Zwei Jahrtausende Stadtgeschichte unter dem Theater: Augsburgs Großgrabung ist abgeschlossen

Nach acht Jahren sind die archäologischen Untersuchungen auf dem Gelände des Augsburger Staatstheaters abgeschlossen. Die Ausgrabungen brachten Befunde und Funde aus mehr als 2000 Jahren Stadtgeschichte ans Licht, darunter Überreste einer römischen Siedlung, mittelalterliche Befestigungsanlagen sowie Relikte früherer Theaterbauten.

Im Mittelpunkt steht eine steinerne Treppe, die spiralförmig nach unten führt. Die Treppe besteht aus rechteckigen, unterschiedlich großen Ziegelsteinen, die eng aneinandergefügt sind. Die Wände sind ebenfalls aus Ziegelsteinen gemauert und zeigen eine leichte Krümmung. Die Farbgebung ist überwiegend rötlich-braun, typisch für alte Backsteine.
Tief hinunter ging es für die Stadtarchäologie, die auf der Theaterbaustelle u. a. diese Treppe in einem Wehrturm aus dem 13./14. Jahrhundert freilegte. © Günther Fleps, Stadtarchäologie Augsburg

Mit dem Abschluss der archäologischen Ausgrabungen auf dem Gelände des Augsburger Staatstheaters endet eines der umfangreichsten Forschungsprojekte der Stadtarchäologie der vergangenen Jahrzehnte. Acht Jahre lang begleiteten Archäologen die Bauarbeiten und legten dabei Spuren aus mehr als 2000 Jahren Stadtgeschichte frei. Die Ergebnisse reichen von der Römerzeit über das Mittelalter bis in die jüngere Vergangenheit und eröffnen neue Einblicke in die historische Entwicklung Augsburgs.

Nun sind die Untersuchungen abgeschlossen. Sämtliche Befunde wurden dokumentiert, die Funde geborgen und im Zentraldepot der Stadtarchäologie eingelagert. Die wissenschaftliche Auswertung steht noch bevor und wird in einen Abschlussbericht münden, der als Grundlage für zukünftige Forschungen dienen soll.

Römische Siedlung an einer bedeutenden Fernhandelsstraße

Zu den wichtigsten Ergebnissen zählen die Überreste einer römischen Siedlung entlang der damaligen Fernhandelsstraße nach Gallien und Hispanien. Archäologen legten Teile der antiken Verkehrs- und Infrastruktur frei, darunter Straßenreste und Abschnitte einer Wasserleitung.

Darüber hinaus konnten zahlreiche Gebäudestrukturen nachgewiesen werden. Die Befunde umfassen Wohn- und Wirtschaftsgebäude, Stallungen, Keller, Zisternen, Brunnen und Latrinen. Auch mehrere Körperbestattungen wurden dokumentiert.

Ein umfangreiches Fundspektrum ergänzt die baulichen Überreste. Keramik- und Glasgefäße, Öllämpchen, Schlüssel, Schmuckstücke und Münzen ermöglichen neue Einblicke in den Alltag, die wirtschaftlichen Aktivitäten und die materiellen Lebenswelten der römischen Bevölkerung Augsburgs.

Mittelalterliche Stadtbefestigung außergewöhnlich gut erhalten

Auch das Mittelalter ist auf dem Theaterareal eindrucksvoll vertreten. Besonders bemerkenswert sind die freigelegten Befestigungsanlagen aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Nach Angaben der Stadtarchäologie befinden sich diese Strukturen in einem außergewöhnlich guten Erhaltungszustand.

Die Befunde liefern wertvolle Informationen zur Stadtentwicklung und zur Sicherung Augsburgs im Hochmittelalter. Sie ergänzen das archäologische Bild der mittelalterlichen Stadtbefestigung um wichtige bauliche Details.

Spuren jüngerer Stadt- und Theatergeschichte

Neben den antiken und mittelalterlichen Relikten traten auch Zeugnisse der neueren Stadtgeschichte zutage. Archäologen untersuchten die Kellergeschosse des ehemaligen Kornstadels, der bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts als Vorgängerbau auf dem Areal des heutigen Großen Hauses stand.

Vom ersten Theaterbau aus dem Jahr 1877, der im Zweiten Weltkrieg schwere Schäden erlitt, konnten Teile des Fassadenschmucks geborgen werden. Darüber hinaus wurden die Überreste des einst westlich des Theaters gelegenen Neptunbrunnens dokumentiert.

Eine der komplexesten Ausgrabungen der vergangenen Jahrzehnte

Die Größe des Grabungsareals und die Vielzahl unterschiedlicher Zeitschichten stellten die Archäologen vor besondere Herausforderungen. Grabungsleiter Günther Fleps zieht dennoch eine positive Bilanz:

„Das war aufgrund der gewaltigen Ausmaße und der Komplexität eine der herausforderndsten Ausgrabungen, die wir in der Stadt Augsburg in den zurückliegenden drei Jahrzehnten durchgeführt haben. Andererseits haben wir hervorragende Ergebnisse erzielt, spannende Befunde freigelegt und sehr schöne Funde geborgen.“

Selten erhaltener mittelalterlicher Keller bleibt im Boden

Trotz des Abschlusses der eigentlichen Ausgrabungen steht noch eine denkmalpflegerische Maßnahme bevor. Auf dem Gelände des ehemaligen Augustinerklosters Heilig Kreuz befindet sich ein tiefreichender mittelalterlicher Keller mit einer außergewöhnlich gut erhaltenen Fundschicht.

Besonders bemerkenswert ist der Erhaltungszustand organischer Materialien wie Leder und Holz. Solche Funde gehören zu den seltensten archäologischen Quellen, da sie nur unter dauerhaft feuchten und sauerstoffarmen Bedingungen über Jahrhunderte erhalten bleiben.

Um die empfindlichen Materialien langfristig zu schützen, wird die Fundschicht nicht geborgen, sondern vor Ort konserviert. Dazu wird die rund 8,5 mal 5 Meter große Fläche mit bis zu zehn Meter tief reichenden Bohrpfählen eingefasst und anschließend mit einer etwa einen Meter starken Stahlbetonplatte abgedeckt.

Zur Begründung erklärt Günther Fleps: „Eine Bergung würde nicht nur einen erheblichen finanziellen, zeitlichen und konservatorischen Aufwand verursachen, sondern die empfindlichen Funde auch dem Risiko des schnellen Zerfalls durch Luftkontakt aussetzen. Der Erhalt vor Ort ist daher die fachlich sinnvollste und zugleich wirtschaftlichste Lösung.“

Weg frei für die nächste Bauphase

Mit dem Ende der archäologischen Arbeiten kann die nächste Etappe der Generalsanierung des Staatstheaters beginnen. Geplant ist der Bau eines neuen Betriebsgebäudes mit Werkstätten, Probebühnen, Lagerflächen und Verwaltungsbereichen.

Quelle: Stadt Augsburg

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