Archäologen haben im Tempelkomplex von Sanam die Überreste einer Fayencewerkstatt freigelegt. Die Anlage entstand im 7. Jahrhundert v. Chr. unter dem kuschitischen König Taharqo und zählt zu den bedeutenden Tempelkomplexen des Reiches Kusch. Bei den Ausgrabungen kamen Hunderte Fayenceperlen sowie ein Fayence-Uschebti ans Licht. Uschebtis waren Grabfiguren, die sowohl in Ägypten als auch in Nubien in königlichen Bestattungen verwendet wurden.
Produktion im religiösen Zentrum
Der Fundort überrascht, weil die Herstellung von Fayence mit Rauch und gesundheitsschädlichen Emissionen verbunden war. In Ägypten lagen entsprechende Werkstätten üblicherweise am Rand von Siedlungen. Die neu entdeckte Werkstatt befand sich dagegen innerhalb des Tempelkomplexes. Die Forscher sehen darin einen Hinweis auf die enge Verbindung zwischen Tempeln, Wirtschaft und Herrschaft im Reich Kusch.
„Diese Funde belegen, dass der Sanam-Tempel nicht nur ein religiöses Monument, sondern auch ein Zentrum staatlich kontrollierter Produktion war“, so der Hauptautor der Studie, Dr. Rennan Lemos von der Universität Durham. „In der Werkstatt wurden Fayence-Objekte hergestellt, die mit der königlichen Macht in Verbindung standen, darunter Uschebtis für den königlichen Friedhof in Nuri.“
Eigene technische Lösungen statt bloßer Übernahme
Die Funde deuten darauf hin, dass die Fayenceproduktion in Kusch zwar von ägyptischen Vorbildern beeinflusst war, die Herstellungsmethoden jedoch Unterschiede aufwiesen.
„Die Werkstatt zeigt, dass kuschitische Handwerker ägyptisch inspirierte Technologien an die lokalen Gegebenheiten angepasst haben“, erklärt Dr. Lemos. „Anstatt Kalkstein zu verwenden, der in weiten Teilen des Sudans knapp ist, scheinen sie zerstoßene Muschelschalen als Kalkquelle in der Fayence-Herstellung genutzt zu haben. Dies deutet eher auf technologische Innovation als auf bloße Nachahmung hin.“
Neue Einblicke in die Organisation des kuschitischen Staates
Die Werkstatt liefert direkte Hinweise auf die Herstellung von Prestigegütern im Reich Kusch. Nach Auffassung der Forscher spricht der Fund dafür, dass staatliche Institutionen an der Organisation von Produktion beteiligt waren und dabei den Zugang zu Rohstoffen, Arbeitskräften und handwerklichem Wissen steuerten.
Zugleich sehen die Wissenschaftler Unterschiede zu Ägypten. Während dort politische Macht häufig mit der Kontrolle von Land und Landwirtschaft verbunden wird, könnte im Reich Kusch die Kontrolle über die Herstellung prestigeträchtiger Objekte eine wichtigere Rolle gespielt haben.
„Dies unterstreicht die Kreativität und Handlungsfähigkeit der alten nubischen Gesellschaften“, schlussfolgert Dr. Lemos. „Anstatt einfach nur ägyptische Kulturpraktiken zu übernehmen, adaptierten die Kuschiten gezielt fremde Technologien und Ideen, entwickelten ihre eigenen Produktionsmethoden und schufen Objekte, die spezifisch kuschitische soziale und politische Bedeutungen trugen.“
Quelle Antiquity
Originalpublikation
Lemos R, Howley K, Shinn S, Abdu Rabo S. Crafting power in Kush: faience production and state control in the Napatan region. Antiquity. Published online 2026:1-20. doi:10.15184/aqy.2026.10434