Römisches Leben in Osttirol: Grabungen erweitern das Bild von Aguntum

Die Ausgrabungen 2026 in der Römerstadt Aguntum liefern wichtige neue Erkenntnisse zur Bebauung und Entwicklung der einzigen römischen Stadt Tirols. Im Fokus stehen ein außergewöhnlich großer beheizbarer Versammlungsraum, bislang wenig erforschte Bereiche der Thermenanlage sowie frühmittelalterliche Bestattungen in den Ruinen der antiken Stadt. Die Ergebnisse tragen dazu bei, Größe, Struktur und Bedeutung Aguntums als Handels- und Verwaltungszentrum im Alpenraum besser zu verstehen.

Luftaufnahme einer archäologischen Ausgrabungsstätte mit rechteckigen und quadratischen Grundmauern, die ein komplexes Gebäudelayout erkennen lassen. Die Steinmauern sind klar voneinander abgegrenzt und bilden mehrere Räume und Innenhöfe. Im linken Bereich ist ein Abschnitt mit regelmäßigen, kleinen Steinstrukturen zu sehen, die an Fundamente oder Sockel erinnern. Der Boden zwischen den Mauern ist teils mit Gras bewachsen. Im oberen Bildbereich sind weitere Ausgrabungsspuren und Erdarbeiten sichtbar.
Blick auf die Thermenanlagen in Aguntum.© Universität Innsbruck, Institut für Archäologie

Die diesjährige Grabungskampagne in Aguntum in Osttirol hat bedeutende neue Erkenntnisse zur Struktur und Entwicklung der einzigen bekannten Römerstadt Tirols erbracht. Unter der Leitung von Martin Auer vom Institut für Archäologien der Universität Innsbruck untersuchten Wissenschaftler gemeinsam mit Partnerinstitutionen zentrale Bereiche der antiken Siedlung. Im Mittelpunkt standen das Stadtzentrum mit dem Forum, die Thermenanlage sowie die Auswertung geophysikalischer Messungen zur bislang weitgehend unbekannten Ausdehnung der Stadt.

Forschung an einer Stadt, die noch viele Fragen offenlässt

Aguntum nimmt innerhalb der österreichischen Provinzialarchäologie eine besondere Stellung ein. Obwohl die Stadt in römischer Zeit schätzungsweise zwischen 5.000 und 10.000 Einwohner zählte, ist ihre tatsächliche Größe bis heute nicht bekannt. Ursache dafür ist der vergleichsweise geringe Anteil bislang freigelegter Flächen.

„Zur Römerzeit war Aguntum eine kleine Stadt mit schätzungsweise 5.000 bis 10.000 Einwohnern. Ihre genaue Größe ist bis heute nicht bekannt, da bisher nur ein kleiner Teil freigelegt wurde“, erklärt Martin Auer.

Die laufenden Ausgrabungen und geophysikalischen Untersuchungen sollen in den kommenden Jahren dazu beitragen, die räumliche Ausdehnung der Stadt präziser zu bestimmen und ihre Bebauungsstruktur besser zu verstehen.

Das Forum und ein außergewöhnlicher beheizbarer Versammlungsraum

Ein Schwerpunkt der diesjährigen Arbeiten lag auf der Erforschung der Baugeschichte im Bereich des Forums, dem politischen und administrativen Zentrum der antiken Stadt. Bereits im vergangenen Jahr hatten Archäologen unmittelbar neben dem heute größtenteils vom Debantbach überlagerten Forum einen großen Versammlungsraum nachgewiesen.

Besonders bemerkenswert ist dessen technische Ausstattung: Der rund 360 Quadratmeter große Raum verfügte über eine Fußbodenheizung und zählt damit zu den größten bekannten beheizbaren Versammlungsräumen der römischen Welt. Ziel der aktuellen Untersuchungen war es, die Funktionsweise der Anlage besser zu verstehen und die zugehörigen Heizräume zu lokalisieren.

Die Forschungen unterstreichen den hohen baulichen und infrastrukturellen Standard, den Aguntum trotz seiner Lage im alpinen Raum erreichte.

Geophysikalische Messungen liefern wichtige Vergleichsdaten

Auch Ergebnisse geophysikalischer Untersuchungen aus dem Jahr 2025 wurden in der aktuellen Kampagne überprüft. Im Stadtzentrum hatten Messungen Strukturen angezeigt, die zunächst als mögliche Mauern interpretiert worden waren.

Die Ausgrabungen zeigten jedoch, dass es sich stattdessen um langgestreckte Gräben handelt. Obwohl die Erwartungen damit nicht bestätigt wurden, besitzen die Befunde große wissenschaftliche Bedeutung. Sie liefern wichtige Anhaltspunkte für die Interpretation zukünftiger geophysikalischer Daten und verbessern das Verständnis der bislang verborgenen Stadtstrukturen.

