Im Zuge von Sanierungsarbeiten an einem Deich bei Groß Rosenburg im Salzlandkreis konnten Archäologen einen für Mitteleuropa außergewöhnlichen Siedlungshügel dokumentieren. Der Fundplatz erstreckte sich ursprünglich über rund acht Hektar und wurde über mehrere Jahrtausende hinweg wiederholt als Siedlungsstandort genutzt.
Solche künstlich angewachsenen Wohnhügel werden als Tells bezeichnet. Sie entstehen, wenn Menschen über lange Zeiträume an einem Ort leben und dabei Hausreste, Bauschutt sowie Siedlungsabfälle Schicht um Schicht übereinander ablagern. Während diese Siedlungsform vor allem aus dem Vorderen Orient bekannt ist, tritt sie auch in Teilen Südosteuropas und der Ungarischen Tiefebene häufig auf. In Mitteldeutschland gelten derartige Anlagen hingegen als vergleichsweise selten.
Ein seltenes Beispiel eines mitteleuropäischen Tells
Der Wohnhügel von Groß Rosenburg nimmt innerhalb Mitteleuropas eine besondere Stellung ein. Vor rund 250 Jahren wurde über dem damals noch etwa zweieinhalb Meter hohen Hügel ein Deich errichtet. Diese Maßnahme schützte den archäologischen Befund bis in die Gegenwart und bewahrte ihn vor den Auswirkungen intensiver landwirtschaftlicher Nutzung.
Die Entstehung des Hügels begann bereits im Neolithikum. Durch das fortlaufende Aufschütten von Baumaterial und Siedlungsresten erhöhten die Bewohner nach und nach das Geländeniveau. Dieses sogenannte „Hochwohnen“ ermöglichte es ihnen, auch in der von der Saale geprägten und hochwassergefährdeten Flussaue auf trockenem Untergrund zu leben. Der Standortvorteil in einer zugleich äußerst fruchtbaren Landschaft dürfte ein wesentlicher Grund für die lange Nutzung des Areals gewesen sein.
Archäologische Schichten erzählen von 7500 Jahren Geschichte
Die Deichsanierung im Jahr 2025 erlaubte einen punktuellen Einblick in die Schichtenfolge des Tells. Trotz der begrenzten Untersuchungsfläche konnten mehrere Besiedlungsphasen nachgewiesen werden.
Zu den frühesten Nutzern des Platzes zählen Angehörige der Linienbandkeramik (5500 bis 4900 v. Chr.) und der Stichbandkeramik (4900 bis 4600 v. Chr.). Weitere Siedlungsphasen sind für das Mittelneolithikum und die Späte Bronzezeit belegt. Nach einer erneuten Nutzung während der Völkerwanderungszeit ließen sich im 9. Jahrhundert n. Chr. schließlich slawische Gemeinschaften auf dem Hügel nieder.
Ob der Platz auch während des späten Neolithikums und der beginnenden Frühbronzezeit kontinuierlich genutzt wurde, lässt sich aufgrund des begrenzten Einblicks in die Stratigraphie derzeit nicht sicher beantworten.
Leben und Tod auf dem Siedlungshügel
Die Befunde zeigen, dass der Tell nicht nur als Wohnort diente. Auf der annähernd ovalen Fläche, die sich über fast einen halben Kilometer Länge erstreckte, fanden sich auch Hinweise auf Bestattungen innerhalb des Siedlungsbereichs. Sowohl Brandbestattungen als auch Körperbestattungen belegen, dass die Menschen hier lebten und ihre Toten in unmittelbarer Nähe ihrer Wohnplätze beisetzten.
Groß Rosenburg. Ausgrabung eines Urnengrabs mit Steinschutz.
© Andriy Danchenko | Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt
Zeugnis einer angepassten Lebensweise
Der Siedlungshügel von Groß Rosenburg verdeutlicht eindrucksvoll, wie menschliche Gemeinschaften bereits vor rund 7500 Jahren mit den Herausforderungen einer hochwassergefährdeten Umwelt umgingen. Durch die bewusste Erhöhung des Siedlungsniveaus schufen sie langfristig nutzbaren Lebensraum in einer besonders ertragreichen Region.
Zugleich unterstreicht der Fund die Bedeutung des Denkmalschutzes. Während viele vergleichbare Wohnhügel in Mitteldeutschland durch jahrhundertelange landwirtschaftliche Nutzung weitgehend abgetragen wurden, blieb der Tell von Groß Rosenburg dank der Überdeckung durch den Deich in bemerkenswertem Zustand erhalten. Damit bietet er heute eine seltene Möglichkeit, die Entwicklung einer Siedlungsform nachzuvollziehen, die einst weite Teile der mitteldeutschen Flusslandschaften geprägt haben könnte.
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt