Bei St. Pantaleon-Erla in Niederösterreich haben Forscher die Überreste einer bislang unbekannten römischen Stadt nachgewiesen. Geophysikalische Untersuchungen zeigen ein planmäßig angelegtes Stadtgebiet von 25 bis 30 Hektar Größe mit regelmäßigem Straßennetz, Gräberfeldern und einem Amphitheater. Die Siedlung bestand nach aktuellem Forschungsstand etwa von 80 bis 180 n. Chr.
Seit 2015 untersucht ein interdisziplinäres Forschungsteam den rund zehn Kilometer langen Abschnitt des römischen Donaulimes zwischen Enns in Oberösterreich und St. Pantaleon-Erla in Niederösterreich. Beteiligt sind die Universität Innsbruck, das Forum Donaulimes, die GeoSphere Austria, Research Archaeology sowie die Landesarchäologien von Oberösterreich und Niederösterreich.
„Geophysikalische Messungen, durchgeführt von der GeoSphere Austria, zeigen ein planmäßig angelegtes, 25 bis 30 Hektar großes Stadtgebiet mit regelmäßigem Straßenraster und einem Amphitheater für rund 8000 Menschen. Das entspricht der Größe des Amphitheaters der bekannten Militärstadt Carnuntum“, schildert Gerald Grabherr, Archäologe an der Universität Innsbruck.
Siedlung nach rund 100 Jahren aufgegeben
Die Besiedlung begann nach aktuellem Forschungsstand um 80 n. Chr. und endete etwa 100 Jahre später. Archäologische Funde sprechen nach Einschätzung der Forscher dafür, dass die Bewohner das Gebiet planmäßig verließen.
„Unsere archäologischen Funde deuten darauf hin, dass es um 180 n. Chr. einen geplanten Rückzug aus dem Gebiet gab. Es gibt keine Hinweise auf eine Zerstörung der Siedlung“, betont Barbara Kainrath von Research Archaeology.
Im Bild drei römische Dörranlagen (Darren) am südlichen Rand der Siedlung, die vermutlich zu einer römischen Brauerei gehören. "Auch das ist für diese Region eine Besonderheit", betont Archäologe Grabherr.
© Uni Innsbruck / Grabherr
Münzfunde datieren die Aufgabe der Stadt in die Zeit des Herrschaftswechsels von Marcus Aurelius zu Commodus um 180 n. Chr. Die Forscher bringen diese Entwicklung mit der Neuordnung der römischen Strategie am Donaulimes nach den Markomannenkriegen in Verbindung. Demnach könnte die Siedlung aufgegeben worden sein, während der Legionsstandort Lauriacum an der Enns bestehen blieb. Lauriacum/Enns erlebte darauf seine Blütezeit: Funde belegen, dass sich Menschen aus der aufgelassenen Stadt dort angesiedelt haben, darunter Handwerksbetriebe: „Wir haben Bronzeguss-Werkzeuge und dieselben Fibeln – also Gewandnadeln – entdeckt, die auch in der Stadt in Stein gefunden wurden.“ Fünfzig Jahre nach der Übersiedelung war der Legionsstützpunkt etwa dreimal so groß wie die Stadt in Stein, die nunmehr als Steinbruch genutzt wurde.
Vom Militärstandort zur planmäßig angelegten Stadt
Bereits 2017 wurde in Stein ein römisches Steinkastell aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. entdeckt. Spätere geophysikalische Untersuchungen wiesen außerdem ein Holz-Erde-Lager aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. nach.
Der Militärstandort östlich der Enns diente nach Einschätzung der Forscher vor allem der Kontrolle des Donauübergangs im Bereich der von Norden einmündenden Aist. Das Aisttal bildete eine kurze Verkehrsverbindung zwischen Donau und Moldau. Nördlich der Donau wurden außerdem drei bis vier weitere Römerlager gefunden. Die Forscher interpretieren sie als Hinweise auf einen Truppenzusammenzug.
