Ein außergewöhnliches Grab aus der frühen Bronzezeit nahe Stonehenge liefert überraschende neue Erkenntnisse. In der Ausstellung „We Go Way Back“, die derzeit im Francis Crick Institute in London zu sehen ist, werden Forschungsergebnisse vorgestellt, die die Identität des sogenannten Schamanen von Upton Lovell neu bewerten.
Die bestattete Person lebte vor etwa 4.000 Jahren und wurde bei Upton Lovell auf den Kreidehügeln der Salisbury Plain begraben, weniger als 16 Kilometer von Stonehenge entfernt. Lange Zeit gingen Forscher davon aus, dass es sich um einen Mann handelte. Neue Untersuchungen widerlegen diese Annahme nun eindeutig.
Ein Grabfund mit außergewöhnlichen Beigaben
Das Grab wurde bereits 1803 von dem Altertumsforscher William Cunnington in einem Grabhügel bei Upton Lovell ausgegraben. Aufgrund der Größe der Knochen interpretierte er die Bestattung als die eines kräftigen Mannes.
Zu den Grabbeigaben gehörte ein außergewöhnliches Ensemble von Objekten, das seit Langem das Interesse der Forschung weckt. Neben einer Streitaxt fanden sich Werkzeuge zur Goldbearbeitung. Die Bestattung wurde durch einen Umhang ergänzt, der mit durchbohrten Tierknochen verziert war. Laut den Forschern erzeugte dieser beim Gehen oder Tanzen ein metallisches, klingendes Geräusch, was auf ihre Teilnahme an religiösen oder schamanischen Ritualen hindeutet . Dieses Kleidungsstück sowie ein mit Eberhauern geschmückter Beutel bestärken die Hypothese, dass die Frau eine Doppelrolle als spezialisierte Handwerkerin und Vermittlerin zur Geisterwelt innehatte – eine Kombination von Funktionen, die sie zu einer außerordentlich wichtigen Persönlichkeit in ihrer Gemeinschaft machte.
Wiederentdeckung und Nachweis von Goldspuren
Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Grabhügel durch landwirtschaftliche Nutzung erheblich beschädigt. Deshalb erfolgte im Jahr 2000 eine erneute Untersuchung der Fundstelle unter Leitung von Dr. Colin Shell, Senior Fellow an der Universität Cambridge, unterstützt von der Wiltshire-Archäologin Gill Swanton.
Bei dieser Nachgrabung wurden die menschlichen Überreste geborgen. Zudem gelang Colin Shell der Nachweis von Goldspuren auf mehreren der steinernen Werkzeuge aus dem Grab. Damit verdichteten sich die Hinweise, dass die Bestattete unmittelbar mit der Verarbeitung von Gold in Verbindung stand.
Werkzeugkasten einer bronzezeitlichen Goldschmiedin
Einen entscheidenden Fortschritt brachte eine im Jahr 2022 veröffentlichte Untersuchung von Dr. Oliver Harris, Dr. Rachel Crellin und Dr. Christina Tsoraki von der Universität Leicester. Die Forscher konnten zeigen, dass die verschiedenen Grabbeigaben Bestandteil einer komplexen Ausrüstung zur Goldverarbeitung gewesen sein dürften.
Demnach erfüllten selbst unscheinbare Objekte konkrete Funktionen innerhalb des Herstellungsprozesses. Becher aus fossilen Schwämmen könnten zum Anmischen von Klebstoffen verwendet worden sein, während Streitäxte offenbar zum Hämmern und Glätten von Goldblechen dienten.
Alte DNA korrigiert eine jahrhundertealte Annahme
Die bislang deutlichste Neubewertung der Bestattung stammt aus aktuellen Untersuchungen des Ancient Genomics Laboratory am Francis Crick Institute. Für die Analyse wurden DNA-Proben aus Schädel-, Zahn- und Zehenknochen entnommen.
Die genetischen Untersuchungen ergaben, dass die Bestattete über XX-Geschlechtschromosomen verfügte. Damit steht fest, dass es sich um eine Frau handelte. Die über 200 Jahre alte Annahme einer männlichen Bestattung muss somit revidiert werden.
Auch die anthropologische Analyse der Knochen liefert weitere Informationen über die verstorbene Frau. Den Untersuchungen zufolge war sie zum Zeitpunkt ihres Todes wahrscheinlich älter als 45 Jahre. Zudem zeigte sie Anzeichen von Arthritis im rechten Handgelenk.
Die Forscher sehen darin einen möglichen Hinweis auf die dauerhafte und intensive Nutzung von Metallbearbeitungswerkzeugen über viele Jahre hinweg. Zusammen mit den Goldspuren auf den Werkzeugen und den charakteristischen Grabbeigaben entsteht das Bild einer erfahrenen Handwerkerin, die in der frühen Bronzezeit auf die Verarbeitung des wertvollen Metalls spezialisiert war.
Bedeutung für die Bronzezeitforschung
Die neuen Ergebnisse verändern nicht nur das Bild einer einzelnen Bestattung. Sie zeigen auch, wie moderne Methoden der Archäogenetik historische Interpretationen grundlegend korrigieren können. Das Grab von Upton Lovell belegt zugleich die hohe Spezialisierung bronzezeitlicher Handwerker und eröffnet neue Perspektiven auf die Rolle von Frauen im frühen Metallhandwerk Britanniens.
Die detaillierten Forschungsergebnisse des Ancient Genomics Laboratory sollen in Kürze in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht werden. Bis dahin liefert die Ausstellung „We Go Way Back“ bereits einen eindrucksvollen Vorgeschmack auf die Erkenntnisse, die sich aus der Verbindung von Archäologie und moderner DNA-Forschung gewinnen lassen.
Quelle: Wiltshire Museum