Die jungsteinzeitliche Siedlung Vráble in der heutigen Slowakei zählt zu den bedeutendsten Fundplätzen der Linearbandkeramik in Mitteleuropa. Seit 2012 untersuchen Forscher der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der slowakischen Akademie der Wissenschaften die weitläufige Siedlung, die zwischen etwa 5250 und 4950 v. u. Z. bestand.
Der Fundplatz umfasst mehr als 300 Hausgrundrisse in drei Siedlungsbereichen. Zeitweise könnten dort bis zu 80 Gebäude gleichzeitig bewohnt gewesen sein. Besonders auffällig ist ein Graben, der eine der Nachbarschaften umschloss und vermutlich der Abgrenzung diente.
Bereits in früheren Grabungskampagnen stießen die Archäologen dort auf menschliche Überreste. Seit 2022 häuften sich die Funde jedoch deutlich: Am Eingang der Siedlung kamen die Überreste von mindestens 78 Menschen zutage – vielfach übereinander oder nebeneinander abgelegt und ohne erkennbare Ordnung.
Während die Ausgrabung der Massendeponierung ab 2022 auf den östlichen Bereich zielte, wird seit 2024 der westliche Bereich ausgegraben.
© Katharina Fuchs
Fast alle Skelette ohne Schädel
Besonders ungewöhnlich ist, dass 77 der entdeckten Individuen ohne Schädel bestattet wurden. Nur bei einem Kinderskelett blieb der Kopf erhalten. Erste Untersuchungen deuten darauf hin, dass zwischen Tod und Niederlegung der Körper nur wenig Zeit verging.
„Die Befunde zeigen klar eine intentionale Manipulation der Körper“, erklärt Dr. Katharina Fuchs, Biologische Anthropologin am Institut für Ur- und Frühgeschichte der CAU und Mitautorin der entsprechenden Studie, die jetzt in der internationalen Fachzeitschrift Proceedings of the Prehistoric Society erschienen ist. „Erste Analysen deuten vor allem an, dass es sich hier nicht um eine gewaltsame ‚Köpfung’ gehandelt hat, sondern eher um eine gekonnte Entfernung der Schädel.“
Wie diese Praxis genau zu deuten ist, bleibt bislang offen. Diskutiert wird unter anderem, ob die Schädel separat aufbewahrt wurden. Vergleichbare Eingriffe an menschlichen Körpern sind aus zahlreichen prähistorischen Gesellschaften bekannt, auch innerhalb der Linearbandkeramik.
Neue Deutung statt Krisenszenario
Massengräber, manipulierte Körper und Bestattungen in Siedlungsgräben wurden bislang häufig als Hinweise auf Gewalt, Konflikte oder gesellschaftliche Krisen am Ende der Linearbandkeramik interpretiert. Die Forscher schlagen nun jedoch eine differenziertere Betrachtung vor.
„Wir haben im Gegenteil Hinweise darauf, dass die für uns ungewöhnlichen Bestattungen Teil sozialer Praktiken waren, die lokale und überregionale Beziehungen strukturierten und nur begrenzt Zeichen von Konflikt und Krise“, sagt Prof. Dr. Martin Furholt von der CAU, Erstautor der Studie.
Auch Co-Autor Dr. Nils Müller-Scheeßel verweist auf die mögliche soziale Bedeutung der Niederlegungen: „Die Niederlegung von Körpern und Körperteilen kann Teil komplexer, bedeutungsvoller und wiederkehrender Handlungen gewesen sein.“ Und weiter: „Erst das Ende solcher Praktiken könnte dann auf tiefgreifende Veränderungen hindeuten.“
Martin Furholt betont zudem die Herausforderungen bei der Interpretation solcher Befunde: „Wir müssen damit rechnen, dass diese Handlungen in ganz anderen Bedeutungszusammenhängen standen als in modernen Gesellschaften.“
Weitere Analysen sollen neue Antworten liefern
Die aktuelle Veröffentlichung bildet die Grundlage für das Forschungsprojekt „Neolithic Bodies“, das seit 2025 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Die beteiligten Wissenschaftler analysieren derzeit die Knochenfunde genauer, bestimmen Alter und biologisches Geschlecht der Toten und untersuchen Schnittspuren an den Halswirbeln.
Hinzu kommen forensische Untersuchungen zu möglichen Gewalteinwirkungen sowie Analysen der Zersetzungsprozesse. Isotopen- und DNA-Untersuchungen sollen künftig weitere Informationen zu Herkunft, Ernährung und Verwandtschaft der Menschen aus Vráble liefern.
Auch das Grabensystem der Siedlung wirft weiterhin Fragen auf. Für die Forschung besitzt der Fundplatz deshalb eine besondere Bedeutung.
„Aber schon die ersten Ergebnisse zeigen, dass Vráble ein außergewöhnlicher Fundplatz ist. Er liefert uns die Schlüssel zur Diskussion grundlegender Fragen: Wie wurden Tod und Körper in der Jungsteinzeit verstanden – und welche Rolle spielten damit verbundene Praktiken im sozialen Gefüge früher bäuerlicher Gesellschaften?“, fasst Martin Furholt zusammen.
Quelle roots, cluster of excellence
Furholt, M., Cheben, I., Hukeľová, Z., Wunderlich, M., Bistáková, A., Furholt, K., Kühl, T., Müller-Scheeßel, N. & Fuchs, K. (2026). Neolithic Bodies in Vráble – 7000 year-old Headless Human Skeletons in an Enclosed LBK Settlement in South–West Slovakia.
Proceedings of the Prehistoric Society, 1–16. doi:
10.1017/ppr.2026.10082