Fayencewerkstatt im Tempel von Sanam entdeckt: Hinweise auf staatlich organisierte Produktion im Reich Kusch

Im Tempelkomplex von Sanam, nahe der alten nubischen Hauptstadt Napata im heutigen Sudan, haben Archäologen die Überreste einer Fayencewerkstatt mit Hunderten Perlen und weiteren Objekten freigelegt. Die Funde belegen, dass dort nicht nur religiöse Aktivitäten stattfanden, sondern auch die Herstellung prestigeträchtiger Güter. Nach Einschätzung der Forscher wirft dies neues Licht auf die Organisation von Produktion und Herrschaft im Reich Kusch.

Verschiedene kleine Fundstücke aus dem Tempel von Sanam aus Fayence und anderen Materialien liegen auf schwarzem Untergrund. Die Objekte sind in mehreren Reihen angeordnet und zeigen unterschiedliche Formen, darunter Perlen, Röhrchen, Fragmente und ein figürliches Stück. Im unteren Bereich befindet sich eine Schachbrettskala mit der Maßeinheit 'cm', die als Größenreferenz dient. Die Fundstücke weisen grünliche und bräunliche Farbtöne auf, einige zeigen Verzierungen oder Reliefs.
Mehrfarbige Fayence-Scheibenperlen, Fragmente von Gefäßen und Abfall© Rennan Lemos, Kathryn Howley, Siobhan Shinn und Shadia Abdu Rabo
Archäologen haben im Tempelkomplex von Sanam die Überreste einer Fayencewerkstatt freigelegt. Die Anlage entstand im 7. Jahrhundert v. Chr. unter dem kuschitischen König Taharqo und zählt zu den bedeutenden Tempelkomplexen des Reiches Kusch. Bei den Ausgrabungen kamen Hunderte Fayenceperlen sowie ein Fayence-Uschebti ans Licht. Uschebtis waren Grabfiguren, die sowohl in Ägypten als auch in Nubien in königlichen Bestattungen verwendet wurden.

Produktion im religiösen Zentrum

Der Fundort überrascht, weil die Herstellung von Fayence mit Rauch und gesundheitsschädlichen Emissionen verbunden war. In Ägypten lagen entsprechende Werkstätten üblicherweise am Rand von Siedlungen. Die neu entdeckte Werkstatt befand sich dagegen innerhalb des Tempelkomplexes. Die Forscher sehen darin einen Hinweis auf die enge Verbindung zwischen Tempeln, Wirtschaft und Herrschaft im Reich Kusch.
„Diese Funde belegen, dass der Sanam-Tempel nicht nur ein religiöses Monument, sondern auch ein Zentrum staatlich kontrollierter Produktion war“, so der Hauptautor der Studie, Dr. Rennan Lemos von der Universität Durham. „In der Werkstatt wurden Fayence-Objekte hergestellt, die mit der königlichen Macht in Verbindung standen, darunter Uschebtis für den königlichen Friedhof in Nuri.“

Eigene technische Lösungen statt bloßer Übernahme

Die Funde deuten darauf hin, dass die Fayenceproduktion in Kusch zwar von ägyptischen Vorbildern beeinflusst war, die Herstellungsmethoden jedoch Unterschiede aufwiesen.
„Die Werkstatt zeigt, dass kuschitische Handwerker ägyptisch inspirierte Technologien an die lokalen Gegebenheiten angepasst haben“, erklärt Dr. Lemos. „Anstatt Kalkstein zu verwenden, der in weiten Teilen des Sudans knapp ist, scheinen sie zerstoßene Muschelschalen als Kalkquelle in der Fayence-Herstellung genutzt zu haben. Dies deutet eher auf technologische Innovation als auf bloße Nachahmung hin.“

Neue Einblicke in die Organisation des kuschitischen Staates

Die Werkstatt liefert direkte Hinweise auf die Herstellung von Prestigegütern im Reich Kusch. Nach Auffassung der Forscher spricht der Fund dafür, dass staatliche Institutionen an der Organisation von Produktion beteiligt waren und dabei den Zugang zu Rohstoffen, Arbeitskräften und handwerklichem Wissen steuerten.
Zugleich sehen die Wissenschaftler Unterschiede zu Ägypten. Während dort politische Macht häufig mit der Kontrolle von Land und Landwirtschaft verbunden wird, könnte im Reich Kusch die Kontrolle über die Herstellung prestigeträchtiger Objekte eine wichtigere Rolle gespielt haben.
„Dies unterstreicht die Kreativität und Handlungsfähigkeit der alten nubischen Gesellschaften“, schlussfolgert Dr. Lemos. „Anstatt einfach nur ägyptische Kulturpraktiken zu übernehmen, adaptierten die Kuschiten gezielt fremde Technologien und Ideen, entwickelten ihre eigenen Produktionsmethoden und schufen Objekte, die spezifisch kuschitische soziale und politische Bedeutungen trugen.“

Quelle Antiquity

Originalpublikation

Lemos R, Howley K, Shinn S, Abdu Rabo S. Crafting power in Kush: faience production and state control in the Napatan region. Antiquity. Published online 2026:1-20. doi:10.15184/aqy.2026.10434

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