Auf den Spuren Roms: Archäologen legen Teil der Alblimes-Straße auf der Schwäbischen Alb frei

Bei archäologischen Untersuchungen im Vorfeld des neuen Albaufstiegs der A8 haben Forscher nahe Drackenstein ein rund 90 Meter langes Teilstück der römischen Alblimes-Straße freigelegt. Die etwa 2.000 Jahre alte Verkehrsverbindung zählt zu den ältesten Straßen Baden-Württembergs und spielte eine zentrale Rolle für Verwaltung, Militär und Kommunikation entlang der römischen Grenze.

Im Vordergrund liegt ein breiter Streifen aus hellen, unregelmäßig geformten Steinen, der sich durch aufgeworfene Erde zieht. Im mittleren Bereich überspannt ein weißes Zeltgestell einen Teil der Steinschicht. Im Hintergrund sind grüne Felder, ein Waldrand und ein blauer Himmel mit wenigen Wolken zu sehen.
Für den Bau der Alblimes-Straße verwendete man den anstehenden weißen Jurakalkstein aus dem Verwitterungshorizont der schwäbischen Alb und legte diese sorgsam als Grundlage des Straßenkörpers an. © Dr. René Wollenweber, LAD
Dort, wo künftig der neue Albaufstieg der A8 verlaufen wird, stießen Archäologen auf ein bedeutendes Zeugnis römischer Infrastruktur. Im Zuge umfangreicher Untersuchungen auf der Albhochfläche wurde ein Abschnitt der sogenannten Alblimes-Straße freigelegt. 
Die Grabung ist Teil  umfangreicher Ausgrabungen von Kulturdenkmälern an der Albhochfläche, die das Landesamt für Denkmalpflege (LAD) im Regierungspräsidium Stuttgart seit August 2025 betreut. Auftraggeber ist die Autobahn GmbH Niederlassung Südwest. Die archäologischen Arbeiten erfolgen durch die Fachfirmen fodilus und ArchaeoBW und sollen voraussichtlich bis Ende diesen Jahres fortgesetzt werden.
Eine Person mit gelber Warnjacke, heller Hose und gemustertem Hut kniet auf dem Boden und arbeitet mit blauen Handschuhen an einer Ausgrabungsstelle. Im Vordergrund ist ein halbkreisförmiger, steinerner Rand im Erdreich freigelegt. Um die Person liegen Werkzeuge, ein schwarzer Eimer und eine Kiste. Der Boden ist teilweise mit Steinen bedeckt.
Im Umfeld der Alblimes-Straße finden sich zahlreiche vorrömische Siedlungsspuren, wie hier eine Urne der späten Bronzezeit, die teilweise unter der Alblimes-Straße angetroffen wurde. Eine Mitarbeiterin der Fachfirma fodilus GmbH legt die neben der Römerstraße liegende spätbronzezeitliche Bestattungsurne frei. © Susanne Barthel, fodilus GmbH. 

Verkehrsader einer römischen Grenzregion

Bislang konnten rund 90 Meter der historischen Trasse untersucht werden. Die Straße verband die Regionen von Rottweil bis Heidenheim an der Brenz und wurde vermutlich unter Kaiser Vespasian im 1. Jahrhundert n. Chr. angelegt. Sie zählt damit zu den frühesten bekannten Fernverkehrswegen des heutigen Baden-Württemberg.

Neben Kastellen und Siedlungen bildete die Alblimes-Straße das Rückgrat der Infrastruktur in der neu eingerichteten Provinz Germania Superior. Über sie verliefen militärische, wirtschaftliche und administrative Verbindungen. Gleichzeitig markierte die Region über mehr als ein Jahrhundert hinweg den Grenzraum zwischen dem Römischen Reich und den noch nicht von Rom kontrollierten germanischen Gebieten.

Dr. René Wollenweber, Referent für lineare Projekte am LAD, sagte:

„Die Funde erhellen unser Bild über die Entstehung, Bedeutung und Nutzung einer der ältesten Straßen in Baden-Württemberg. Die Ausgrabungen zeigen, dass der Bau moderner Verkehrswege, die denkmalpflegerisch begleitet werden, nicht nur essentiell für den heutigen Landesausbau ist, sondern auch unser Wissen über die Entwicklung der Kulturlandschaft sowie das kulturelle Erbe Baden-Württembergs bereichern.“

Der Alblimes als Teil der römischen Grenzstrategie

Die Schwäbische Alb stellte aufgrund ihrer geografischen Lage einen strategisch bedeutsamen Raum für die Römer dar. Das rund 200 Kilometer lange und bis zu 45 Kilometer breite Mittelgebirge bildete eine natürliche Verbindung zwischen dem Rheinfall bei Schaffhausen und dem Nördlinger Ries Im Zuge der Expansion nach Südwestdeutschland integrierte Rom die Alb gezielt in sein Grenzsicherungssystem. Der sogenannte Alblimes bestand vor allem aus einer Kette von Kastellen, darunter Standorte wie Urspring und Donnstetten. Verbunden wurden diese Militärplätze durch die Alblimes-Straße, die damit eine zentrale Funktion für Truppenbewegungen, Nachrichtenübermittlung und Versorgung übernahm.

