Von Dr. Albert Dietz
Artikel erschienen in ANTIKE WELT 3/2026
Seit dem Auftreten der ersten Stempelsiegel im 7. Jt. v. Chr. haben sich die grundlegenden Funktionen des Siegelns erstaunlich wenig verändert. Siegel kennzeichnen Besitz, sichern Räume und Behältnisse und erfüllen mit dem Aufkommen der Schrift auch juristische und administrative Aufgaben, indem sie Personen und Institutionen auf Dokumenten repräsentieren.
Eine besondere Ausprägung dieser Objektgattung ist das sog. Rollsiegel. Es ist das wohl wichtigste Massenmedium des antiken Westasiens (Alter Orient). Heute sind mehr als 150000 Rollsiegel über Museen und Sammlungen auf der ganzen Welt verstreut. Die zahlreichen Darstellungen auf den Siegeln in unterschiedlichen Stilen und Schneidetechniken erlauben eine zeitliche und geographische Ordnung des Materials und helfen bei der Rekonstruktion der Chronologie des Alten Orients.
Sie kamen in der zweiten Hälfte des 4. Jts. v. Chr. in Südmesopotamien, also dem heutigen Südirak und der Susiana-Ebene (heute Chuzestan) des Iran, auf, und damit einige hundert Jahre vor der Entwicklung der Keilschrift. Diese Artefakte lösten nach und nach die einfacheren Stempelsiegel ab, die bereits seit etwa 6500 v. Chr. genutzt wurden. Beide Siegeltypen spielten jedoch über Jahrtausende hinweg im Alltag vieler Menschen eine zentrale Rolle, sowohl in der Verwaltung von dörflichen Gemeinschaften als auch in der von Weltreichen.
Form, Material und Herstellung
Bei Rollsiegeln handelt es sich um kleine, zylinderförmige Objekte. Ihre Höhe variiert zwischen etwa einem und sieben Zentimetern, bei einem durchschnittlichen Durchmesser von rund eineinhalb bis drei Zentimetern. Je nachdem wirken sie dabei entweder schmal und länglich wie Perlen oder kurz und gedrungen wie kleine Tonnen (siehe Abb. 1). Die meisten Exemplare sind an beiden Stirnseiten durchbohrt, sodass ein Kanal entsteht, durch den eine Schnur oder ein Draht geführt werden kann, um das Rollsiegel etwa um das Handgelenk oder den Hals zu tragen. Alternativ konnten sie an einer Gewandnadel befestigt werden, mit der zugleich das Kleidungsstück zusammengehalten wurde.
Zur Herstellung wurden unterschiedliche Materialien wie Muschelkern (organisches Calcit), Ton, Knochen, Metall und künstliche Stoffe wie Quarzkeramik, allen voran aber (Halbedel-)Steine genutzt. Den verschiedenen Mineralen und Gesteinen schrieb man jeweils eigene Werte und Eigenschaften zu, sodass das gewählte Material ebenso wie die auf dem Siegel dargestellten Szenen eine gewisse Bedeutung für die Besitzer hatten. So erfreute sich beispielsweise Hämatit in der ersten Hälfte des 2. Jts. v. Chr. besonderer Beliebtheit als Rohmaterial für Rollsiegel. Aufgrund seines metallischen Glanzes galt er als Symbol für Gerechtigkeit und wurde mit dem Sonnengott in Verbindung gebracht. Ein anderer besonders geschätzter Stein war Lapislazuli aufgrund seiner charakteristisch blauen Farbe, seiner Kostbarkeit und der dem Mineral innewohnende göttliche Schutz. Im sog. Königsfriedhof von Ur wurden mehr als 300 Rollsiegel aus diesem Stein gefunden.
Unterschiedliche Mineralien zur Rollsiegelherstellung (Niederreiter 2024, 96 kat. no. 49).
© Hungarian Natural History Museum, Budapest, Foto: Museum of Fine Arts, Budapest / Gellért Áment
Aufgrund der Rohstoffarmut in Mesopotamien mussten die meisten Steine aber über weite Strecken importiert werden. Bereits im 4. und 3. Jt. v. Chr. bestehen daher weitreichende Handelsnetzwerke. Lapislazuli wurde beispielsweise in Afghanistan abgebaut und über den Land- und Seeweg nach Mesopotamien gehandelt.
