Seit Februar 2026 untersuchen Archäologen am Galgenbichl in Niederrasen eine ausgedehnte eisenzeitliche Siedlung. Anlass für die Grabungen ist der Bau einer neuen Zufahrt nach Antholz und Olang. Kurz vor Abschluss der Arbeiten steht fest: Mehr als 30 Häuser konnten freigelegt werden. Nach Angaben des Amtes für Archäologie wurde damit erstmals in Südtirol eine eisenzeitliche Siedlung dieser Größe genauer untersucht.
Die Hauptphase der Siedlung fällt in die Zeit zwischen etwa 800 und 500 v. Chr. Die Untersuchungen zeigen jedoch, dass der Platz wesentlich länger genutzt wurde: Die Besiedlung reichte bis in das 1. Jahrhundert v. Chr.
Häuser auf künstlich angelegten Terrassen
Die Siedlung befand sich an der sonnenexponierten Südseite des Galgenbichls, die heute von der Staatsstraße durchschnitten wird. Um auf dem steilen Gelände Häuser errichten zu können, legten die Bewohner Terrassen an.
Die Gebäude besaßen bergseitig Mauersockel, auf denen Holzkonstruktionen in Blockbauweise standen. Zur Talseite hin wurden sie überwiegend durch Holzpfähle abgestützt. Kohleschichten und teilweise verbrannte Holzbalken belegen, dass die Siedlung von einem Brand betroffen war.
Für die Bewohner bot die Lage im Pustertal Verbindungen über das unmittelbare Siedlungsgebiet hinaus. Nach Angaben des Amtes für Archäologie bestanden unter anderem Kontakte zum venetischen Raum im heutigen Nordosten Italiens. Für die späte Nutzungsphase verweist die frühere Berichterstattung darauf, dass das Pustertal im 1. Jahrhundert v. Chr. zum keltischen Königreich Noricum gehörte.
Weben, Bronzeverarbeitung und Getreide
Die zahlreichen Funde vermitteln ein Bild von den Tätigkeiten innerhalb der Siedlung. Keramikfragmente stammen von Gefäßen des täglichen Gebrauchs. Webgewichte und Spinnwirtel aus Ton belegen die Herstellung von Textilien. Hinzu kommen Hinweise auf die Verarbeitung von Bronze.
Mehrere Mahlsteine zeigen, dass in der Siedlung Getreide verarbeitet wurde. Tierknochen geben außerdem Aufschluss über Haltung und Verzehr von Haustieren. Besonders häufig fanden die Archäologen Knochen von Rindern. Nach der in der Vorlage formulierten Interpretation könnte deren hoher Anteil darauf hindeuten, dass die Bewohner des Galgenbichls vergleichsweise wohlhabend waren.
Diese archäologische Funde aus Knochen und Bronze stammen aus dem Zeitraum um 500 v. Chr.
© Amt für Archäologie
Begräbnisplatz für Kleinkinder innerhalb der Siedlung
Zu den besonderen Befunden gehört ein kleiner Begräbnisplatz direkt innerhalb der Siedlung. Dort waren ausschließlich Kleinkinder bestattet worden.
Die Bestattungen unterscheiden sich von den Befunden des nahe gelegenen Brandgräberfeldes in der Windschnur bei Niederrasen. Während die Verstorbenen dort verbrannt wurden, setzte man die Kleinkinder am Galgenbichl unverbrannt innerhalb der Siedlung bei. Die Vorlage deutet diesen Unterschied als Hinweis auf besondere Formen des Abschieds und Totengedenkens für verstorbene Kinder.
Zugleich wird der Befund mit der hohen Kindersterblichkeit jener Zeit in Verbindung gebracht. Der Vorlage zufolge überlebten viele Kinder das erste Lebensjahr nicht; die Sterblichkeitsrate wird mit 20 bis 35 Prozent angegeben.
Grabungen stehen vor dem Abschluss
Die Untersuchungen hatten Ende 2025 mit Sondierungen begonnen. Seit Februar 2026 laufen die eigentlichen Ausgrabungen, die nun kurz vor ihrem Abschluss stehen.
Gemeinsam mit dem Gräberfeld in der Windschnur zählt der Galgenbichl nach Angaben der Vorlage zu den wichtigsten Zeugnissen der frühen Eisenzeit im Alpenraum. Die Grabungen dokumentieren dabei nicht nur die Bebauung der Siedlung, sondern auch zahlreiche Aspekte des damaligen Alltags: von Hausbau und Textilherstellung über Getreideverarbeitung und Tierhaltung bis zum Umgang mit verstorbenen Kleinkindern.