Die römische Siedlungslandschaft zwischen Enns und St. Pantaleon-Erla: Im Westen Lauriacum Enns, weiter östlich möglicherweise Claudivium/Stein südlich der Einmündung der Aist in die Donau. Außerdem wurden in dem Gebiet bereits mehrere Wachtürme nachgewiesen und (temporäre) römische Lager nördlich der Donau.
© OÖLKG / 7reasons
Bemerkenswert ist die Dimension der neben dem Kastell entstandenen Siedlung. „Üblicherweise entstanden in der Nähe von Kastellen zivile Siedlungsareale zur Versorgung der Truppen. Doch die Errichtung einer 25 bis 30 Hektar großen Siedlung mit Straßenraster ist für ein Hilfskastell mit circa 500 Soldaten bislang ohne Vergleich im Römischen Reich“, betont Grabherr.
Nach Angaben der Forscher war die Siedlung planmäßig angelegt. Ihr Aufbau ähnelt dem autonomer römischer Städte in der Provinz Noricum.
Amphitheater und große Gräberfelder nachgewiesen
Die Untersuchungen erfassten nicht nur das Straßennetz der Siedlung. Entlang der aus der Stadt führenden Straßen lagen Gräberfelder. Besonders im Nordwesten befand sich ein großer Friedhof mit zahlreichen Gräbern, Grabbauten und Grabhügeln. Die Dimension einiger Anlagen lässt nach Einschätzung der Forscher auf wohlhabende Bestattete schließen.
Zu den auffälligsten Befunden gehört ein Amphitheater, das nach Angaben des Forschungsteams Platz für rund 8000 Menschen bot. Sein Nachweis wird von den Forschern als Bestätigung des städtischen Charakters und des besonderen Stellenwerts der Anlage gewertet.
Auch im nahe gelegenen Albing fanden Archäologen Spuren eines umfangreichen römischen Bauprojekts. Dort waren Fundamentgräben und teilweise massive Fundamente für die Befestigung sowie das Stabsgebäude eines Legionslagers angelegt worden. Aufgehende Mauern entstanden jedoch nicht. Das Lager blieb unvollendet.
Handelt es sich um Claudivium?
Offen ist bislang die Identität der Stadt. Die Forscher halten eine Gleichsetzung mit dem antiken Claudivium für möglich.
Einen Anhaltspunkt liefert Claudius Ptolemäus. Der Geograf des 2. Jahrhunderts n. Chr. nennt einen Ort namens „Claudivium“ und gibt dafür Koordinaten an, die nach Angaben des Forschungsteams zur entdeckten Stadt in Stein passen. Mit denselben Koordinaten erwähnt Ptolemäus einen von Norden einmündenden Fluss. Dabei könnte es sich nach Interpretation der Forscher um die Aist handeln.
Auch die Aufgabe der Stadt um 180 n. Chr. fügt sich nach ihrer Auffassung in dieses Bild: In späteren Quellen wird Claudivium nicht mehr erwähnt.
Weitere Untersuchungen geplant
Die Forscher sehen in der verlassenen Stadt Möglichkeiten für weitere Untersuchungen zur Zeit zwischen der flavischen Dynastie von 69 bis 96 n. Chr. und den Markomannenkriegen von 166 bis 180 n. Chr. Dafür wollen sie unterschiedliche archäologische und naturwissenschaftliche Methoden miteinander verbinden.
>„Das Potenzial, das ein zeitgemäßer Methodenmix aus Luftbildarchäologie, Geophysik, gezielten Grabungen und der Einbeziehung diverser naturwissenschaftlicher Disziplinen bietet, ist enorm. Trotz der überregionalen Bedeutung und des Potenzials der Region ist es bislang nicht gelungen, mittel- und langfristige Finanzierungen zu akquirieren, die eine Erforschung nach internationalen Standards ermöglichen würden“, betonen Barbara Kainrath und Gerald Grabherr.
Quelle: Universität Innsbruck