Durchbruch bei der Entschlüsselung der Herculaneum-Schriftrollen gelungenNeue antike Texte und Autoren entdeckt

Ein Forschungsteam der Vesuvius Challenge hat einen bedeutenden Durchbruch bei der Entzifferung der verkohlten Schriftrollen von Herculaneum erzielt. Mithilfe hochauflösender Röntgentechnik, künstlicher Intelligenz und virtueller Entrollung wurden bislang unlesbare Texte sichtbar gemacht, neue Werke identifiziert und Einblicke in verloren geglaubte philosophische Traditionen gewonnen.

Eine verkohlte Papyrusrolle unter einem rotleuchtenden Scan
© S. Bailey, EduceLab/The University of Kentucky

Die verkohlten Schriftrollen aus Herculaneum gelten seit Jahrhunderten als einer der bedeutendsten, aber zugleich unzugänglichsten Schriftfunde der Antike. Nun meldet die Vesuvius Challenge einen historischen Erfolg: Erstmals konnten umfangreiche Texte gelesen, neue Werke identifiziert und bislang unbekannte Inhalte erschlossen werden.

Nach Angaben der Forscher markiert dies die bedeutendste Textgewinnung seit den ersten Versuchen, die Papyrusrollen vor mehr als 200 Jahren mechanisch zu öffnen.

„Fast zwei Jahrtausende lang waren viele dieser Texte zwar physisch erhalten, aber intellektuell unzugänglich“, sagte Brent Seales von der University of Kentucky. „Heute – nach jahrelanger interdisziplinärer Arbeit, die fortschrittliche Bildgebung, künstliche Intelligenz (KI), akademische Forschung und einen Innovationswettbewerb vereint – können wir sie endlich lesen.“

Fast 1,5 Meter antiker Text freigelegt

Zu den wichtigsten Erfolgen zählt die virtuelle Entrollung der Schriftrolle PHerc. 1667. Der erhaltene Teil des verkohlten Papyrus konnte digital geöffnet werden, wodurch fast 1,5 Meter zusammenhängender Text mit rund 20 Textspalten sichtbar wurden.

Zudem gelang die Wiederherstellung von mehr als 70 Textspalten einer weiteren Schriftrolle, PHerc. 172, die heute in der Bodleian Library in Oxford aufbewahrt wird. Die neu zugänglichen Texte erlauben es Forschern erstmals, zusammenhängende Argumentationen nachzuvollziehen, statt lediglich einzelne Fragmente auszuwerten.

„Dank der virtuellen Entrollung können wir nun aber zusammenhängende Argumente über mehrere Spalten hinweg verfolgen. Das ist ein grundlegender Wandel“, erklärte die Papyrologin Federica Nicolardi.

Möglicherweise ein neues Werk der Stoiker

Besonders bemerkenswert ist der Inhalt von PHerc. 1667. Die Handschrift und sprachlichen Merkmale deuten auf eine Entstehung im 2. oder späten 3. Jahrhundert v. Chr. hin. Damit gehört die Rolle zu den ältesten Exemplaren der Herculaneum-Sammlung.

Nach ersten Analysen handelt es sich wahrscheinlich um eine philosophische Abhandlung zu Ethik, Tugend und menschlichem Verhalten. Mehrere Passagen weisen auf stoisches Gedankengut hin. Diskutiert werden unter anderem die Begriffe hormē (Impuls) und phronesis (praktische Weisheit).

Da die meisten bislang bekannten Herculaneum-Texte dem epikureischen Philosophen Philodemus zugeschrieben werden, könnte der Fund den Nachweis eines anderen Autors liefern. Als möglicher Kandidat gilt der Stoiker Chrysipp, von dessen Werk nur Bruchteile überliefert sind.

„Es handelt sich hier nicht nur um eine technische Wiederentdeckung – es ist die Rückkehr einer philosophischen Stimme“, so Nicolardi.

Zu den erhaltenen Passagen gehört die Aussage:

„Wir werden etwas erforschen, aber wir werden es nicht begreifen, wenn wir uns dabei in irgendeiner Weise von uns selbst und unserer eigenen Natur entfernen.“

Neues Werk des Philosophen Philodemus identifiziert

Einen weiteren wichtigen Fund machte das Team in der Schriftrolle PHerc. 139. Dort konnte erstmals der Titel eines bislang unbekannten Buches gelesen werden: „Philodemus, Über die Götter, Buch 8“.

Die Entdeckung zeigt, dass das Werk „Über die Götter“ mindestens acht Bücher umfasste. Bisher war lediglich das erste Buch bekannt. Damit erhalten Forscher neue Einblicke in die epikureische Theologie und ihre Diskussionen über die Natur der Götter, Vorsehung und Kosmologie.

„Dies ist ein entscheidender Beleg für das Verständnis von Philodemus’ Werk“, sagte Marzia D'Angelo. „Zum ersten Mal können wir ‚Über die Götter‘ in einen größeren Kontext einordnen und beginnen zu erkennen, wie diese Texte im Rahmen einer fortlaufenden philosophischen Untersuchung theologischer Konzepte im antiken Rom miteinander in Beziehung stehen.“

Hochtechnologie blickt ins Innere der Papyrusrollen

Möglich wurde der Durchbruch durch hochauflösende Mikro-Computertomographie an internationalen Großforschungsanlagen in Großbritannien und Frankreich. Die gewonnenen Scandaten lieferten detaillierte dreidimensionale Modelle der verkohlten Rollen, ohne die empfindlichen Objekte physisch öffnen zu müssen.

Anschließend kamen Verfahren des maschinellen Lernens zum Einsatz, um Tintenreste in den Datensätzen sichtbar zu machen und die Texte digital zu rekonstruieren. Die erzeugten Datensätze zählen zu den umfangreichsten, die jemals für antike Artefakte erstellt wurden.

Der Anfang einer neuen Forschungsphase

Die 2023 gestartete Vesuvius Challenge verwandelte ein langjähriges Forschungsproblem in ein internationales Gemeinschaftsprojekt. Durch die Verbindung von Open-Source-Daten, künstlicher Intelligenz und klassischer Altertumswissenschaft konnten in kurzer Zeit Ergebnisse erzielt werden, die lange als unerreichbar galten.

Der Fokus verlagert sich nun zunehmend von der technischen Erschließung zur wissenschaftlichen Interpretation der neu gewonnenen Texte. Papyrologen, Philologen und Historiker stehen vor der Aufgabe, die Inhalte auszuwerten und in den Kontext der antiken Geistesgeschichte einzuordnen.

Dabei dürfte das Potenzial der Forschungen noch lange nicht ausgeschöpft sein: Mehr als 600 Herculaneum-Schriftrollen sind bis heute ungeöffnet.

„Heute hören wir Stimmen, die 2000 Jahre lang verstummt waren“, sagte Seales. „Zum ersten Mal decken wir sie auf und lesen sie – aber vor allem beginnen wir, sie zu verstehen.“

Quelle: University of Kentucky

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