Eine Zahnkette und eine Streitaxt prägen eine ungewöhnliche Bestattung aus dem Neolithikum bei Breslau

Ein neu entdeckter Grabhügel bei Żórawina nahe Breslau birgt das Skelett eines Mannes, eine außergewöhnliche Zahnkette und eine Streitaxt aus Serpentinit. Die rund 5000 Jahre alten Funde könnten wichtige Hinweise auf die Ausbreitung der Schnurkeramikkultur und frühe Migrationsbewegungen nach Niederschlesien liefern.

Teilweise freigelegte Zahnreihe im Erdreich aus einem neolithischem Grabhügel bei Breslau
Die partiell freigelegten Zähne in situ© Dr. Paweł Dąbrowski

Archäologen haben bei Żórawina südlich von Breslau einen bislang unbekannten Grabhügel aus dem Neolithikum freigelegt. Die Bestattung enthielt ein nahezu vollständiges männliches Skelett, Fragmente zweier weiterer Schädel sowie mehrere außergewöhnliche Beigaben, darunter eine aus Tierzähnen gefertigte Halskette, Bernsteinperlen, eine Feuersteinklinge und eine Streitaxt aus Serpentinit.

Die Funde werden aktuell auf etwa 2900 v. Chr. datiert und sind damit mehrere Jahrtausende älter als die bislang bekannten Bestattungen an diesem Fundort. Die Entdeckung könnte neue Erkenntnisse über die Ausbreitung der Schnurkeramikkultur im heutigen Niederschlesien liefern.

Überraschender Fund am Ende der Grabung

Die Fundstelle ist seit Langem als Gräberfeld aus der Zeit zwischen dem Ende der Römerzeit und dem Beginn der Völkerwanderung bekannt. Bei den diesjährigen Untersuchungen stießen die Forscher jedoch auf deutlich ältere Spuren menschlicher Besiedlung.

„Wir waren praktisch schon beim Einpacken“, sagt Dr. Paweł Dąbrowski, Anthropologe und Anatom am Lehrstuhl für Normale Anatomie der Medizinischen Universität Breslau. „Dann entdeckten wir eine kreisförmige Vertiefung im Boden, etwa vier Meter im Durchmesser, die an den Umriss eines Grabhügels erinnerte. Wir begannen zu graben. In der zentralen Kammer fanden wir recht gut erhaltene Tierzähne, die wie eine Kette angeordnet waren. Schon auf den ersten Blick war klar, dass dies kein Zufall war. Die Anordnung der 42 Zähne war präzise, und bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, dass alle Zähne Löcher in den Wurzeln aufwiesen. Sie mussten eine Art Kette gebildet haben, die absichtlich in die Erde gelegt worden war.“

Die Schnur oder das Verbindungsmaterial sind zwar vergangen, doch die Anordnung der Zähne lässt kaum Zweifel daran, dass es sich um bewusst gefertigten Schmuck handelt.

Skelett eines Mannes mit ungewöhnlichen Grabbeigaben

Unterhalb der Zahnkette entdeckten die Archäologen das nahezu vollständige Skelett eines erwachsenen Mannes. Neben ihm lagen Fragmente zweier weiterer Schädel, Knochenscheiben, Bernsteinperlen, eine Feuersteinklinge sowie die steinerne Axt.

Skelettreste in einer Ausgrabungsstätte mit einer Streitaxt im Boden bei Ausgrabungen nahe Breslau
Das teilweise freigelegte Skelett mit der Steinaxt aus Serpentinit im Bereich des rechten Ellenbogens © Dr. Paweł Dąbrowski

Die Form dieser Axt ermöglichte eine erste Datierung des Grabes. Sie wird dem Umfeld der Schnurkeramikkultur zugerechnet und verweist auf eine Entstehungszeit um 2900 v. Chr. Damit gehört die Bestattung in die mittlere Phase des Neolithikums in Polen.

„Selbstverständlich werden all diese Knochenreste und Objekte gründlich untersucht, aber ich kann bereits jetzt sagen, dass wir Spuren menschlicher Anwesenheit vor 5.000 Jahren entdeckt haben“, so Dr. Paweł Dąbrowski.

Hinweise auf Migrationen der Schnurkeramikkultur

Besondere Aufmerksamkeit gilt nun der Frage, wer die Bestatteten waren und woher sie stammten. Ein nahezu zeitgleich entdeckter Grabhügel im nahegelegenen Iwiny deutet darauf hin, dass Gruppen der Schnurkeramikkultur das Gebiet des heutigen Niederschlesiens erreichten.

Sollten die Ergebnisse beider Fundorte übereinstimmen, könnten sie helfen, Migrationsbewegungen dieser Gemeinschaften genauer zu rekonstruieren. Diskutiert wird eine Herkunft aus osteuropäischen Regionen bis hin zum Kaspischen Becken.

Umfangreiche Analysen geplant

Um die Datierung zu bestätigen, werden die menschlichen Überreste zunächst mittels Radiokohlenstoffdatierung untersucht. Anschließend folgen genetische, isotopische sowie physikalisch-chemische Analysen.

Besonders aufschlussreich könnten die gut erhaltenen Zähne sein. Ihre Isotopensignaturen ermöglichen Rückschlüsse auf die Umweltbedingungen, in denen Mensch und Tier lebten. Dadurch lässt sich unter Umständen bestimmen, ob die Bestatteten aus der Region stammten oder zugewandert waren.

DNA-Untersuchungen sollen zudem klären, von welchen Tierarten die Zähne der Halskette stammen. Nach ersten Einschätzungen könnten sie von Hundeartigen, Bären oder verschiedenen Huftieren stammen. Auch menschliche Zähne werden bislang nicht ausgeschlossen.

Bei den menschlichen Überresten sollen genetische Analysen Informationen zu biologischem Geschlecht, Verwandtschaftsverhältnissen und möglicher Herkunft liefern.

Rätselhafte Schädelreste

Zu den ungewöhnlichsten Funden zählen die Fragmente zweier weiterer Schädel im Grab des Mannes. Warum sie dort niedergelegt wurden, ist bislang unklar.

Die Forscher prüfen derzeit die Hypothese, dass es sich um bewusst abgetrennte Köpfe handeln könnte, die als Beigaben oder Votivgaben ins Grab gelangten. Detaillierte anthropologische Untersuchungen sollen zeigen, ob sich entsprechende Schnitt- oder Verletzungsspuren an den Knochen nachweisen lassen.

Auch das Skelett des Mannes selbst wird auf Krankheiten, Belastungsspuren und Verletzungen untersucht. Ergänzende Analysen könnten zudem Hinweise auf Ernährung und Lebensweise der Menschen im Neolithikum liefern.

Quelle: Uniwersytet Medyczny im. Piastów Śląskich we Wrocławiu

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