Die achte Ausgrabungskampagne an der tartessischen Fundstätte Casas del Turuñuelo in Guareña (spanische Provinz Badajoz) hat einen der bislang spektakulärsten Funde des Projekts hervorgebracht: Archäologen entdeckten einen reich verzierten Bronzewagen, dessen Bauweise und Dekoration auf der Iberischen Halbinsel bislang ohne Parallelen sind.
Ein einzigartiger Fund mit Verbindungen nach Etrurien
Der bronzene Wagen wurde im südlichen Bereich des Hauptgebäudes von Casas del Turuñuelo freigelegt. Das Objekt besteht aus einem kunstvoll gestalteten Wagenkasten, der mit figürlichen Darstellungen verziert ist.
Auf der Vorderseite erscheint Acheloos, ein aus der griechischen Mythologie bekannter Flussgott, dessen Darstellung möglicherweise Bezüge zur Unterwelt aufweist. Die Seiten schmücken zwei Greifen mit Adlerkopf und Löwenkörper. An den Enden tragen menschliche Figuren mit erhobenen Armen die Konstruktion, die auf zwei reich dekorierten Rädern ruht.
„Es handelt sich um einen der bedeutendsten Funde, die bisher an dieser tartessischen Stätte aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. gemacht wurden“, betont Esther Rodríguez, Co-Leiterin der Ausgrabungen.
Dokumentation der Fundsituation des Bronzewagens
© IAM-CSIC
Nach aktuellem Forschungsstand stammen die einzigen vergleichbaren Objekte aus dem antiken Etrurien in Mittelitalien. Diese Parallelen legen nahe, dass das Stück entweder dort gefertigt wurde oder stark von etruskischen Vorbildern beeinflusst ist.
Hinweise auf rituelle Praktiken
Die genaue Funktion des Wagens ist bislang ungeklärt. Sein Fundkontext deutet jedoch darauf hin, dass er in einem kultischen oder zeremoniellen Zusammenhang gestanden haben könnte.
„Es könnte mit rituellen Handlungen, insbesondere mit Banketten, in Verbindung stehen. Tatsächlich wurde der Fund neben dem sogenannten Bankettsaal gemacht, einem Zeugnis des letzten Festmahls, das die Gemeinde Turuñuelo vor der Schließung des Gebäudes feierte“, erläutert Sebastián Celestino, Co-Leiter der Ausgrabungen.
Der Fundort gewinnt dadurch zusätzlich an Bedeutung, da Casas del Turuñuelo bereits mehrfach Hinweise auf außergewöhnliche rituelle Aktivitäten geliefert hat.
Importfunde belegen mediterrane Handelsnetzwerke
Neben dem Bronzewagen kamen weitere bemerkenswerte Objekte ans Licht. Dazu zählen Keramik aus Attika, ein Alabastergefäß aus Ägypten sowie Elfenbeinschnitzereien mit Darstellungen von Kriegern, Tieren und Pflanzen.
Diese Funde verdeutlichen, dass die Bewohner von Tartessos Teil eines weit verzweigten Handelsnetzes waren, das die Iberische Halbinsel mit zahlreichen Regionen des Mittelmeerraums verband.
„Diese Funde liefern uns wertvolle Informationen zum Verständnis der Handelsbeziehungen zwischen dem Osten und der Iberischen Halbinsel. Wir dokumentieren Importe und einzigartige Stücke, die uns helfen, diese Austauschnetzwerke zu rekonstruieren“, erklärt Rodríguez.
Die Kombination aus etruskischen, griechischen und ägyptischen Objekten unterstreicht die internationale Ausrichtung des Fundortes und seine Bedeutung als Knotenpunkt kultureller Kontakte.
Neue Räume im monumentalen Gebäudekomplex
Die jüngste Grabungskampagne konzentrierte sich auf den nördlichen und südlichen Bereich des rund 90 Meter durchmessenden Grabhügels, unter dem das Hauptgebäude am Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. bewusst versiegelt wurde.
Besonders im Umfeld des Raumes H-100, der mit rund 70 Quadratmetern bislang die größte freigelegte Kammer des Komplexes darstellt, konnten neue Räume und Verkehrsflächen dokumentiert werden.
„Die Arbeiten haben es uns ermöglicht, neue Räume und Verkehrsflächen zu dokumentieren, die unser Wissen über die Architektur des Tartessischen Komplexes erweitern, dessen Erhaltungszustand nach wie vor außergewöhnlich ist“, so Rodríguez.
Im nördlichen Grabungsbereich wurden zudem zwei Feuerschalen und ein Bronzekessel entdeckt, die erneut auf den außergewöhnlichen Reichtum der Anlage hinweisen.
Die wissenschaftliche Auswertung beginnt
Mit dem Abschluss der Feldarbeiten rückt nun die wissenschaftliche Analyse der Funde in den Mittelpunkt. Restaurierung, Dokumentation und materialkundliche Untersuchungen sollen Antworten auf zentrale Fragen zur Nutzung der Räume, zur Funktion des Votivwagens und zu den Handelsbeziehungen von Tartessos liefern.
„Die zweite Phase jeder archäologischen Ausgrabung ist unerlässlich. Jetzt beginnt eine grundlegende Aufgabe, die es uns ermöglichen wird, die Funktionalität der Räumlichkeiten, die Handelsbeziehungen und letztlich das Leben der Menschen, die diesen Ort bewohnten, besser zu verstehen“, erklärt Rodríguez.
Die Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten werden vom Service für Konservierung, Restaurierung und wissenschaftliche Studien des archäologischen Erbes (SECYR) der Autonomen Universität Madrid durchgeführt.
Casas del Turuñuelo bleibt eine Fundstätte der Superlative
Seit mehr als einem Jahrzehnt liefert Casas del Turuñuelo immer wieder herausragende Entdeckungen zur Kultur von Tartessos. Zu den bedeutendsten Funden zählen die Überreste des bislang größten bekannten Tieropfers im westlichen Mittelmeerraum, die frühesten menschlichen Darstellungen der tartessischen Kultur, eine beschriftete Schiefertafel mit südpaläohispanischer Schrift sowie ein als ältester griechischer Marmoraltar im westlichen Mittelmeerraum interpretierter Fund.
Der nun entdeckte bronzene Wagen reiht sich in diese Serie außergewöhnlicher Entdeckungen ein. Gemeinsam mit den Importfunden verdeutlicht er die zentrale Rolle von Tartessos innerhalb der mediterranen Austauschnetzwerke des 5. Jahrhunderts v. Chr. und eröffnet neue Forschungsansätze zur kulturellen und wirtschaftlichen Verflechtung der Iberischen Halbinsel mit der antiken Mittelmeerwelt.