Auch aus diesen Gründen wurden Rollsiegel aus hochwertigen Halbedelsteinen oft über lange Zeiträume hinweg wiederverwendet und nicht selten über Generationen weitergegeben: Bei einigen dieser »Erbstücke« lassen sich Nachbearbeitungen feststellen, bei denen Teile der Inschrift oder der Bilddarstellung verändert wurden. Andere Exemplare gelangten so weit über ihre mutmaßlichen Herstellungsorte hinaus, wie ein Hortfund altorientalischer Siegel im böotischen Theben illustriert. Besonders spannend sind auch Funde von Rollsiegeln, die nicht nur in großer geographischer, sondern auch zeitlicher Distanz gefunden wurden. So kam ein klassisch-syrisches Siegel aus dem Beginn des 2. Jts. v. Chr. bei Vicenza (Italien) in einem römischen Grab zutage oder ein neuassyrisch / neubabylonisches Rollsiegel (erste Hälfte des 1. Jts. v. Chr.) in einem römischen Legionslager in Mogontiacum (Mainz), das vermutlich von einem Soldaten aus Westasien als Amulett getragen worden war.
In den meisten Fällen endet jedoch die Nutzung eines Rollsiegels mit dem Tod des Besitzenden. Es wurde es aus dem Gebrauch genommen und dem/der Verstorbenen ins Grab beigegeben, etwa in der Nähe des Kopfes oder eines Arms.
Zur Herstellung von Rollsiegeln benötigte man feine Werkzeuge aus Stein und Metall, meist Bronze. Neben verschiedenen Sticheln, Feilen und Handbohrern benutzte man das durch Rotation betriebene Schleifrad und den Kugelbohrer. Die Bilder auf den zylindrischen Siegeln wurden spiegelverkehrt vom Steinschneider in die Mantelfläche geschnitten. Auch Inschriften mussten auf diese Weise auf die glänzende, polierte Oberfläche des wenige Zentimeter messenden Zylinders angebracht werden. Eine Leistung, die höchste Handwerkskunst erfordert und ohne elektrische Werkzeuge heute nahezu unmöglich erscheint.
Das Abrollen eines Rollsiegels ergibt ein unendliches Band der Bildszene, kassitisches Rollsiegel, 14.–13. Jh. v. Chr., VA 03869.
© Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum, Foto: Olaf M. Teßmer
Beim Abrollen über ein weiches Material wie Ton erscheint die dargestellte Szene daher erhaben und bildet ein fortlaufendes Bildband, das sich prinzipiell unbegrenzt verlängern lässt. Die Oberfläche eines Tonverschlusses – z. B. auf einem Gefäß oder an einer Tür – konnte so deckender und schneller mit der Siegelszene überzogen werden als mit einem einfachen Stempelsiegel. Zugleich bot die Mantelfläche des Zylinders mehr Raum für komplexe, figürliche Darstellungen und Inschriften.
Eine Bilderwelt in Miniatur
Rollsiegel sind in der Regel mit aufwendigen Bildkompositionen versehen. Die Mantelfläche des Zylinders konnte dabei je nach Region und Epoche sehr unterschiedlich gestaltet sein. Dargestellt wurden geometrische Muster, Menschen, Gottheiten und Mischwesen ebenso wie Pflanzen, Tiere oder einzelne Gegenstände, die in vielfältigen Kombinationen zu komplexen Bildszenen zusammengefügt wurden. Von Tier- oder Götterkämpfen, Bankettgelagen, Adorations- und Kultszenen über Jagden auf Tiere und Mischwesen bis zu Darstellungen aus mythologischen Erzählungen kennt der Reichtum des Dargestellten keine Grenzen.
Ab dem 3. Jt. v. Chr. setzte sich zunehmend die Praxis durch, Rollsiegel mit Inschriften zu versehen. Sie galten als Kennzeichen der Position und Rolle einer Person und lieferten zugleich Informationen über den Besitzer des Siegels. Die Standardinschrift der altbabylonischen Zeit nennt den Siegelbesitzer, seine Abstammung, und seinen Beruf oder seine Dienerschaft zu einem König oder einer Institution. Als Beispiel dient hier die Siegelinschrift auf einem Siegel, das in der antiken Stadt Sippar, im heutigen Irak, auf zahlreichen Dokumenten abgerollt wurde: »Sin-ennam, Priester des Šamaš [Sonnengott], Sohn des Sin-imittī, Diener des E-BABBAR-Tempels«.
