Im Vorfeld eines Neubauvorhabens auf einem Grundstück an der Ravensberger Straße haben Archäologen erstmals unmittelbare Siedlungsspuren aus der Frühzeit Werthers nachgewiesen. Die Untersuchungen erfolgten in enger Zusammenarbeit mit der LWL-Archäologie für Westfalen und waren erforderlich, da sich die rund 800 Quadratmeter große Baufläche nur etwa 200 Meter von der Kirche St. Jakobus entfernt innerhalb des historischen Ortskerns befindet.
Die Entdeckung besitzt besondere Bedeutung für die Erforschung der Stadtgeschichte. Zwar war bereits seit den Ausgrabungen an der Kirche St. Jakobus im Jahr 1980 bekannt, dass deren älteste Fundamente in das späte 9. bis 11. Jahrhundert datieren. Auch die erste schriftliche Erwähnung Werthers aus dem Jahr 1009 ist seit Langem bekannt. Archäologische Zeugnisse der mittelalterlichen Besiedlung fehlten jedoch bislang nahezu vollständig.
Abgesehen von einem zuvor dokumentierten Graben im Bereich des Neubaugebiets „Blotenberg“ konnten bislang keine eindeutigen Siedlungsreste aus dieser frühen Phase des Ortes nachgewiesen werden. Die nun abgeschlossene Ausgrabung liefert daher den ersten direkten archäologischen Beleg für eine Besiedlung im Bereich der Altstadt.
Hausgrundriss aus dem 10./11. Jahrhundert freigelegt
Unter der Leitung von Hisham Nabo dokumentierte das Grabungsteam insgesamt 39 Befunde. Neben einem jüngeren, aus Backstein errichteten Brunnen und weiteren neuzeitlichen Strukturen standen vor allem mehrere Pfostengruben im Fokus der Untersuchungen.
Rainer Kist legt eine Besonderheit an der Westseite des mittelalterlichen Hauses frei, hier hatte man offensichtlich einen morsch gewordenen Pfosten ersetzt und die Grube zur längeren Haltbarkeit mit Steinen ausgekleidet.
© LWL/S. Düvel
Diese Befunde lassen den Grundriss eines nahezu 20 Meter langen Gebäudes erkennen, das in typischer Pfostenbauweise errichtet wurde. Das Haus befand sich einst in unmittelbarer Nähe des Schwarzbachs, der für die Entwicklung der frühen Siedlung vermutlich eine wichtige Rolle spielte.
Besonders aussagekräftig sind Hinweise auf die Nutzungsgeschichte des Gebäudes. Reparaturspuren an einer Pfostenstellung zeigen, dass einzelne tragende Elemente während der Nutzungsdauer ersetzt wurden. Die neue Pfostengrube wurde zum Schutz vor Feuchtigkeit mit Steinen ausgekleidet. Da diese zuvor starker Hitze ausgesetzt gewesen waren, könnten sie aus einer älteren Feuerstelle stammen. Solche Details ermöglichen es, die Nutzung und Instandhaltung des Hauses auch rund 1.000 Jahre nach seiner Aufgabe nachzuvollziehen.
Keramikfunde ermöglichen Datierung
Die zeitliche Einordnung der Siedlungsspuren gelang durch Keramikscherben aus den Pfostengruben. Die Funde gehören zu Keramiktypen des 10. und 11. Jahrhunderts und datieren den erfassten Siedlungsausschnitt somit genau in jene Epoche, in der auch die frühe Kirche bestand und Werther erstmals urkundlich erwähnt wurde.
Damit belegen die archäologischen Befunde, dass sich im unmittelbaren Umfeld der Kirche bereits in dieser Zeit eine dauerhafte Besiedlung entwickelt hatte.
Bedeutung für die Stadtgeschichte
Die Ausgrabung schließt eine wesentliche Lücke in der Erforschung der frühen Geschichte Werthers. Erstmals liegen nun konkrete archäologische Belege für die Besiedlung des historischen Ortskerns vor und ergänzen die bislang hauptsächlich auf schriftlichen Quellen und den Befunden der Kirche beruhenden Erkenntnisse.
„Die Ausgrabung hat einmal mehr gezeigt, wie wichtig die archäologische Begleitung von Baumaßnahmen in historischen Ortskernen generell und insbesondere bei Nachverdichtungen ist," so Sebastian Düvel, wissenschaftlicher Referent der LWL-Archäologie für Westfalen/Außenstelle Bielefeld. "Nur durch archäologische Untersuchungen sind diese wichtigen Erkenntnisse zur Stadtgeschichte noch zu erhalten. Sie können auf keinem anderen Weg mehr gewonnen werden."
Auch die Zusammenarbeit zwischen Denkmalpflege, Bauträger und Archäologie trug wesentlich zum Erfolg der Untersuchung bei. „Wir sind wirklich erfreut über den reibungslosen Ablauf der Untersuchung und dass wir unseren Beitrag zur Erforschung der Stadtgeschichte leisten konnten, zumal wir zum ersten Mal mit der Archäologie zu tun hatten", sagte Bauleiterin Mareike Bünting. Die enge Abstimmung aller Beteiligten ermöglichte die wissenschaftliche Dokumentation der Befunde noch vor Beginn der Bauarbeiten.