In der sogenannten Insula der Keuschen Liebenden in Pompeji wurden die Überreste zweier Equiden in unmittelbarer Nähe eines Backofens freigelegt. Der Raum diente zum Zeitpunkt der Katastrophe nicht mehr der Brotherstellung, sondern wurde als provisorischer Stall genutzt. Die Entdeckung erfolgte im Rahmen systematischer Nachuntersuchungen zwischen 2024 und 2026, bei denen zuvor unbearbeitete Sedimentbereiche untersucht wurden.
Die Tiere, als RP1 und RP2 bezeichnet, lagen entlang der Westwand des etwa 6,30 × 3,45 Meter großen Raumes. Ihre Positionen und die Nähe zu baulichen Resten eines ehemaligen Arbeitstisches zeigen, dass die ursprüngliche Nutzung des Raumes bereits verändert worden war.
Osteologische Befunde und Erhaltungszustand
Die Skelette sind unterschiedlich gut erhalten. RP1 weist einen vergleichsweise vollständigen Rumpfbereich auf, während Schädel und Gliedmaßen teilweise fehlen. RP2 ist stärker fragmentiert und zeigt deutliche Brandspuren. Beide Individuen lagen in anatomisch nachvollziehbaren Positionen, die Rückschlüsse auf ihre Lage im Moment des Einsturzes erlauben.
Die Artbestimmung bleibt vorerst offen. Die Autoren halten fest: „Die derzeitigen Erkenntnisse erlauben keine eindeutige Unterscheidung der beiden Individuen hinsichtlich ihrer Klassifizierung als Pferd, Esel oder Mischling, da die in der Literatur beschriebenen morphologischen und morphometrischen Diagnosekriterien fehlen. Diese Unterscheidung wird zu einem späteren Zeitpunkt durch biometrische Analysen, die Untersuchung der besser erhaltenen postkranialen Überreste und Gentests erfolgen.“
Das Alter konnte jedoch eingegrenzt werden: RP1 war ein ausgewachsenes Tier von etwa 10 bis 12 Jahren, während RP2 mit 3,5 bis maximal 6 Jahren deutlich jünger war. Neben RP1 fanden sich zwei Eisenringe sowie drei Glasperlen. Diese Objekte werden als Bestandteile eines Geschirrs oder Halsschmucks interpretiert. Ihre Position am Widerrist und Hals spricht für eine funktionale wie möglicherweise auch dekorative Nutzung. Vergleichbare Funde fehlen bei RP2, was auf Unterschiede in Status oder Verwendung der Tiere hindeuten könnte.
Einsturz vor der Eruptionsphase
Ein zentrales Ergebnis betrifft die Abläufe während des Vesuvausbruchs. Im gesamten Fundbereich fehlen Lapilli, die typischerweise in der frühen Phase der Eruption abgelagert wurden. Daraus folgt, dass der Einsturz des Obergeschosses, der die Tiere tötete, vor dieser Ablagerungsphase stattfand.
Die Todesursache ist eindeutig mechanisch: Beide Tiere wurden durch herabstürzende Bauteile zerquetscht. Für RP1 werden Frakturen beschrieben, die mit „vertikalen Kompressionsprozessen“ vereinbar sind. Auch bei RP2 deuten die Verletzungen auf eine massive Druckeinwirkung von oben hin. Weder Hitze noch Ascheeinwirkung waren demnach unmittelbar tödlich.
Baugeschichte und Katastrophenszenario
Die Befunde stehen im Zusammenhang mit umfangreichen Renovierungsarbeiten, die auf ein Erdbeben zwischen 68 und 69 n. Chr. zurückgehen. Der ursprüngliche Stallbereich war beschädigt und teilweise mit Bauschutt verfüllt worden. Gleichzeitig wurde ein neuer Boden eingebracht, was auf eine Umgestaltung der Nutzung hinweist.
Die Tiere wurden während dieser Bauphase in den angrenzenden Raum verlegt. Dort befanden sie sich zum Zeitpunkt des Ausbruchs, als ein Bauelement aus Ahornholz – vermutlich ein Deckenbalken – einstürzte. Brandspuren am Holz und die Ascheablagerungen deuten auf ein Zusammenspiel von Feuer und sauerstoffarmer Umgebung durch pyroklastische Ströme hin, die den Verbrennungsprozess unterbrachen.
Interpretation
Die Funde liefern eine präzise Momentaufnahme der Ereignisse unmittelbar vor und während der frühen Phase des Vesuvausbruchs. Sie zeigen, dass strukturelle Schäden infolge von Vorbeben bereits vor der eigentlichen Eruption tödliche Folgen hatten. Gleichzeitig dokumentieren sie den improvisierten Umgang mit wirtschaftlich genutzten Tieren in einer Phase des Wiederaufbaus.
Quelle: Archäologischer Park Pompeji