Eine stark korrodierte, grünlich verfärbte Münze liegt in Vorder- und Rückansicht nebeneinander dargestellt auf schwarzem Hintergrund. Unterhalb der Münzen befindet sich ein Maßstab mit abwechselnd roten und weißen Segmenten.
Eine Bronzemünze (unrestauriert, 1 Dupondius = ½ Sesterz) aus dem Bereich der römischen Straße. Schemenhaft ist auf der Vorderseite (rechts) das Abbild eines Kaisers (vermutlich Kaiser Domitian) zu erkennen. © Kathrin Conrad, fodilus GmbH.

Vom Forschungsrätsel zum Kulturdenkmal

Lange Zeit galt die Existenz des Alblimes lediglich als archäologische Vermutung. Erst Ausgrabungen des 19. und 20. Jahrhunderts lieferten den eindeutigen Nachweis dieser frühen Grenzanlage. Heute wird der Alblimes als Kulturdenkmal von überregionaler Bedeutung eingestuft.

Die aktuellen Untersuchungen nahe Drackenstein erweitern das Wissen über die Entstehung und Nutzung dieses wichtigen Verkehrs- und Grenzsystems erheblich. Sie zeigen zugleich, welchen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn großflächige Rettungsgrabungen im Vorfeld moderner Infrastrukturprojekte ermöglichen. 

Rückblick: Archäologische Höhepunkte in Baden-Württemberg 2025

Die Freilegung der Alblimes-Straße reiht sich in eine Serie bedeutender archäologischer Entdeckungen ein.

Einen Überblick über die wichtigsten Ergebnisse des Fundjahres 2025 bietet der jüngst erschienene Band Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg. Darin werden die Resultate von 75 Forschungs- und Schutzprojekten sowie Rettungsgrabungen aus dem gesamten Land vorgestellt.

Zu den herausragenden Funden zählen ein mehr als 7.000 Jahre alter Bestattungsplatz der frühen Jungsteinzeit, neue Entdeckungen aus einer frühkeltischen Grabkammer bei Riedlingen sowie die bronzene Kleinplastik eines springenden Ziegen- oder Steinbocks.

Gebogener Metallgegenstand mit rauer Oberfläche und zwei unterschiedlich gestalteten Enden. Das eine Ende ist spiralförmig gewunden, das andere leicht geöffnet und glatt. Die Form erinnert an einen Haken oder eine Spange. Der Gegenstand liegt vor schwarzem Hintergrund.
Jestetten-Altenburg, keltisches Oppidum. Bronzene Kleinplastik eines rückwärts gewandten springenden Ziegen- oder Steinbocks. © Landesamt für Denkmalpflege/Marion Hassold.

Besondere Aufmerksamkeit erregte ein außergewöhnlich gut erhaltenes Stück Birkenrinde aus einer frühkeltischen Grabkammer. Das Fragment zeigt die Darstellung eines stehenden männlichen Pferdes und gilt aufgrund der Seltenheit figürlicher Darstellungen auf organischen Materialien aus der Hallstattzeit als archäologische Sensation. Landesarchäologe Prof. Dr. Dirk Krausse erklärte: „Der Fund zeigt, dass im Umfeld der Heuneburg bereits im frühen 6. Jahrhundert vor Christus Gegenstände aus organischen Materialien figürlich verziert wurden.“

Ein fragmentiertes, braunes Holzobjekt mit eingravierten Linien und Mustern liegt vor schwarzem Hintergrund. Die Oberfläche zeigt deutliche Alters- und Gebrauchsspuren. Die Gravuren verlaufen parallel und kreuzen sich stellenweise, einige Bereiche sind dunkler verfärbt. Das Objekt wirkt unregelmäßig gebrochen und weist an den Kanten helle, raue Stellen auf.
Ein ganz seltener Grabfund: auf einem Birkenrindenstreifen ist ein Hengst in Ritz- und Punktechnik abgebildet © LAD im RPS /Marion Hassold

Zugleich unterstrichen die Fachleute die Bedeutung archäologischer Rettungsgrabungen. Bauprojekte und klimabedingte Veränderungen gefährden zahlreiche Fundstellen. Umso wichtiger bleibt die wissenschaftliche Dokumentation und Sicherung archäologischer Denkmale, bevor sie unwiederbringlich verloren gehen.

Mehrere bauchige Glasgefäße mit breitem Hals und transparentem, leicht grünlichem Glas stehen auf einer schwarzen Fläche. Einige Gefäße sind beschädigt oder weisen Risse auf. Die Gefäße sind unterschiedlich groß und wirken antik
Grenzach-Wyhlen. Glasurnen aus dem römischen Brandgräberfeld. © Landesamt für Denkmalpflege/Marion Hassold.
Quelle: Landesamt für Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Regierungspräsidium Stuttgart

Publikation zu den Ergebnissen der Grabungen 2025:

Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2025, 304 Seiten mit farbigen Abbildungen und Karten. ISBN 978-3-942227-65-0
Herausgegeben vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart in Verbindung mit der Gesellschaft für Archäologie in Baden-Württemberg e. V. Gefördert durch das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg.

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