Nach mehreren Monaten Ausgrabungstätigkeit haben Archäologen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Bielefeld-Sieker die Überreste einer außergewöhnlich großen germanischen Siedlung freigelegt. Die Befunde umfassen mindestens 30 Langhäuser, mehrere Nebengebäude sowie kleinere Grubenhäuser und datieren in die Zeit vom 2. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr.
Die Dimensionen der Siedlung sind für Ostwestfalen bemerkenswert. Während die Bevölkerung der Region in dieser Epoche überwiegend in Einzelgehöften oder kleinen Hofgruppen lebte, entwickelte sich in Sieker offenbar ein größerer Siedlungskomplex mit zentralörtlicher Funktion. Dr. Sven Spiong von der LWL-Archäologie bewertet den Fundplatz als ein „bedeutendes Zentrum für die damalige Region“.
Mit Abschluss der Feldarbeiten beginnt nun die wissenschaftliche Auswertung. Die Untersuchungen erfolgen im Rahmen des langfristig angelegten Forschungsprojekts „Westgermanien im Wandel“, das kürzlich in das Programm der deutschen Wissenschaftsakademien aufgenommen wurde.
Über Jahrhunderte bewohnt
Bereits Untersuchungen in den 1980er Jahren hatten Hinweise auf eine ungewöhnliche Siedlungsstruktur südöstlich des Mühlenbachs geliefert. Die aktuellen Grabungen bestätigen dieses Bild: Die Hauptgebäude waren in auffälligen Reihen angeordnet und wurden teilweise mehrfach an derselben Stelle wieder aufgebaut.
Diese Befunde belegen eine langanhaltende Nutzung einzelner Hofplätze über Zeiträume von bis zu 200 Jahren. Zwar stehen exakte Datierungen noch aus, die bislang geborgene Keramik weist jedoch auf einen Schwerpunkt der Besiedlung im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. hin.
Besonders wichtig für die Chronologie der Siedlung ist ein kleiner Münzfund aus römischer Zeit. Grabungsleiterin Dr. Eva Manz erklärt: „Sie stammt aus der Verfüllung eines Loches, in dem Gerüstpfosten eines Hauses steckte und liefert damit ein präzises Datum für das Pfostenhaus.“
Solche Funde ermöglichen es, die Entwicklung germanischer Hausformen und die Veränderungen ihrer inneren Raumaufteilungen genauer nachzuvollziehen.
Strategischer Standort am Römerpass
Die Lage der Siedlung erscheint aus archäologischer Sicht keineswegs zufällig. Fruchtbare Lössböden am Nordrand des Teutoburger Waldes sowie der damals durch die Siedlung fließende Mühlenbach boten ausgezeichnete Voraussetzungen für Landwirtschaft und Wasserversorgung.
Darüber hinaus lag Sieker in unmittelbarer Nähe einer bedeutenden Verkehrsverbindung. Nach Einschätzung der Archäologen spielte der sogenannte Römerpass eine zentrale Rolle für die Entwicklung des Ortes. Über diese Route verlief während der römischen Feldzüge die Verbindung von den Versorgungswegen entlang der Lippe über die Senne bis in den Weserraum.
„Die Römer hinterließen im Zuge ihrer Eroberungen auch in Ostwestfalen ihre Spuren: Auf ihren Feldzügen bis zur Weser stellte der Flussweg auf der Lippe bis nach Anreppen und Paderborn die Versorgung sicher. Von dort ging es durch die Senne bis zur Weser“, erklärt Sebastian Düvel.
Handelskontakte über das Ende der Römerzeit hinaus
Die Bedeutung der Verkehrswege beschränkte sich offenbar nicht auf die Zeit der römischen Expansion. Nach Ansicht der Fachleute bestanden diese Verbindungen auch nach dem Rückzug der Römer fort.
Darauf weisen zahlreiche Importfunde hin, die insbesondere im nahegelegenen Gräberfeld nachgewiesen wurden. Ergänzt werden diese Erkenntnisse durch römische Münzfunde entlang der historischen Wegtrasse.
„Offenbar hat sich auf dieser Wegachse bis weit in das 5. Jahrhundert eine Handelsroute entwickelt, worauf auch zahlreiche römische Münzen entlang des Weges hindeuten,“ schätzt Düvel.
Die günstigen landwirtschaftlichen Bedingungen könnten eine Überschussproduktion ermöglicht haben, die den Bewohnern zusätzliche Einnahmen durch Handel verschaffte. Importwaren gelangten auf diesem Weg nach Sieker. Gleichzeitig halten die Archäologen es für möglich, dass einzelne Objekte als Beutegut oder durch germanische Rückkehrer aus römischen Diensten in die Siedlung kamen.
Gemeinschaft als möglicher Schutzfaktor
Eine weitere Besonderheit der Siedlung ist ihre ungewöhnliche Größe. Anders als für die damalige Zeit typisch lebten die Bewohner nicht in weit voneinander entfernten Hofanlagen, sondern in vergleichsweise dichter Nachbarschaft.
Da bislang weder Befestigungsanlagen noch eine nahegelegene Schutzburg nachgewiesen werden konnten, sehen die Forscher hierin möglicherweise eine bewusste Strategie.
Dr. Sven Spiong vermutet: „Sicher kamen auf dem Weg nicht nur friedliebende Händler, sondern auch Personen, die der Wohlstand der Bevölkerung anlockte. Die Siedlung war offenbar nicht befestigt, und eine nahegelegene Wallburg zum Schutz existierte damals nicht. Daher fragen wir uns, ob das Zusammenleben auf engem Raum möglicherweise einen Sicherheitsaspekt trug, denn normalerweise war einheimischen Siedelnden dieser Zeit ein großer Abstand zu den benachbarten Höfen sehr wichtig.“
Die Frage nach den sozialen und sicherheitsrelevanten Gründen für die dichte Bebauung zählt zu den zentralen Themen der weiteren Forschung.
Das Ende eines regionalen Zentrums
Die bisherigen Ergebnisse zeichnen das Bild eines Siedlungsplatzes, der über Jahrhunderte hinweg von seiner Lage an einer wichtigen Verkehrsachse profitierte. Mit dem Zerfall der römischen Ordnung im Westen Europas veränderten sich jedoch auch die überregionalen Kommunikations- und Handelsnetzwerke.
Spiong fasst die Bedeutung des Fundplatzes zusammen: „Auf Grundlage der bisherigen Erkenntnisse zeigt sich in erster Linie eins: Die Siedlung in Bielefeld-Sieker muss als ein bedeutendes Zentrum für die Region betrachtet werden, dessen Ursprung vor allem in der verkehrsgünstigen Lage während der Römerzeit liegen dürfte. In der Umbruchzeit mit dem Untergang des Römischen Reiches enden im 5. Jahrhundert auch diese traditionellen Kommunikations- und Austauschwege.“
Der Niedergang dieser Handels- und Verkehrsverbindungen könnte letztlich auch zum Ende der außergewöhnlichen Siedlung von Bielefeld-Sieker beigetragen haben. Die laufenden wissenschaftlichen Auswertungen sollen künftig ein noch genaueres Bild von ihrer Entwicklung, ihrer wirtschaftlichen Bedeutung und ihrer Rolle im westgermanischen Siedlungsraum liefern.