Entdeckung in Fuente Álamo: Forscher identifizieren älteste römische Bibliothek der Iberischen Halbinsel

Ein Forschungsteam der Universität Granada hat in der römischen Villa Fuente Álamo bei Córdoba die bislang älteste dokumentierte Bibliothek der Iberischen Halbinsel identifiziert. Neue archäologische Analysen zeigen, dass ein lange als Mithräum gedeuteter Raum tatsächlich der Lese-, Schreib- und Bildungskultur diente.

Rechteckiger, aus Stein gemauerter Raum mit mehreren abgetrennten Bereichen. Der Boden ist mit Mosaikmustern in verschiedenen geometrischen und figürlichen Motiven verziert. Im oberen Bereich befindet sich eine halbrunde Nische. In der linken oberen Ecke ist eine Maßstabsleiste abgebildet.
Photogrammetrisches Modell der Fuente Álamo-Bibliothek (Puente Genil) mit der Apsis, den rechteckigen und halbkreisförmigen Nischen und den angrenzenden Vorräumen.© A. López García, J. Martinez-Jiménez & E. Cerrato Casado 2026

Eine neue Untersuchung der Universität Granada hat die Funktion eines bislang rätselhaften Raumes in der römischen Villa Fuente Álamo in Puente Genil (Córdoba) neu bewertet. Der Bereich galt lange Zeit als mögliches Mithräum, also als Kultstätte des Mithraskults. Die aktuelle Studie kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis: Der Raum war eine Bibliothek.

Damit handelt es sich nach Einschätzung der Forscher um die älteste bislang dokumentierte Bibliothek auf der Iberischen Halbinsel. Zugleich zählt sie zu den am besten erhaltenen Beispielen einer privaten Bibliothek aus der Römerzeit.

Die Ergebnisse wurden im Journal of Mediterranean Archaeology veröffentlicht.

Schwierige Suche nach antiken Bibliotheken

Die Identifizierung römischer Bibliotheken stellt die Archäologie vor besondere Herausforderungen. Bücher, Schriftrollen und die meist aus Holz gefertigten Regale sind in der Regel nicht erhalten geblieben. Dadurch fehlen häufig die direkten Hinweise auf die ursprüngliche Nutzung eines Raumes.

Die Studie von Antonio López García, Javier Martínez-Jiménez und Eduardo Cerrato Casado entstand im Rahmen des Projekts Exploratio Territorii Antiquae Ecclesiae Cordubensis. Ziel war es, die Funktion des Raumkomplexes anhand seiner baulichen Merkmale neu zu bewerten.

Architektur liefert die entscheidenden Hinweise

Für ihre Untersuchung nutzten die Wissenschaftler die Methode der sogenannten Formgrammatik. Dabei wird nicht ein einzelnes architektonisches Element betrachtet, sondern die Kombination verschiedener Baumerkmale analysiert.

Im Fall von Fuente Álamo ergab diese Auswertung ein Muster, das typisch für römische Bibliotheken ist. Der Raum verfügt über eine Apsis, rechteckige Wandnischen, die vermutlich Bücherregale aufnahmen, weitere halbrunde Nischen, ein Podium sowie angrenzende Nebenräume. Diese könnten als Arbeitsbereiche oder Lagerräume genutzt worden sein.

Erst das Zusammenspiel dieser Elemente ermöglichte eine überzeugende Neubewertung des Befunds. Die Forscher konnten dadurch die bisherige Interpretation als Mithräum verwerfen und den Raum als Ort des Lesens, Studierens und der kulturellen Repräsentation einordnen.

Die westlichste bekannte Bibliothek des Römischen Reiches

Die Bedeutung der Entdeckung reicht über die Iberische Halbinsel hinaus. Nach Einschätzung der Wissenschaftler handelt es sich nicht nur um die älteste bekannte Bibliothek der Region, sondern auch um die westlichste bislang identifizierte Bibliothek im gesamten Römischen Reich.

Darüber hinaus bewerten die Forscher die Anlage als die am besten erhaltene private Bibliothek der bekannten römischen Welt. Eine Ausnahme bildet lediglich die berühmte Villa der Papyri in Herculaneum, in der zwar die Schriftrollen erhalten blieben, das ursprüngliche Gebäude jedoch nicht.

Hinweise auf den Besitzer der Bibliothek?

Zusätzliche Aufmerksamkeit erhält die Entdeckung durch eine begleitende Hypothese der Autoren. Sie vermuten einen Zusammenhang zwischen der Bibliothek und einem Sarkophag, der im 19. Jahrhundert in der nahegelegenen Fundstelle Villares del Carril entdeckt wurde.

Das heute im Museum von Málaga aufbewahrte Objekt ist als Declamatio-Sarkophag bekannt und zeigt Szenen des Lesens, Lehrens und der Gelehrsamkeit. Sowohl seine Datierung als auch seine Bildsprache stimmen mit der zweiten Bauphase der Villa Fuente Álamo überein.

Die außergewöhnlich gute Erhaltung der Architektur macht Fuente Álamo zu einem wichtigen Referenzbeispiel für die Erforschung antiker Bibliotheken und der römischen Schriftkultur.

 

Besonders bemerkenswert ist eine der dargestellten Figuren: ein bärtiger Mann mit Schriftrolle und Kodex. Die Forscher sehen Ähnlichkeiten zu einer Personendarstellung auf einem Mosaik der Villa, die in früheren Studien als Eigentümer der Anlage interpretiert wurde.

Ein direkter Nachweis für diesen Zusammenhang fehlt zwar bislang. Sollte sich die Vermutung jedoch bestätigen, könnte der Sarkophag den Besitzer der Bibliothek darstellen. Damit eröffnete sich ein außergewöhnlicher Einblick in die Bildungs- und Schriftkultur der ländlichen Eliten der spätantiken Provinz Baetica.

Quelle: Universidad de Granada

Originalpublikation:

López García, A., Martínez Jiménez, J., & Cerrato Casado, E. (2026). New Approaches to Identifying Roman Libraries: Two Late Antique Examples from Stobi (North Macedonia) and Fuente Álamo (Spain). Journal of Mediterranean Archaeology. 39.1. https://doi.org/10.1558/jma.35930

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