Ein internationales Forschungsteam hat das bislang detaillierteste quantitative Modell des römischen Straßennetzes erstellt. Grundlage der Studie ist ein Datensatz von nahezu 300.000 Kilometern Straßen aus dem gesamten Gebiet des ehemaligen Römischen Reiches. Die Ergebnisse wurden am 15. September in Nature Communications veröffentlicht.
Für die Untersuchung nutzten die Forscher den digitalen Straßenatlas Itiner-e und modellierten das Verkehrsnetz mithilfe von Methoden der Netzwerkanalyse. Dabei wurde untersucht, welche Orte für die Vernetzung des gesamten Straßensystems besonders wichtig waren.
Straßen orientierten sich an Landschaft und Siedlungen
Die Auswertung zeigt, dass römische Straßen keineswegs durchgängig geradlinig verliefen. Zwar bevorzugten die Planer nach Möglichkeit direkte Verbindungen, die tatsächliche Streckenführung wurde jedoch von geografischen und menschlichen Faktoren beeinflusst.
„Die Studie zeigt, dass römische Ingenieure den Straßenbau an die Landschaft anpassten. Obwohl sie nach Möglichkeit gerade Strecken bevorzugten, waren die Straßen im Allgemeinen weniger geradlinig als moderne Hauptstraßen. Berge, Täler, Flüsse und Siedlungen prägten die Streckenführung, während ingenieurtechnische Techniken wie Terrassierung, Felsdurchbrüche, Stützmauern und Brücken es ermöglichten, schwieriges Gelände zu überqueren“, sagt Dr. Adam Pazout von der Universitat Autònoma de Barcelona, Hauptautor der Studie.
Provinzhauptstädte als wichtige Verkehrsknoten
Die Netzwerkanalyse ergab, dass Provinzhauptstädte häufig eine zentrale Rolle für den regionalen Landverkehr spielten. Sie verbanden zahlreiche Verkehrswege und fungierten als wichtige Knotenpunkte innerhalb des Straßennetzes.
„Die Forschung offenbart ein komplexes Netzwerk, in dem Provinzhauptstädte oft als wichtige Knotenpunkte fungierten und den regionalen Landverkehr vermittelten. Entscheidend ist, dass diese Ergebnisse auch dann Bestand haben, wenn wir Lücken und Unstimmigkeiten in den archäologischen Funden berücksichtigen“, ergänzt Dr. Matteo Mazzamurro von der Queen Mary University of London.
Ein weiterer Befund der Studie betrifft die Stellung einzelner Städte im Gesamtnetz: Rom erwies sich demnach nicht als dominierender Knotenpunkt des Landverkehrs. Für die reichsweite Mobilität spielte die spätantike Hauptstadt Byzanz im Modell eine größere Rolle.
Verbindungen zur modernen Infrastruktur
Die Forscher stellten zudem fest, dass sich zwischen dem antiken und dem heutigen Verkehrsnetz weiterhin messbare Zusammenhänge erkennen lassen. Insgesamt zeigt sich eine moderate Übereinstimmung zwischen römischen und modernen Straßenverbindungen.
Wie stark diese Übereinstimmung ausfällt, unterscheidet sich jedoch regional deutlich. Nach Angaben der Autoren beeinflussen unter anderem geografische Bedingungen, die Entwicklung von Städten, Flüssen und Gebirgspässen sowie veränderte politische und wirtschaftliche Prioritäten die langfristige Entwicklung der Verkehrswege.
Großräumiger Blick auf das Verkehrsnetz des Reiches
Nach Angaben der Forscher unterscheidet sich die Studie von vielen früheren Untersuchungen durch ihre Gesamtanalyse des Verkehrsnetzes des Römischen Reiches. Der Datensatz umfasst das gesamte ehemalige Römische Reich und ermöglicht eine quantitative Analyse des Straßennetzes im großen Maßstab.
Die Wissenschaftler weisen zugleich darauf hin, dass das zugrunde liegende Straßennetz eine Rekonstruktion auf Basis archäologischer und schriftlicher Quellen ist. Da die Quellenlage regional unterschiedlich dicht ausfällt, berücksichtigte die Untersuchung bestehende Unsicherheiten ausdrücklich in den Berechnungen.
Quelle: Queen Mary University of London
Originalpublikation:
Pažout, A., Brughmans, T., de Soto, P. et al. Network science reveals the structure and lasting impact of the Roman road system. Nat Commun 17, 9551 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-75453-3