Ein Skelettfund aus einem Brunnen des römischen Kastells Velsen gibt Forschern neue Einblicke in einen gewaltsamen Todesfall aus der frühen Römerzeit. Archäologen und Forensiker haben die Überreste mit modernen Untersuchungsmethoden erneut analysiert und zahlreiche neue Befunde zur Todesursache gewonnen.
Fund aus einem Brunnen beschäftigt die Forschung seit Jahrzehnten
Bereits 1977 entdeckten Hobbyarchäologen einen Brunnen auf dem Gelände des ehemaligen römischen Kastells Velsen. Am Boden lagen die nahezu vollständigen Überreste eines Mannes. Zu den Beifunden gehörten ein Militärgürtel, ein Dolch, ein Ring, eine Brosche und eine Soldatensandale.
Funde aus dem Brunnen des Kastels Velsen
© Universität Leiden
Der Fund wurde früh mit einem Bericht des römischen Historikers Tacitus in Verbindung gebracht. Dieser beschreibt in seinen Annalen einen Aufstand der Friesen gegen römische Steuererhöhungen im Jahr 28 n. Chr. Die Leidener Archäologen Driessen und Van Driel-Murray wollten diese Hypothese nicht ohne Weiteres akzeptieren, da ihr empirische Belege fehlen. „Schriftliche Quellen und archäologische Funde erzählen oft unterschiedliche Geschichten“, bemerkt Van Driel-Murray. Antike Quellen gehen davon aus, dass sich die Römer um das Jahr 28 n. Chr. aus dem Gebiet nördlich des Rheins zurückzogen, während archäologische Funde auf eine deutlich längere Präsenz hindeuten.
Moderne Analysen liefern neue Befunde
Für die aktuelle Untersuchung wertete ein interdisziplinäres Team die Überreste mit Isotopenanalysen, osteoarchäologischen und forensischen Methoden sowie 3D-Bildgebung erneut aus.
Dabei identifizierten die Forscher weitere Verletzungen am Skelett. Neben bereits bekannten Spuren fanden sie Stichverletzungen an der Innenseite des Brustkorbs sowie zahlreiche Durchstiche im Beckenbereich. Mithilfe digitaler 3D-Modelle rekonstruierten sie die Ausrichtung und Entstehung der Wunden.
Nach Einschätzung der Forscher wurden die Verletzungen wahrscheinlich mit einem römischen Militärdolch verursacht. Als mögliche Tatwaffe kommt auch der Dolch in Frage, der zusammen mit dem Toten im Brunnen gefunden wurde.
Hinweise auf einen besonders gewaltsamen Tod
Die große Zahl der Stichverletzungen zählt zu den auffälligsten Ergebnissen der Untersuchung.
„Die Forensiker sagten, es handele sich um einen äußerst brutalen Mord“, so Mark Driessen, Archäologe und Dozent an der Universität Leiden. „Das deutet darauf hin, dass der oder die Täter extrem wütend auf diesen Mann waren. Es muss sich um einen wütenden und gezielten Racheakt gehandelt haben.“
Herkunft des Mannes neu bewertet
Auch zur Herkunft des Toten ergaben sich neue Erkenntnisse. Mit einer Körpergröße von etwa 1,90 Metern und einer kräftigen Statur galt er lange als möglicher Friese.
Isotopenanalysen des Zahnschmelzes sprechen jedoch für eine Kindheit in Südeuropa. Da Nahrung und Trinkwasser charakteristische chemische Signaturen im Zahnschmelz hinterlassen, lassen sich auf dieser Grundlage Rückschlüsse auf den Aufenthaltsort während der Jugend ziehen.
Die Ausstattung des Mannes deutet zudem auf einen Bezug zum römischen Militär hin. Nach Einschätzung der Forscher handelte es sich eher um einen einfachen Soldaten als um einen Offizier. Diese Deutung stützt sich unter anderem auf den Zustand seiner Ausrüstung: Der Dolch war stark abgenutzt, und der Gürtel setzte sich aus unterschiedlichen Bestandteilen zusammen.
Mehrere Szenarien bleiben möglich
Wer den Mann tötete, lässt sich bislang nicht klären. Die Forscher verzichten bewusst auf eine eindeutige Erklärung und diskutieren mehrere mögliche Szenarien.
„Wir versuchen, einen antiken Mord mit modernen Methoden aufzuklären und legen uns nicht auf eine einzige Theorie fest“, sagt Driessen.
Zu den diskutierten Möglichkeiten gehört ein Tod während eines Angriffs auf das Kastell, etwa im Zusammenhang mit lokalen Konflikten gegen die römische Herrschaft. Ebenso wird untersucht, ob der Mann als Deserteur hingerichtet worden sein könnte. Ein weiteres Szenario sieht die Tat als Vergeltungsaktion durch Angehörige der lokalen Bevölkerung.
Driessen und Van Driel-Murray halten eine Tötung durch Kameraden als Vergeltung für mögliches Fehlverhalten für ein wahrscheinliches Szenario. Eindeutig belegen lässt sich diese Interpretation jedoch nicht.
Weitere Untersuchungen geplant
Mit der Veröffentlichung der Studie sehen die Forscher ihre Arbeit nicht als abgeschlossen an. Aus der römischen Siedlung von Velsen stehen weitere menschliche Überreste und Funde für Untersuchungen zur Verfügung, die zusätzliche Informationen zur Geschichte des Ortes liefern könnten.
Das Skelett wird heute im Depot des Niederländischen Nationalmuseums für Altertümer in Leiden aufbewahrt und könnte künftig Bestandteil der Dauerausstellung zur Römerzeit in den Niederlanden werden.
Quelle: Universität Leiden
Carol van Driel-Murray, Mark Driessen, Victims of Violence from the Early Roman Fort Velsen