Bestattung mit den Merkmalen eines regulären Grabes
Die Lage des Grabes wirft zunächst Fragen auf. Kinderbestattungen fanden in vielen historischen Gesellschaften häufig außerhalb regulärer Friedhöfe statt. Caroline Partiot, Studienautorin und Anthropologin am Bioarchaeology Lab des Österreichischen Archäologischen Instituts der ÖAW, erklärt:
„In früheren Gesellschaften befindet sich der Bestattungsort sehr junger Kinder oft woanders als jener von Erwachsenen, weil ihr sozialer Status ein anderer war. Man findet ihre Gräber daher häufig an Orten ohne ursprüngliche Bestattungsfunktion, etwa unter Hausböden oder in Brunnen.“
Solche Bestattungen können mitunter auf gesellschaftliche Ausgrenzung oder eine geringe Wertschätzung der Verstorbenen hindeuten. Im Fall von Ephesos sprechen jedoch mehrere Befunde für das Gegenteil. Das Grab wurde sorgfältig errichtet und weist sämtliche Merkmale einer regulären Bestattung auf.
„Im Odeion ist es aber bemerkenswert, dass an einem Ort, der eher für Ausgrenzung stehen könnte, ein Grab mit allen Merkmalen einer regulären Erwachsenenbestattung angelegt wurde. Das spricht für eine besondere Fürsorge der Angehörigen und dafür, dass der Tod des Kindes die Gemeinschaft berührt hat“, sagt Partiot.
Ein Grab aus dem Frühmittelalter
Das kleine Kistengrab aus Ziegeln und Steinen war bereits 2010 bei Ausgrabungen im Odeion entdeckt worden. Das Gebäude diente ursprünglich musischen, dramatischen und poetischen Aufführungen und entstand im 1. Jahrhundert n. Chr. Der Kanal, in dem das Grab angelegt wurde, gehörte im 2. und 3. Jahrhundert n. Chr. zu einer öffentlichen Latrine mit etwa 30 Sitzplätzen.
Halbkreisförmiger Zuschauerraum des Odeions (cavea)
© OeAW-OeAI
Lange blieb unklar, wann die Bestattung angelegt worden war. Erst Radiokarbondatierungen brachten Gewissheit: Das Grab entstand im 8. oder 9. Jahrhundert n. Chr. und damit mehrere Jahrhunderte nach der Aufgabe des Odeions.
Für die Forschung besitzt diese Datierung besondere Bedeutung. Wie Co-Autorin Lilli Zabrana hervorhebt, lässt sich damit nachweisen, dass das Areal des Artemisions im Frühmittelalter weiterhin zugänglich war. Dies geschah noch vor den großflächigen Überflutungen des 13. und 14. Jahrhunderts, die den gesamten Tempelbezirk unter mächtigen Sedimentschichten begruben.
Hinweise auf eine Zwillingsgeburt
Die anthropologischen Untersuchungen ergaben, dass beide Kinder nach etwa 33 bis 34 Schwangerschaftswochen starben und damit einige Wochen vor dem regulären Geburtstermin. Ihre nahezu identische Körpergröße sowie die gemeinsame Bestattung sprechen dafür, dass es sich um Zwillinge handelte.
Die Kinder waren Seite an Seite niedergelegt worden, mit dem Kopf nach Westen ausgerichtet. Diese Orientierung gilt als typisch für frühchristliche Bestattungen. Auch die Körperhaltung, das Fehlen von Grabbeigaben und die sorgfältige Konstruktion des Grabes entsprechen den aus byzantinischer Zeit bekannten Bestattungssitten in Ephesos.
Gerade vor diesem Hintergrund fällt der gewählte Bestattungsort besonders auf: Das Grab liegt außerhalb aller bislang bekannten Gräberfelder, innerhalb eines längst funktionslosen, jedoch weiterhin zugänglichen Bauwerks.
Seltene anatomische Besonderheit
Besonders bemerkenswert ist der Befund bei einem der beiden Kinder. Die Forscher identifizierten eine überzählige Halsrippe – eine seltene anatomische Variante, die mit einem erhöhten Risiko für Entwicklungsstörungen und Fehlgeburten in Verbindung gebracht wird.
Nach Angaben der Autoren handelt es sich erst um den zweiten weltweit dokumentierten Nachweis einer solchen Besonderheit bei einem perinatal verstorbenen Individuum.
Weitere Untersuchungen lieferten Hinweise darauf, dass die Kinder für die Bestattung in ein Tuch eingewickelt worden waren. Ein eiserner Gegenstand im Kopfbereich könnte als Nadel zur Befestigung dieses Leichentuchs gedient haben. Darüber hinaus konnten die Forscher Spuren von Wassereinsickerung während des Verwesungsprozesses nachweisen.
Gegen eine Deutung als Entsorgung
Die Lage des Grabes in einem ehemaligen Kanal könnte zunächst an andere archäologische Funde erinnern, bei denen große Mengen perinatal verstorbener Kinder in Abwassersystemen entdeckt wurden. Solche Befunde werden teilweise als Hinweise auf Kindstötung interpretiert.
Für Ephesos sprechen die archäologischen Befunde jedoch eindeutig gegen eine solche Deutung. Ausschlaggebend sind die sorgfältige Anlage des Grabes, seine jahrhundertelange Unversehrtheit sowie die Einbettung in den ehemaligen Tempelbezirk der Artemis.
Statt einer Entsorgung dokumentiert der Fund offenbar eine bewusst gestaltete und respektvolle Bestattung.
Neue Einblicke in den Umgang mit früh verstorbenen Kindern
Das Kindergrab von Ephesos liefert wertvolle Erkenntnisse über den Umgang mit Neugeborenen und Frühgeborenen im Frühmittelalter. Es zeigt, dass selbst an einem ungewöhnlichen Ort eine sorgfältige und symbolisch bedeutsame Bestattung erfolgen konnte.
Gleichzeitig beleuchtet der Fund eine bislang wenig bekannte Nutzungsphase des aufgegebenen Artemisheiligtums. Die Bestattung fällt in eine Zeit des Wandels zwischen römischen Traditionen und christlich geprägten Vorstellungen und verdeutlicht, welchen besonderen gesellschaftlichen Status früh verstorbene Kinder in einer Lebenswelt besaßen, die von hoher Kindersterblichkeit geprägt war.