Eine vom Exzellenzcluster ROOTS geförderte Studie hat auf dem frühmittelalterlichen Gräberfeld von Fallward an der Nordseeküste eine seltene Linie des Lepra-Erregers nachgewiesen. Bei dem Erreger handelt es sich um den ersten Vertreter dieser Gruppe, der bislang in Europa identifiziert wurde.
Zugleich zeigen genetische Analysen, dass ein dort im 5. Jahrhundert bestatteter Mann aus dem Donauraum stammte. Die Ergebnisse der Untersuchung erschienen in der Fachzeitschrift iScience.
DNA-Analysen liefern Hinweise auf die Herkunft eines Bestatteten
Das Gräberfeld von Fallward im heutigen Landkreis Cuxhaven wurde bereits in den 1990er Jahren archäologisch untersucht. Aufgrund der feuchten Bodenverhältnisse blieben hölzerne und textile Grabbeigaben außergewöhnlich gut erhalten.
Im Rahmen eines laufenden Forschungsprojekts werden die Funde erstmals umfassend ausgewertet. Für die aktuelle Studie untersuchte die Arbeitsgruppe für Alte DNA am Institut für Klinische Molekularbiologie (IKMB) Knochenproben von elf Bestatteten. Ziel war es, mögliche Verwandtschaftsverhältnisse und Hinweise auf Infektionskrankheiten zu erfassen.
„Genetische Analysen belegen die Herkunft eines in Fallward bestatteten Mannes aus dem Donauraum. Außerdem war er mit einem sehr seltenen Lepra-Erreger infiziert. Es ist der erste Vertreter dieser Gruppe, der in Europa identifiziert wurde“, sagt Daniel Myburgh vom IKMB und Erstautor der Studie.
Archäologische Funde deuteten bereits auf Fernkontakte hin
Für drei der untersuchten Individuen lagen ausreichend genetische Daten für eine populationsgenetische Analyse vor. Besonders auffällig waren die Ergebnisse eines Mannes, der in einem Boot und mit zahlreichen Beigaben aus Holz, Keramik und Metall bestattet worden war.
Im Grab des mit Lepra infizierten Mannes fand sich ein aus einem Erlenstamm gearbeiteter, kunstvoll verzierter Stuhl, der sogenannte „Thron aus der Marsch“
© Rolf Kiepe, NIhK
„Besonderes wissenschaftliches Interesse erregte das im Grab niedergelegte Mobiliar, zu dem auch ein aus einem Erlenstamm gearbeiteter, kunstvoll verzierter Stuhl gehörte. Darüber hinaus besaß der Mann einen spätrömischen Militärgürtel, welcher auf Fernverbindungen des Bestatteten hindeutete“, erklärt Prof. Dr. Hauke Jöns vom Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung.
Die genetischen Analysen stützen diese Hinweise auf eine Herkunft außerhalb des Nordseeraums. Nach den Daten stammte der Mann aus dem Donauraum.
Seltener Lepra-Erreger nachgewiesen
Die Untersuchungen ergaben außerdem, dass der Mann mit einer seltenen Linie des Lepra-Erregers infiziert war. Der früheste bislang bekannte Vertreter dieser Erregergruppe stammt aus Ägypten und datiert zwischen das 4. und 2. Jahrhundert v. Chr. In Mittel- und Nordeuropa war diese Linie bisher nicht nachgewiesen worden.
„Lepra ist eine chronische Krankheit. Es kann Jahre dauern, bis sich deutliche Symptome zeigen. Der Mann hatte noch keine Knochenschäden. Entweder war er von einer asymptomatischen Form der Krankheit betroffen oder die Krankheit hatte bislang nur Weichteile angegriffen. Er kann mit der Krankheit über weite Entfernungen gereist sein“, erläutert Professorin Almut Nebel vom IKMB.
Hinweise auf individuelle Mobilität in der Spätantike
Die genetischen Befunde zeigen, dass der Mann an der Nordsee bestattet wurde, seine Herkunft jedoch im Donauraum lag. Archäologische Funde und genetische Daten weisen zudem auf Verbindungen nach Südosteuropa und in den Mittelmeerraum hin.
Wie diese Verbindungen zustande kamen, bleibt offen. Die Autoren der Studie nennen verschiedene Möglichkeiten. „Er könnte beispielsweise Söldner in der römischen Armee gewesen sein, der sich später zwischen Elbe und Weser niederließ. Oder er könnte als Händler lange Reisen unternommen haben“, sagt Prof. Dr. Ben Krause-Kyora.
Quelle: Roots
Originalpublikation
Daniel Anton Myburgh, Nicolas Antonio da Silva, Joanna H. Romeyer-Dherbey, Silke Grefen-Peters, Hauke Jöns, Christina Peek, Almut Nebel, Ben Krause-Kyora(2026). Paleogenomics reveals leprosy at the late antique burial site of Fallward in northern Germany. iScience, Volume 29, Issue 11, 2026, 17877, https://doi.org/10.1016/j.isci.2026.117877