommern

Lesen Sie außerdem: Archäologie am Meeresgrund: Kulturerbe in Nord- und Ostsee 

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