Was machte Homo sapiens erfolgreicher als andere Menschenformen?

Begegnungen zwischen Neandertalern und Homo sapiens begannen deutlich früher als lange angenommen. Ein neues Forschungsprojekt des LEIZA untersucht auf dem Balkan, wie Umweltveränderungen, technische Innovationen und Kontakte zwischen verschiedenen Populationen die Entwicklung des Menschen prägten.

Archäologische Ausgrabungsstätte in einer Felsüberhanghöhle mit mehreren Personen und Ausgrabungswerkzeugen
Die Fundstelle Suhi Dol in Bosnien und Herzegowina wurde erst 2025 entdeckt. © MONREPOS-LEIZA / Tamara Dogandžić
Warum setzte sich Homo sapiens in der Menschheitsgeschichte durch, während andere Menschenformen wie die Neandertaler verschwanden? Ein neues Forschungsprojekt des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) untersucht, welche Rolle Kontakte zwischen verschiedenen Populationen, Umweltveränderungen und technologische Innovationen dabei gespielt haben. Der Europäische Forschungsrat fördert das Vorhaben „Early ENCOUNTERS“ in den kommenden fünf Jahren mit 1,5 Millionen Euro im Rahmen eines ERC Starting Grants.
Im Mittelpunkt stehen Begegnungen zwischen Neandertalern und Homo sapiens, die weit früher begannen als die bekannte Ausbreitungsphase des modernen Menschen vor rund 50.000 Jahren. Archäologische und fossile Funde deuten darauf hin, dass beide Menschenformen bereits seit etwa 300.000 Jahren wiederholt aufeinandertrafen. Die Folgen dieser frühen Kontakte sind bislang jedoch kaum erforscht.

Der Balkan als Schlüsselregion der Menschheitsgeschichte

Das von Dr. Tamara Dogandžić geleitete Projekt untersucht die Zeit zwischen 300.000 und 100.000 Jahren vor heute. Im Zentrum steht die Balkanhalbinsel, die als Schnittstelle zwischen Europa, Asien und Afrika eine wichtige Rolle für Wanderungsbewegungen und Begegnungen verschiedener Populationen spielte.
„Im Zentrum unseres Projekts steht die Frage nach den Ursprüngen der Komplexität und Vielfalt menschlichen Verhaltens. Neandertaler und Homo sapiens entwickelten in dieser frühen Phase bemerkenswerte Innovationen – von neuen Techniken zur Herstellung von Steinwerkzeugen bis hin zu spezialisierten Jagdmethoden. Entstanden solche Neuerungen durch Begegnungen und den Austausch von Ideen, oder entwickelten verschiedene Populationen sie unabhängig voneinander? Und warum führten manche Begegnungen zum Fortbestehen von Populationen, während andere mit ihrem Verschwinden endeten? Diesen Fragen wollen wir nachgehen, indem wir den Zusammenhang zwischen Bevölkerungsdynamik und kulturellem Wandel untersuchen“, erläutert Dogandžić.

Neue Fundstelle liefert Einblicke in den Alltag der Neandertaler

Eine zentrale Rolle spielt die Fundstelle Suhi Dol in Bosnien und Herzegowina, die erst 2025 entdeckt wurde. Dort haben sich über mehrere Zeitphasen hinweg Steinwerkzeuge, Tierknochen und Feuerstellen erhalten.
„Eine besondere Informationsquelle bietet uns die Fundstelle Suhi Dol in Bosnien und Herzegowina, die uns bei unseren umfangreichen Feldarbeiten als zentraler Fundplatz dient. Dort haben sich über mehrere Zeitperioden hinweg Steinwerkzeuge, Tierknochen und Spuren von Feuerstellen erhalten. Sie ermöglichen es, den Alltag früher Menschen Schritt für Schritt zu rekonstruieren – von der Herstellung von Werkzeugen über Jagd und Ernährung bis zur Nutzung der Landschaft“, berichtet Dogandžić.
Die Funde versprechen neue Erkenntnisse darüber, wie Neandertaler auf wechselnde Umweltbedingungen reagierten und welche Strategien sie für Jagd, Ernährung und Ressourcennutzung entwickelten.

Moderne Methoden sollen Umwelt und Verhalten verknüpfen

Für die Untersuchungen kombiniert das Forschungsteam archäologische Analysen mit Klima- und Umweltforschung, Isotopen- und Biomarkeranalysen sowie genetischen Daten. Verschiedene Datierungsmethoden sollen zudem die zeitliche Einordnung menschlicher Aktivitäten ermöglichen.
Die gesammelten Daten werden anschließend in einem computergestützten öko-kulturellen Nischenmodell zusammengeführt. Dadurch wollen die Forscher nachvollziehen, wie Umweltveränderungen, Bevölkerungsbewegungen und kulturelle Innovationen miteinander zusammenhingen.

Neue Perspektiven auf die Evolution des Menschen

Das Projekt ist Teil des LEIZA-Forschungsfeldes „Menschwerdung: Die Evolution menschlichen Verhaltens“. Langfristig soll es helfen, grundlegende Prozesse der menschlichen Evolution besser zu verstehen.
„Das Projekt ENCOUNTERS trägt dazu bei, eine der interessantesten Fragen unserer Vorgeschichte neu zu betrachten: Was machte den Homo sapiens so anpassungsfähig – und warum konnte er sich letztlich durchsetzen? Die Erkenntnisse aus dem ERC-Projekt werden zu einem besseren Verständnis grundlegender Prozesse der menschlichen Evolution beitragen“, führt die Generaldirektorin des LEIZA und Vizepräsidentin der Leibniz-Gemeinschaft Univ.-Prof. Dr. Alexandra W. Busch aus.

Quelle: LEIZA

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