Neues Forschungsfeld im Umfeld der Thermen

Ein weiterer Schwerpunkt lag im Bereich der Thermenanlage. Diese war bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren freigelegt worden, während ihre unmittelbare Umgebung weitgehend unerforscht blieb.

Die erneute Untersuchung dieses Areals brachte bereits erste Ergebnisse. So konnten neue Mauerzüge und Gebäudeteile nachgewiesen werden, die auf eine deutlich komplexere Bebauung im Umfeld der Thermen hindeuten. Die Auswertung dieser Befunde steht noch am Anfang und wird in den kommenden Jahren fortgesetzt.

Frühmittelalterliche Bestattung in römischen Ruinen

Neben den baulichen Strukturen stießen die Archäologen auch auf eine Bestattung im Versturzmaterial römischer Mauern. Nach ersten Einschätzungen handelt es sich um eine sogenannte Ruinenbestattung des frühen Mittelalters.

Vergleichbare Befunde sind in Aguntum bereits bekannt. Die genaue Analyse des Skeletts steht noch aus, doch sprechen die bisherigen Hinweise für eine Datierung in das 6. oder 7. Jahrhundert n. Chr. Zu dieser Zeit dienten die noch sichtbaren Überreste der römischen Stadt offenbar als Begräbnisplatz.

Der Fund liefert wichtige Hinweise auf die Nachnutzung der verlassenen Stadt und die Veränderungen der Siedlungslandschaft nach dem Ende der römischen Herrschaft.

Mediterrane Architektur im Alpenraum

Besonderes Interesse gilt weiterhin der Architektur Aguntums, die deutliche Einflüsse aus dem Mittelmeerraum erkennen lässt.

„Die Architektur der römischen Stadt ist bemerkenswert. Trotz ihrer Lage im alpinen Raum ist Aguntum stark mediterran geprägt – das belegt das Atriumhaus mit offenem Innenhof, wie man es aus Pompeji kennt, sowie ein Rundmacellum, ein Marktgebäude, das sonst vor allem in Mittelitalien vorkommt.“

Die Befunde zeigen, dass Aguntum nicht nur politisch und wirtschaftlich in das Römische Reich eingebunden war, sondern auch architektonische und kulturelle Entwicklungen aus dem Mittelmeerraum übernahm.

Handelsnetz zwischen Alpen und Mittelmeer

Archäologische Funde belegen darüber hinaus die weitreichenden Handelskontakte der Stadt. Amphoren und hochwertiges Tischgeschirr aus Italien, Kleinasien und Nordafrika weisen auf regelmäßige Verbindungen zu bedeutenden Adriahäfen wie Aquileia und Triest hin.

Eine wichtige Rolle spielte dabei der Export von Bergkristall. Das begehrte Luxusgut wurde in Aguntum geprüft und vorbearbeitet, bevor besonders hochwertige Kristalle in den Mittelmeerraum gelangten. Die Weiterverarbeitung zu Gefäßen oder Statuetten erfolgte vermutlich durch spezialisierte Handwerker in Italien.

Für Andreas Rudigier, Direktor der Tiroler Landesmuseen, verdeutlichen die aktuellen Ergebnisse die Bedeutung der antiken Stadt: „Dass wir in Aguntum eine der größten bekannten Fußbodenheizungen der römischen Welt vorzuweisen haben, ist eine wahre Sensation. Auch die weiteren Funde und Bauten, von der Thermenanlage bis zum Luxusgut Bergkristall, unterstreichen einmal mehr den wichtigen Stellenwert der Handelsstadt Aguntum zur Zeit ihrer Hochblüte.“

Nur ein Bruchteil der antiken Stadt ist bekannt

Trotz der Fortschritte bleibt Aguntum in weiten Teilen unerforscht. Nach Einschätzung der Wissenschaftler dürfte der heute sichtbare Bereich im archäologischen Park lediglich einen kleinen Ausschnitt der ursprünglichen Stadt repräsentieren.

„Mit jeder Grabungskampagne können einige im Vorfeld der Grabung gestellte Fragen geklärt werden, gleichzeitig ergeben sich aber auch immer neue Fragestellungen aus den Grabungsergebnissen. Ein besonders wichtiger Puzzlestein zur Beantwortung dieser Fragen liegt in der Aufarbeitung des geborgenen Fundmaterials und der genauen Evaluierung der Grabungsbefunde“, betont Martin Auer.

Künftige Forschungsarbeiten sollen sich deshalb verstärkt der Ausdehnung der Stadt und der Lokalisierung ihrer Gräberfelder widmen. Geophysikalische Prospektionen auf den umliegenden Feldern könnten dabei neue Erkenntnisse liefern, ohne größere Grabungsflächen öffnen zu müssen. Die aktuelle Kampagne macht deutlich, dass Aguntum weiterhin zu den wichtigsten archäologischen Forschungsorten der römischen Geschichte im Alpenraum gehört.

Quelle: Universität Innsbruck

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