Ob und mit welchem Inhalt Inschriften eingefügt wurden, variiert je nach Region und Zeit. Die frühesten eingeschnittenen Gebete lassen sich an den Beginn der altbabylonischen Zeit datieren. In der kassitischen Epoche zwischen dem 16. und 12. Jh. v. Chr. entwickelten sich diese Gebete schließlich zu vollständig ausgeführten Texten, die einen Großteil der Bilddarstellungen ersetzten oder diese sogar ganz verdrängten.
Adorant vor Göttin im Strahlenkranz; dahinter Skorpionmensch (girtablullu), der eine Flügelsonne stützt sowie Göttersymbole auf einem Schlangendrachen (mušḫuššu); neuassyrisch, 9.–7. Jh. v. Chr., VA 10114.
© Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum, Foto: Olaf M. Teßmer
Verwendung und Nutzen
Neben ihrem Amulettcharakter hatten Rollsiegeln in ihrer Verwendung vor allem zwei grundlegende Funktionen. Zum einen kennzeichneten sie Besitz oder Zuständigkeit, zum anderen dienten sie der Sicherung und dem Schutz dessen, was versiegelt wurde: Waren beispielsweise konnten in Säcken oder Kisten verpackt und mit Seilen oder Schnüren zugebunden werden. Die Knoten umschloss man mit einem feuchten Tonklumpen, der anschließend von einer oder mehreren Personen gesiegelt wurde, in der Regel von den Besitzern, Lieferanten oder (Lager-)Verwaltern der Waren. Sobald der Ton ausgehärtet war, war es unmöglich, die Verschnürung zu lösen, ohne die Siegelung zu brechen. Dies verhinderte vielleicht nicht den Diebstahl einer ganzen Kiste, aber es machte auf den unerwünschten Zugriff aufmerksam.
Die gleiche Methode wurde beim Verschluss von Türen verwendet: Entweder band man eine Schnur, die an der Tür befestigt war, um einen Pflock in der Wand, verknotet diesen und setzte einen Tonklumpen darüber, oder man versiegelte den Verschlussmechanismus eines Türschlosses.
Rekonstruktion verschiedener versiegelter Objekte: Tür mit Pflockverschluss, Kiste, Sack und Gefäß; abgerolltes Siegel auf dem Ton angedeutet.
© Volkan Kaçmaz
Um rekonstruieren zu können, was versiegelt wurde, ist es daher v. a. in Ausgrabungen sehr wichtig, die Rückseiten der Siegelungen zu analysieren. Denn dort findet man die Abdrücke von Schnüren, Pflöcken und anderen Oberflächen, an denen die Siegelung angebracht worden war und deren Negativ sich im Ton erhalten hat. Bisweilen geben die eingedrückten Strukturen so auch Hinweise auf die Behältnisse. Denn diese bestanden aus organischen Materialien wie Holz, Leder oder Textilien und haben sich im Laufe der Jahrtausende zersetzt. Somit bieten uns Siegel und deren Siegelungen auch einen einzigartigen Einblick in die Verwaltung und den Handel der damaligen Zeit.
Neben der administrativen Funktion dienten Rollsiegel auch als das Äquivalent unserer heutigen Unterschrift. Bei juristischen Angelegenheiten siegelten die Richter, beteiligte Parteien, Schreiber und Zeugen die Niederschrift des Prozesses, wie man beispielsweise an einer gesiegelten Erbteilungsurkunde sehen kann.
Erbteilungsurkunde mit gesiegeltem Umschlag, altbabylonische Zeit, Ende 19. – Anf. 18. Jh. v. Chr., VAT 00712
© Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum, Foto: Olaf M. Teßmer
Die Siegel wurden auf den Seiten des Umschlags angebracht und mit Namensbeischriften der Siegelnden versehen, damit im Falle einer fehlenden Inschrift auf den Siegeln die im Text genannten Zeugen trotzdem zugeordnet werden konnten. Auch Briefe und andere Dokumente wurden von den Absendern gesiegelt.
