Dürre, Umleitungen und Stillstand: Was Karbonatablagerungen über das Aquädukt von Nîmes verraten

Karbonatablagerungen aus dem römischen Aquädukt von Nîmes liefern neue Einblicke in dessen Nutzung über rund 300 Jahre. Die Analysen zeigen unter anderem eine Erweiterung der Wasserversorgung nach einer Trockenperiode, eine spätere Verringerung der Wasserzufuhr in die Stadt und schließlich das Ende der städtischen Versorgung im 3. Jahrhundert n. Chr.

Rundes antikes Steingebilde mit mehreren Öffnungen in einer Parkanlage
Die Wasserverteilstelle am Ende des Aquädukts des antiken Nîmes © Cees Passchier
Untersuchungen von Karbonatablagerungen im römischen Aquädukt von Nîmes mit der Brücke Pont du Gard liefern neue Erkenntnisse zur Wasserbewirtschaftung in der Region. Ein Forschungsteam der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz wertete Kalkablagerungen entlang der rund 50 Kilometer langen Wasserleitung aus und rekonstruierte deren Entwicklung vom 1. bis zum 4. Jahrhundert n. Chr.
 
Die Ergebnisse zeigen Veränderungen in der Wasserversorgung während der etwa 300-jährigen Nutzung des Aquädukts. „Die Karbonatablagerungen dokumentieren menschliche Eingriffe über einen Zeitraum von etwa 300 Jahren während der Pax Romana, zudem gewähren sie Einblicke in soziale Unruhen“, fasst Dr. Gül Sürmelihindi vom Institut für Geowissenschaften der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz zusammen.

Zweite Quelle nach rund elf Jahren erschlossen

Für die Untersuchung entnahmen die Forscher an zehn Stellen des Aquädukts Proben der Karbonatablagerungen. Mithilfe von Isotopenanalysen untersuchten sie die einzelnen Schichten, die sich während der Nutzung der Wasserleitung gebildet hatten. Unterschiede im Wasserzufluss und in der Temperatur hinterließen Muster, die ähnlich wie Jahresringe ausgewertet werden können.
In den ältesten Ablagerungen identifizierte das Team eine rund zwei Zentimeter dicke Karbonatschicht, die von einer dünnen Tonschicht überdeckt wird. Nach Angaben der Autoren weisen diese Schichten auf eine Trockenperiode im westlichen Mittelmeerraum während der ersten elf Nutzungsjahre des Aquädukts hin.

„Am unteren Ende der Proben befindet sich eine etwa zwei Zentimeter dicke Karbonatschicht, die von einer dünnen Tonschicht bedeckt ist“, sagt Passchier.

Anschließend verändert sich die Zusammensetzung der Ablagerungen deutlich. Nach Einschätzung der Forscher zeigt dies, dass dem Aquädukt nach etwa elf Jahren Wasser aus einer weiteren Quelle zugeführt wurde. „In den weiteren Schichten verändert sich das Karbonat: Nach elf Jahren ist eine andere Art Wasser hinzugekommen. Es wurde eine weitere Quelle erschlossen, um das Aquädukt mit ausreichend Wasser zu versorgen“, sagt Passchier.
Diese Interpretation stimmt mit baulichen Veränderungen überein, die am Aquädukt und am Pont du Gard nachweisbar sind. Dort wurden Seitenwände erhöht, verstärkt und teilweise abgestützt.

Geringerer Wasserstand im 2. Jahrhundert

Um etwa 150 n. Chr. wurden die abgelagerten Karbonatschichten deutlich dünner: Der Wasserstand des Aquädukts sank. „Etwa die Hälfte des Wassers, das die Stadt versorgte, wurde abgezweigt, um Felder zu bewässern – aufgrund der großen Menge scheint es sich um eine legale Abnahme gehandelt zu haben“, sagt Sürmelihindi. Dies könne nur für sehr einflussreiche Personen möglich gewesen sein, außerdem scheint die Stadt das Wasser nicht sehr dringend benötigt zu haben. Für die nächsten rund 100 Jahre funktionierte die Wasserleitung einwandfrei – allerdings mit reduzierter Wassermenge in der Stadt.

Ende der städtischen Wasserversorgung im 3. Jahrhundert

Ab der Mitte des 3. Jahrhunderts verändern sich Struktur und Zusammensetzung der Karbonatablagerungen. Die Schichten werden poröser und enthalten zunehmend Lehm und Sand. Das Forschungsteam wertet dies als Hinweis auf eine nachlassende Instandhaltung des Aquädukts.
„In vielen Teilen des Römischen Reichs herrschten große wirtschaftliche und politische Unruhen. Wir sehen am Karbonat, dass sich der Zustand der Stadt verschlechterte“, sagt Sürmelihindi.
Um 270 n. Chr. enden die Karbonatablagerungen in den stadtnahen Abschnitten des Aquädukts abrupt. Dies zeigt nach Angaben der Autoren, dass die Wasserversorgung von Nîmes eingestellt wurde. In weiter entfernt gelegenen Abschnitten setzte sich die Karbonatbildung dagegen fort, was auf eine fortdauernde Nutzung des Wassers außerhalb der Stadt hinweist.

Cyprianische Pest als mögliche Erklärung

Warum die städtische Wasserversorgung beendet wurde, lässt sich anhand der Karbonatablagerungen allein nicht bestimmen. Die Autoren diskutieren jedoch einen möglichen Zusammenhang mit der sogenannten Cyprianischen Pest, die zwischen etwa 250 und 270 n. Chr. zahlreiche Regionen des Römischen Reiches traf.
„Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Bevölkerung in Nîmes etwas zugestoßen ist“, sagt Sürmelihindi. „Möglicherweise stellte die Cyprianische Pest, die hauptsächlich für Nordafrika und selbst für Rom dokumentiert ist und viele Todesopfer forderte, auch in Südfrankreich ein Problem dar – wie der Mitautor unserer Studie, Professor Andrew Wilson von der University of Oxford, vermutet. Über diese Pest in Westeuropa ist nicht viel bekannt.“
Die Autoren führen weitere archäologische Beobachtungen an, die ihrer Ansicht nach zu dieser Deutung passen. Demnach schrumpften mehrere Städte in Südfrankreich in dieser Zeit. Zudem weisen Karbonatuntersuchungen aus Cahors auf eine zeitgleiche Krise hin.

Landwirtschaftliche Nutzung bis ins 5. Jahrhundert

Auch nach dem Ende der städtischen Wasserversorgung blieb das Aquädukt teilweise in Gebrauch. Den Untersuchungen zufolge wurde das Wasser auf dem Land noch etwa 140 Jahre lang genutzt. Darauf weisen starke Kalkablagerungen an den Außenseiten der Wasserleitung hin, die durch Wasserentnahmen über Öffnungen in den Seitenwänden entstanden.
„In 140 Jahren hätte die Stadt das Aquädukt problemlos reparieren können“, sagt Passchier. „Offenbar war die Abnahme der Bevölkerungsdichte und des Reichtums der Stadt jedoch von Dauer.“

Quelle: Johannes Gutenberg Universität Mainz

Originalpublikation:

G. Sürmelihindi et al., The Usage History of the Aqueduct of Nîmes Reconstructed From Carbonate Archives: Operation, Modifications and Late Antique Breakdown and Change, Geoarchaeology, 15. September 2026, DOI: 10.1002/gea.70076

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