Bei großflächigen Ausgrabungen in der römischen Stadt Ulpia Noviomagus, dem heutigen Nijmegen, haben Archäologen der Forschungsinstitute RAAP und BAAC einen bedeutenden Teil eines römischen Thermenkomplexes freigelegt. Es handelt sich um die bislang größte bekannte Badeanlage aus römischer Zeit in den Niederlanden.
Neben den Thermen wurden auch angrenzende Wohnquartiere mit Straßen, repräsentative Stadthäuser sowie ein Turm entdeckt. Zahlreiche Fundobjekte – darunter Haarnadeln aus Knochen, Schmuck, Münzen und eine Bronzebüste des Weingottes Bacchus – bieten Einblicke in das Alltagsleben und den sozialen Status der Bevölkerung.
Ein städtisches Zentrum mit gehobenem Lebensstandard
Die Funde deuten auf einen außergewöhnlich hohen Lebensstandard im untersuchten Stadtteil hin. Zehntausende Artefakte belegen, dass die Bewohner vor etwa 1800 bis 1900 Jahren in materiellen Wohlstand eingebettet waren.
Zu den besonders aussagekräftigen Objekten zählen Fragmente von Bronzestatuen, Siegelringe und eine Halskette mit goldenem Verschluss. Auffällig ist zudem die große Anzahl kunstvoll gearbeiteter Haarnadeln aus Knochen, die auf komplexe Frisurenmode verweist. Zwei Exemplare zeigen Darstellungen einer Katze in unterschiedlicher Haltung und verleihen dem Fundspektrum eine individuelle Note.
© Gemeinde Nijmegen
Ein herausragendes Objekt ist die Bronzebüste des Bacchus, die ursprünglich Teil eines Gebrauchsgegenstands war und später funktional umgearbeitet wurde.
Luxuriöse Bauweise und repräsentative Ausstattung
Auch die Architektur der Thermenanlage unterstreicht den repräsentativen Charakter des Komplexes. Die Innenräume waren mit hochwertigen Materialien ausgestattet: Marmorböden, schwarz-weiße Kalksteinfliesen und bemalter Stuck prägen das Bild.
Dekorative Elemente wie Gesimse aus Kalk- und Sandstein sowie Säulen unterstreichen die aufwendige Gestaltung der Gebäude. Diese Befunde zeigen, dass erhebliche Ressourcen in die Errichtung und Ausstattung der öffentlichen Infrastruktur investiert wurden.
Technische Raffinesse: Hypokaustum und Infrastruktur
Die archäologischen Überreste geben zudem Einblicke in die technische Ausstattung der Anlage. Teile des Hypokaustums – des römischen Fußbodenheizungssystems – sind in Form von Ziegelpfeilern unter einem Betonboden erhalten geblieben.
Obwohl die Anlage im Mittelalter und in späteren Epochen als Steinbruch genutzt wurde, sind wesentliche Elemente wie Entwässerungssysteme und Fußböden gut konserviert. Besonders hervorzuheben sind zwei bis zu zwei Meter hohe Mauerreste, die zu den am besten erhaltenen römischen Bauwerken in Nijmegen zählen.
Kontinuierliche Nutzung bis ins 3. Jahrhundert n. Chr.
Die Funde belegen eine intensive Nutzung des Areals bis weit ins 3. Jahrhundert n. Chr. Besonders die zahlreichen Münzen des Kaisers Postumus (260–269 n. Chr.) sowie seiner Zeitgenossen liefern klare chronologische Hinweise.
Interessanterweise treten Münzen aus dieser Epoche in anderen Teilen der römischen Stadt deutlich seltener auf, was auf eine spezifische Nutzung oder Bedeutung dieses Stadtbereichs hindeuten könnte.
Archäologie und Stadtentwicklung im Dialog
Die aktuellen Ausgrabungen stehen im Kontext eines modernen Bauprojekts am Waalufer. Die Integration der archäologischen Befunde in die zukünftige Stadtentwicklung ist bereits geplant.
Joost Mulder, Regionaldirektor Nordost & Mitte des BPD, erklärt:
„Jahrelang waren die Spuren der römischen Vergangenheit an diesem Ort unsichtbar, tief unter der Erde verborgen. Jetzt, da wir hier ein neues Wohnumfeld schaffen, ist die Vergangenheit sichtbar geworden. Die Verbindung zur Vergangenheit wird auch in Zukunft erhalten bleiben. So werden beispielsweise einige Wohngebäude über überdachte, mit Säulenreihen versehene Wege verfügen – eine Kolonnade wie in römischer Zeit. Und der grüne Platz im Herzen des Areals, dessen Gestaltung vom Grundriss der Thermenanlage inspiriert ist, wird Thermenplein heißen – eine direkte Anspielung auf den römischen Treffpunkt, der sich hier vor rund 2000 Jahren befand.“
Ein Großprojekt römischer Stadtplanung
Die Ursprünge der Anlage gehen vermutlich auf die Zeit um 100 n. Chr. zurück, als Kaiser Trajanus der Siedlung das Stadtrecht verlieh. In der Folge entstanden mehrere monumentale Natursteinbauten, darunter das öffentliche Badehaus.
Die jüngsten Ausgrabungen erweitern das bisher bekannte Bild erheblich: Neben bereits bekannten Heißwasserbädern wurden weitere Räume mit unterschiedlichen Temperaturbereichen identifiziert. Diese Erweiterungen könnten auf bauliche Anpassungen oder eine funktionale Differenzierung – etwa getrennte Bereiche für Männer und Frauen – hinweisen.
Mit einer Fläche von mindestens 4.900 m² übertrifft die Anlage vergleichbare Thermen in den Niederlanden deutlich.
Quelle: Gemeinde Nijmegen