Archäologische Fundstätten liegen nicht nur an Land. Auch auf dem Grund von Seen, Flüssen und in Moorlandschaften haben sich bedeutende Zeugnisse vergangener Epochen erhalten. Anlässlich des UNESCO-„Internationalen Tages des Kulturerbes unter Wasser“ am 21. August macht das Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart auf die wissenschaftliche Bedeutung dieser Fundstätten aufmerksam und warnt zugleich vor ihrer zunehmenden Gefährdung.
Zu den größten Risiken zählen illegale Bergungen, die wirtschaftliche Nutzung von Gewässern, touristische Aktivitäten sowie die Folgen des Klimawandels. Besonders Niedrigwasser, Trockenheit und extreme Wetterereignisse setzen den oft empfindlichen archäologischen Überresten erheblich zu.
Baden-Württemberg verfügt über einen außergewöhnlich reichen Bestand an Unterwasserdenkmalen. Entlang des Bodenseeufers sowie in den Seen und Mooren Oberschwabens sind zahlreiche Seeufer- und Moorsiedlungen, Brücken, Wege, Stege und Wasserfahrzeuge aus der Stein- und Bronzezeit belegt. Daneben existieren Fundplätze aus dem Mittelalter und der Neuzeit, darunter Fischfanganlagen, Landestellen, verlorene Ladungsgüter und Schiffswracks.
Wracks und Tiefsee: Systematische Erforschung des Bodensees
Ein Schwerpunkt der aktuellen Forschung liegt auf dem Bodensee. Seit 2022 untersucht das Landesamt für Denkmalpflege im Rahmen des Projekts „Wracks und Tiefsee“ systematisch den Seegrund.
Zwei Mitglieder der Tauchgruppe des LAD bei Ausgrabungsarbeiten am Schiffswrack W338 im Bodensee.
© LAD/Julia Goldhammer.
„Seit 2022 erkundet die archäologische Denkmalpflege im Rahmen des Projekts ‚Wracks und Tiefsee‘ systematisch den Grund des Bodensees, um bisher nicht bekannte Wracks von Schiffen und Flugzeugen aufspüren, dokumentieren und schützen zu können“, erläutert Dr. Julia Goldhammer, Projektleiterin und Oberkonservatorin im Fachgebiet Feuchtbodenarchäologie des LAD in Hemmenhofen.
Zum Einsatz kommen moderne technische Verfahren. Dazu gehört ein ferngesteuerter Unterwasserroboter (ROV), der auch größere Tiefen erreichen kann. Alexandra Ulisch, Unterwasserarchäologin und Mitarbeiterin im Projekt ergänzt: „Dabei kommt unser ROV, ein ferngesteuerter Unterwasserroboter, zum Einsatz, der von unserem Arbeitsboot aus in die Tiefen des Sees geschickt wird“.
Unterstützt werden die Untersuchungen von einer spezialisierten Tauchergruppe des Landesamtes. Ihre Arbeit umfasst die Dokumentation, Erforschung und den Schutz archäologischer Fundstellen unter Wasser. „Das Land Baden-Württemberg ist derzeit die einzige Denkmalbehörde der Bundesrepublik Deutschland, die eine entsprechende Tauchgruppe im Einsatz hat. Zur Betreuung des Unterwasserkulturerbes sind solche spezialisierten Teams unabdingbar“, meint Prof. Dr. Dirk Krausse, Landesarchäologe am LAD.
Die Ergebnisse des Projekts bilden die Grundlage für ein umfassendes Inventar der Bodenseewracks. Gleichzeitig liefern sie wichtige Informationen zum Erhaltungszustand und zu den Gefährdungen dieser bislang nur unzureichend erfassten Denkmäler.
Klimawandel bedroht einzigartige Erhaltungsbedingungen
Unterwasserfundstellen und Feuchtbodenstandorte zählen zu den wertvollsten archäologischen Archiven. In den dauerhaft nassen Sedimenten bleiben organische Materialien wie Holz, Pflanzenreste oder Textilien oft über Jahrtausende erhalten. Diese Funde ermöglichen Einblicke in Lebensweise, Umwelt und Wirtschaft vergangener Gesellschaften, die an Land häufig nicht mehr möglich sind.
Doch genau diese außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen geraten zunehmend unter Druck.
„Unter Wasser haben sich Objekte aus organischen Materialien über Jahrtausende erhalten, die über Wasser im mineralischen Boden schon längst zersetzt wären. Doch die derzeitigen Klimaveränderungen sind eine große Gefahr für unsere archäologischen Zeugnisse. Der Klimawandel wird in Zukunft häufiger Dürreperioden verursachen. Dadurch trocknet der Boden aus und mit ihm die kulturellen Hinterlassenschaften. Der Schutz dieser Denkmale ist daher von großer Bedeutung“, sagt Dr. Renate Ebersbach, Leiterin des Fachgebietes Feuchtbodenarchäologie am LAD.
Trocknen die Sedimente aus, beginnen organische Materialien zu zerfallen. Damit gehen zugleich wertvolle Informationen über vergangene Lebenswelten unwiederbringlich verloren.
Forschung mit Jahrringen, Samen und Pollen
Einen wichtigen Beitrag zur Erforschung dieser Fundstellen leisten die Dendrochronologie und die Archäobotanik. Mithilfe von Jahrringanalysen können Forscher das Fälldatum von Hölzern präzise bestimmen und Rückschlüsse auf die Nutzung von Wäldern ziehen.
Archäobotanische Untersuchungen analysieren Samen, Pflanzenreste und Pollen, die in den Sedimenten konserviert wurden. Daraus lassen sich Erkenntnisse über frühere Landschaften, Anbauformen und Ernährungsweisen gewinnen. Die wassergesättigten Ablagerungen fungieren damit als einzigartige Umweltarchive, die einen direkten Blick in vergangene Ökosysteme ermöglichen.
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