Im Umfeld der Zitadelle von Saladin in Kairo haben Archäologen bedeutende Überreste aus der Mamlukenzeit entdeckt. Die gemeinsame Mission des Obersten Rates für Altertümer und des Französischen Instituts für Orientalische Archäologie (IFAO) arbeitete in den Stadtvierteln Arab al-Yasar und al-Hattaba im Rahmen eines umfassenden Forschungs- und Restaurierungsprojekts zur historischen Umgebung der Zitadelle.
Die Ausgrabungen brachten nicht nur ein außergewöhnlich gut erhaltenes Wassersystem ans Licht, sondern auch die Überreste einer Moschee, Grabanlagen und zahlreiche Alltagsfunde aus verschiedenen islamischen Epochen.
Komplexes Wassersystem der Mamlukenzeit freigelegt
Zu den wichtigsten Entdeckungen zählt ein integriertes Wasserversorgungssystem im Viertel Arab al-Yasar. Nach Angaben von Dr. Hisham El-Leithy, Generalsekretär des Obersten Rates für Altertümer, handelt es sich um eines der bedeutendsten bekannten Wassersysteme zur Versorgung der Zitadelle.
Freigelegt wurden zwei massive Brunnen mit Tiefen von etwa zehn beziehungsweise acht Metern. Beide waren mit Wasserrädern verbunden, die Wasser aus tiefer gelegenen Speicherzisternen auf höhere Ebenen transportierten. Die Brunnen bestanden aus großen Steinblöcken und waren Teil eines komplexen hydraulischen Systems mit vier rotierenden Wasserrädern und einem Netz aus steinernen Wasserkanälen.
Besonders bedeutend ist nach Einschätzung der Forscher, dass die Ausgrabungen erstmals den bislang unbekannten letzten Abschnitt des historischen Aquäduktsystems dokumentieren konnten. Dieser Teil des Versorgungssystems war in historischen Quellen bislang nicht überliefert.
Hinweise auf ausgefeilte Ingenieurkunst
Die Archäologen fanden zudem zahlreiche funktionale Bauelemente, die den Betrieb des Systems nachvollziehbar machen. Dazu gehören Wege für Zugtiere, Räume zur Unterbringung der Tiere, Futterlager sowie steinerne Tränken.
Unterschiedliche Steinböden und die technische Organisation der Anlage belegen laut den Forschern ein hohes Maß an Ingenieurwissen und Wasserressourcenmanagement während der Mamlukenzeit. Erste Untersuchungen deuten außerdem darauf hin, dass Teile der Anlage auf Sultan al-Nasir Muhammad Ibn Qalawun zurückgehen könnten.
Darüber hinaus wurde ein bislang unbekannter Wasserkanal entdeckt, der westwärts in Richtung der königlichen Stallungen führt. Dieser Fund könnte helfen, wichtige Bauwerke im Umfeld der Zitadelle neu zu datieren.
Moschee und Friedhof im Viertel al-Hattaba entdeckt
Im zweiten Untersuchungsgebiet, al-Hattaba, legte die Mission die Überreste einer Moschee aus der Mamlukenzeit frei. Erhalten sind unter anderem der Qibla-Iwan, der Mihrab, Teile der südwestlichen Säulenhalle sowie Abschnitte der Steinfußböden.
Außerdem entdeckten die Archäologen eine zur Moschee gehörende Grabkammer sowie mehrere Gräber aus unterschiedlichen islamischen Epochen. Die Bestattungen enthielten menschliche Überreste. Hinzu kommt ein Friedhof, der vermutlich in die frühe islamische Zeit datiert.
Die Befunde liefern neue Hinweise auf die städtebauliche Entwicklung des Gebiets rund um die Zitadelle und verdeutlichen die lange Nutzungsgeschichte des Areals.
Parallel zu den Ausgrabungen dokumentierte das Team das Gebiet mit modernen digitalen Methoden. Dazu gehören photogrammetrische Aufnahmen, dreidimensionale Modelle sowie die Erstellung einer umfassenden digitalen Datenbank.
Alltagsfunde aus mehreren Jahrhunderten
Neben den monumentalen Strukturen fanden die Archäologen zahlreiche kleinere Objekte des täglichen Lebens. Dazu zählen Keramikgefäße zum Wasserschöpfen, Münzen aus mamlukischer und osmanischer Zeit, Schmuck, Metallsiegel sowie Waffenreste.
Die Funde stammen überwiegend aus dem 18. und 19. Jahrhundert und erlauben Einblicke in den Alltag der Bewohner des historischen Kairos.
© Ministerium für Tourismus und Altertümer Ägypten
Internationale Zusammenarbeit als Modellprojekt
Dr. Pierre Tallet, Direktor des Französischen Instituts für Orientalische Archäologie, bezeichnete die Mission als „wegweisendes Modell internationaler wissenschaftlicher Zusammenarbeit auf dem Gebiet der islamischen Archäologie“.
Das Projekt umfasst neben den Forschungen auch eine praktische Ausbildung für Inspektoren des Obersten Rates für Altertümer. Im Rahmen einer Feldgrabungsschule werden moderne Methoden der Dokumentation, Fotografie und archäologischen Ausgrabung vermittelt.
Nach Einschätzung der Projektbeteiligten schaffen die aktuellen Entdeckungen eine wichtige Grundlage für zukünftige Forschungen zur Infrastruktur und Stadtentwicklung des historischen Kairos.
Quelle: Ministerium für Tourismus und Altertümer Ägypten