Neue Hinweise auf Zentralgrab eines 6.000 Jahre alten Großgrabhügels am Kapellenberg bei Hofheim

Archäologen haben auf dem Kapellenberg bei Hofheim am Taunus neue Hinweise auf das mutmaßliche Zentralgrab eines rund 6.000 Jahre alten Großgrabhügels entdeckt. Die Befunde deuten auf eine steinausgekleidete Grabanlage hin, die enge Parallelen zu jungsteinzeitlichen Monumenten im heutigen Nordfrankreich aufweist. Darüber hinaus verdichten sich die Hinweise darauf, dass der Kapellenberg Teil eines weitreichenden Wirtschafts- und Siedlungsnetzwerks war, das bis an den Atlantik und in die Alpenregion reichte.

Im Vordergrund ist ein rechteckiger, ausgehobener Bereich mit freigelegten Erdschichten und Steinen zu sehen. Die Ausgrabungsstelle liegt in einem bewaldeten Gebiet, im Hintergrund stehen Bäume und liegen Äste sowie Erde. Links am Rand befindet sich eine schwarze Tafel mit weißen Markierungen, die vermutlich zur Dokumentation der Grabung dient.
Der Grabungsschnitt auf dem Kapellenberg© LEIZA / Detlef Gronenborn

Bei den diesjährigen Ausgrabungen auf dem Kapellenberg bei Hofheim am Taunus haben Forscher des Leibniz-Zentrums für Archäologie (LEIZA) gemeinsam mit ihren Projektpartnern neue Erkenntnisse zu einem bedeutenden jungsteinzeitlichen Monument gewonnen. Im Fokus der Untersuchungen steht ein Großgrabhügel, der vermutlich um 4100 v. Chr. errichtet wurde und zu den herausragenden archäologischen Zeugnissen der Region zählt.

Nachdem in den Jahren 2023 und 2025 ein 34 Meter langer und fünf Meter breiter Grabungsschnitt vom Hügelfuß bis in den vermuteten Bereich der Grabkammer angelegt worden war, konzentrieren sich die Arbeiten nun auf die Hügelkuppe. Dort vermutet das Forschungsteam das ehemalige Zentralgrab des Monuments.

Die bisherigen Befunde liefern erste Hinweise auf eine mit Steinen ausgekleidete Grabanlage. Trotz zahlreicher Eingriffe im Laufe der Jahrtausende konnten Spuren einer entsprechenden Struktur nachgewiesen werden.

„Im Laufe der Jahrtausende ist das ehemalige Zentrum des Monuments wohl immer wieder durch Eingriffe in Mitleidenschaft gezogen worden. Dennoch zeichnen sich Reste einer mit Steinen ausgekleideten Vertiefung ab. Vergleichbare Grabanlagen kennen wir aus Nordfrankreich. Das passt zu unseren bisherigen Erkenntnissen, wonach die ersten Bewohner des Kapellenbergs aus dem östlichen Pariser Becken eingewandert waren“, sagt Projektleiter Prof. Dr. Detlef Gronenborn vom LEIZA.

Parallelen zu jungsteinzeitlichen Monumenten in Frankreich

Die neuen Entdeckungen stützen die Annahme, dass der Kapellenberg in engem kulturellen Zusammenhang mit Regionen westlich des Rheins stand. Besonders auffällig sind die Ähnlichkeiten zu frühen monumentalen Grabanlagen im heutigen Nordfrankreich.

Grabungsleiter Ferenc Kántor verweist auf weitere gemeinsame Merkmale: „Die frühen Grabmonumente in Frankreich haben oft einen gestuften Unterbau, der dann mit Erde überdeckt wurde. Auch am Kapellenberg finden wir Hinweise auf eine solche Stufung.“

Sollten sich diese Befunde bestätigen, würde dies wichtige Erkenntnisse über die Herkunft architektonischer Traditionen und kultureller Einflüsse im frühen Neolithikum liefern.

Der Kapellenberg als Zentrum eines weitreichenden Netzwerks

Die Forschungen beschränken sich nicht auf den Großgrabhügel selbst. Parallel untersuchen die Wissenschaftler die Rolle der Höhensiedlung innerhalb regionaler und überregionaler Siedlungs- und Austauschnetzwerke.

Nach Einschätzung der Forscher war der weithin sichtbare Hügel weit mehr als ein Bestattungsplatz. Vielmehr scheint er das Zentrum eines dynamischen Siedlungssystems gewesen zu sein, das weit über das Rhein-Main-Gebiet hinausreichte.

„Der weithin sichtbare Hügel war offenbar weit mehr als ein Grabmonument. Er bildete das Zentrum eines sehr dynamischen Siedlungssystems. Über die Region hinaus war der Kapellenberg und seine Umgebung auch Knotenpunkt von bis an den Atlantik und das Mittelmeer reichenden Wirtschaftsverbindungen. Vor 6000 Jahren entstanden in Europa zum ersten Mal dauerhafte und flächendeckende Tauschnetzwerke“, erläutert Gronenborn.

Importierte Rohstoffe belegen Fernkontakte

Konkrete Hinweise auf diese Fernverbindungen liefern zwei außergewöhnliche Steinbeile aus Jade und Amphibolit. Die Objekte, die mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Umfeld des Großgrabhügels stammen, werden heute im Stadtmuseum Hofheim aufbewahrt.

Ihre Herkunft verweist auf weitreichende Kontakte bis in die Bretagne und die Westalpen. Die Funde verdeutlichen, dass die Bewohner des Kapellenbergs in überregionale Austauschnetzwerke eingebunden waren, die große Teile Europas miteinander verbanden.

Bedeutende Fundstätte der Jungsteinzeit

Der Kapellenberg zählt mit seinem Großgrabhügel und der außergewöhnlich gut erhaltenen Wallanlage zu den bedeutendsten jungsteinzeitlichen Fundplätzen im Rhein-Main-Gebiet. Die Wallanlage entstand zwischen 4100 und 3600 v. Chr. und blieb bis heute weitgehend von Überbauung und tiefgreifenden Eingriffen verschont.

Seit 2008 untersuchen das Leibniz-Zentrum für Archäologie, die Johannes Gutenberg-Universität Mainz und die hessenARCHÄOLOGIE den Fundplatz gemeinsam mit Unterstützung der Stadt Hofheim. Die Forschungen haben den Kapellenberg zu einem bedeutenden Referenzstandort für die Erforschung der Michelsberger Kultur gemacht.

Weitere Untersuchungen geplant

Die diesjährige Grabungskampagne wurde durch anhaltende Hitze und Trockenheit erschwert. Daher konnten nicht alle Forschungsfragen abschließend geklärt werden.

„Die anhaltende Hitze und Trockenheit haben unsere Arbeiten in diesem Jahr erschwert", erklärt Ferenc Kántor abschließend. „Einige Fragen werden wir deshalb erst in einer weiteren Grabungskampagne beantworten können. In den kommenden Monaten prüfen wir, wie wir diese Untersuchungen fortsetzen können."

Die kommenden Untersuchungen sollen insbesondere klären, ob es sich bei den neu entdeckten Strukturen tatsächlich um die Überreste des Zentralgrabes handelt und wie das monumentale Bauwerk ursprünglich konstruiert war. Die aktuellen Befunde liefern dafür vielversprechende Ansatzpunkte.

Quelle: LEIZA

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