Dabei waren Rollsiegel keineswegs ausschließlich im Besitz von Privatpersonen. Auch Beamte, Amtsträger, Institutionen, Herrscher, Städte und sogar Gottheiten verfügten über eigene, spezifische Siegel. Dadurch kam es vor, dass eine einzelne Person mehrere Siegel, je nach Funktion und Zuständigkeit, gleichzeitig verwenden, etwa wenn sie in unterschiedlichen administrativen Bereichen tätig waren. Gleichzeitig sind Fälle belegt, in denen unterschiedliche Personen dasselbe Siegel zur selben Zeit nutzten, weshalb man zwischen Siegelbesitzer und Siegelnutzer unterscheiden muss.
Darüber hinaus gab es auch Möglichkeiten zu siegeln, wenn man keines besaß oder keins zur Hand hatte. So wurde in diesen Fällen entweder der Gewandsaum oder der Fingernagel eingedrückt und z. B. auf der Tontafel vermerkt: »Fingernagelmarke anstelle eines Siegels«. Dies lässt vermuten, dass der Akt des Siegelns eventuell bedeutender war als das Siegel an sich.
Rollsiegel in der Forschung
Erste Beschreibungen von Roll- und Stempelsiegeln aus Vorderasien finden sich bereits im späten 17. und frühen 18. Jh. Dabei handelte es sich zumeist um einzelne Stücke, die im Rahmen gemmenkundlicher Werke vorgestellt wurden. Umfassende wissenschaftliche Bearbeitungen mit dem Ziel einer chronologischen Ordnung setzten im frühen 20. Jh. ein, zeitgleich mit grundlegenden Publikationen einiger bedeutender Sammlungen, etwa der Bibliothèque Nationale und des Musée du Louvre in Paris.
Mit der Etablierung der Vorderasiatischen Archäologie als eigenständiger Disziplin in der Mitte des 20. Jhs. intensivierte sich die systematische Siegelforschung erheblich. Forschende wie Anton Moortgat, Henry Frankfort, Edith Porada, Pierre Amiet und Dominique Collon legten grundlegende Arbeiten zu Sammlungen, Epochen, Regionen und Stilentwicklungen vor, die bis heute maßgeblich sind. Die Forschung war in dieser Phase vor allem kunsthistorisch ausgerichtet und konzentrierte sich auf Stil, Ikonographie und Chronologie.
Seit den 1970er Jahren rückten verstärkt Fragen nach der Nutzung und der Bedeutung von Siegelungen in den Mittelpunkt. Insbesondere die Arbeiten von Enrica Fiandra schärften den Blick für die Analyse der Rückseiten von Siegelungen und für eine stärker kontextbezogene, ganzheitliche Untersuchung.
Gegenwärtig eröffnen digitale Methoden, Online-Datenbanken und der Einsatz künstlicher Intelligenz neue Möglichkeiten, das umfangreiche Corpus altorientalischer Stempel- und Rollsiegel systematisch zu sammeln und auszuwerten.
Mann im Netzrock (Herrscher) als Herr der Tiere; Uruk-Zeit, Ende 4. Jt. v. Chr., VA 10537.
© Staatliche Museen zu Berlin, Vorderasiatisches Museum, Foto: Olaf M. Teßmer
Siegel stellen eine außergewöhnlich dichte Quelle zur Rekonstruktion sozialer und kultureller Strukturen dar. Sie geben Einblick in alltägliche Praktiken, künstlerische Konventionen, politische Entwicklungen, mythologische Vorstellungen und religiöse Handlungen. Zugleich stellen sie die umfangreichste Bildquelle des alten Orients dar. In ihrer Gesamtheit überliefern sie eine Fülle figürlicher Szenen, wie sie von anderen Objektgattungen und besonders der großformatigen Bildwerke kaum bekannt sind, da diese meist nur fragmentarisch und in geringer Zahl erhalten sind.
Auch wenn diese kleinen steinernen Artefakte und deren tönernen Eindrücke im archäologischen Befund und in der Erforschung der Antike leicht zu übersehen sind, bilden sie doch essenzielle Instrumente administrativer Praxis, deren Grundprinzipien bis in die Gegenwart fortwirken.