Die Grabung ist Teil umfangreicher Ausgrabungen von Kulturdenkmälern an der Albhochfläche, die das Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart seit August 2025 betreut. Auftraggeber ist die Autobahn GmbH Niederlassung Südwest. Die archäologischen Arbeiten erfolgen durch die Fachfirmen fodilus und ArchaeoBW und sollen voraussichtlich bis Ende diesen Jahres fortgesetzt werden.
Neben Kastellen und Siedlungen bildete die Alblimes-Straße das Rückgrat der Infrastruktur in der neu eingerichteten Provinz Germania Superior. Über sie verliefen militärische, wirtschaftliche und administrative Verbindungen. Gleichzeitig markierte die Region über mehr als ein Jahrhundert hinweg den Grenzraum zwischen dem Römischen Reich und den noch nicht von Rom kontrollierten germanischen Gebieten.
Dr. René Wollenweber, Referent für lineare Projekte am LAD, sagte:
„Die Funde erhellen unser Bild über die Entstehung, Bedeutung und Nutzung einer der ältesten Straßen in Baden-Württemberg. Die Ausgrabungen zeigen, dass der Bau moderner Verkehrswege, die denkmalpflegerisch begleitet werden, nicht nur essentiell für den heutigen Landesausbau ist, sondern auch unser Wissen über die Entwicklung der Kulturlandschaft sowie das kulturelle Erbe Baden-Württembergs bereichern.“
Der Alblimes als Teil der römischen Grenzstrategie
Die Schwäbische Alb stellte aufgrund ihrer geografischen Lage einen strategisch bedeutsamen Raum für die Römer dar. Das rund 200 Kilometer lange und bis zu 45 Kilometer breite Mittelgebirge bildete eine natürliche Verbindung zwischen dem Rheinfall bei Schaffhausen und dem Nördlinger Ries Im Zuge der Expansion nach Südwestdeutschland integrierte Rom die Alb gezielt in sein Grenzsicherungssystem. Der sogenannte Alblimes bestand vor allem aus einer Kette von Kastellen, darunter Standorte wie Urspring und Donnstetten. Verbunden wurden diese Militärplätze durch die Alblimes-Straße, die damit eine zentrale Funktion für Truppenbewegungen, Nachrichtenübermittlung und Versorgung übernahm.
Eine Bronzemünze (unrestauriert, 1 Dupondius = ½ Sesterz) aus dem Bereich der römischen Straße. Schemenhaft ist auf der Vorderseite (rechts) das Abbild eines Kaisers (vermutlich Kaiser Domitian) zu erkennen.
© Kathrin Conrad, fodilus GmbH.
Vom Forschungsrätsel zum Kulturdenkmal
Lange Zeit galt die Existenz des Alblimes lediglich als archäologische Vermutung. Erst Ausgrabungen des 19. und 20. Jahrhunderts lieferten den eindeutigen Nachweis dieser frühen Grenzanlage. Heute wird der Alblimes als Kulturdenkmal von überregionaler Bedeutung eingestuft.
Die aktuellen Untersuchungen nahe Drackenstein erweitern das Wissen über die Entstehung und Nutzung dieses wichtigen Verkehrs- und Grenzsystems erheblich. Sie zeigen zugleich, welchen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn großflächige Rettungsgrabungen im Vorfeld moderner Infrastrukturprojekte ermöglichen.
Rückblick: Archäologische Höhepunkte in Baden-Württemberg 2025
Die Freilegung der Alblimes-Straße reiht sich in eine Serie bedeutender archäologischer Entdeckungen ein.
Einen Überblick über die wichtigsten Ergebnisse des Fundjahres 2025 bietet der jüngst erschienene Band Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg. Darin werden die Resultate von 75 Forschungs- und Schutzprojekten sowie Rettungsgrabungen aus dem gesamten Land vorgestellt.
Zu den herausragenden Funden zählen ein mehr als 7.000 Jahre alter Bestattungsplatz der frühen Jungsteinzeit, neue Entdeckungen aus einer frühkeltischen Grabkammer bei Riedlingen sowie die bronzene Kleinplastik eines springenden Ziegen- oder Steinbocks.
Jestetten-Altenburg, keltisches Oppidum. Bronzene Kleinplastik eines rückwärts gewandten springenden Ziegen- oder Steinbocks.
© Landesamt für Denkmalpflege/Marion Hassold.
Besondere Aufmerksamkeit erregte ein außergewöhnlich gut erhaltenes Stück Birkenrinde aus einer frühkeltischen Grabkammer. Das Fragment zeigt die Darstellung eines stehenden männlichen Pferdes und gilt aufgrund der Seltenheit figürlicher Darstellungen auf organischen Materialien aus der Hallstattzeit als archäologische Sensation. Landesarchäologe Prof. Dr. Dirk Krausse erklärte: „Der Fund zeigt, dass im Umfeld der Heuneburg bereits im frühen 6. Jahrhundert vor Christus Gegenstände aus organischen Materialien figürlich verziert wurden.“
Ein ganz seltener Grabfund: auf einem Birkenrindenstreifen ist ein Hengst in Ritz- und Punktechnik abgebildet
© LAD im RPS /Marion Hassold
Zugleich unterstrichen die Fachleute die Bedeutung archäologischer Rettungsgrabungen. Bauprojekte und klimabedingte Veränderungen gefährden zahlreiche Fundstellen. Umso wichtiger bleibt die wissenschaftliche Dokumentation und Sicherung archäologischer Denkmale, bevor sie unwiederbringlich verloren gehen.
Grenzach-Wyhlen. Glasurnen aus dem römischen Brandgräberfeld.
© Landesamt für Denkmalpflege/Marion Hassold.
Quelle:
Landesamt für Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Regierungspräsidium Stuttgart
Publikation zu den Ergebnissen der Grabungen 2025:
Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2025, 304 Seiten mit farbigen Abbildungen und Karten. ISBN 978-3-942227-65-0
Herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart in Verbindung mit der Gesellschaft für Archäologie in Baden-Württemberg e. V. Gefördert durch das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg.