Bei den Ausgrabungen in Kayalıpınar in der türkischen Provinz Sivas wurden 2026 insgesamt 131 Keilschrifttafeln und Tafelfragmente aus der Regierungszeit des hethitischen Königs Tudhaliya II. entdeckt. Die in hethitischer und hurritischer Sprache verfassten Texte gehören zu einem Archiv, das zusammen mit den Funden der vorherigen Grabungskampagne nun 184 Tafeln und Fragmente umfasst.
Kultur- und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy erklärte, es handele sich um das umfangreichste hethitische Archiv, das im 21. Jahrhundert entdeckt wurde. Die Texte liefern nach seiner Einschätzung neue Erkenntnisse zu Verwaltung, Militärwesen, Krankheiten, Königsfamilie und Wahrsagepraktiken der Hethiter. Die Funde stammen aus Kayalıpınar im Bezirk Yıldızeli, das in altassyrischen und hethitischen Quellen als Šamuḫa erwähnt wird.
Texte zu einer Hochfieberepidemie
Das Archiv umfasst Prophezeiungen, Orakeltexte, Briefe, Rituale und Gebete. Zu den auffälligsten Dokumenten gehören Beschreibungen einer Hochfieberepidemie, die sich von Stadt zu Stadt ausbreitete.
Die Tafeln berichten, dass die Gesundheit von Prinzen, Prinzessinnen und den Kindern hoher Beamter mithilfe von Wahrsageritualen überwacht wurde. Hintergrund war eine Krankheit, der zahlreiche Kinder und Säuglinge zum Opfer gefallen sein sollen. Die Texte dokumentieren zugleich die Sorge innerhalb der hethitischen Königsfamilie.
Mehrere Dokumente beziehen sich auf eine noch gestillte Prinzessin. Auf den Tafeln ist festgehalten, dass ihre Zukunft durch Wahrsagerei vorhergesagt werden sollte. Eine weitere Tafel berichtet von ihrem Tod und beschreibt das anschließende Bestattungsritual.
Ein weiterer Text, den eine Wahrsagerin an den König sandte, nennt die Stadt Ziulila als Ort der Erkrankung. Die Lage dieser Stadt ist bislang nicht bekannt.
Hilferuf aus Westanatolien
Zum Archiv gehören auch Briefe aus dem militärischen Umfeld des hethitischen Staates. Einer dieser Texte stammt von hethitischen Generälen in Westanatolien und richtet sich an den König in Šamuḫa.
Darin berichten die Militärführer, das hethitische Gebiet sei von Feinden umgeben, und fordern Soldaten, Pferde und Streitwagen als Verstärkung an. Zugleich warnen sie, dass sich die Lage ohne Unterstützung weiter verschlechtern und das Heer vernichtet werden könne. Für die Folgen eines ausbleibenden Eingreifens wollten sie dem Schreiben zufolge keine Verantwortung übernehmen.
Neue Einblicke in das Vogelorakel
Mehrere Keilschrifttexte betreffen das hethitische Orakelwesen. Eine Tafel hält Beobachtungen von Wahrsagern außerhalb von Šamuḫa in tagebuchartiger Form fest.
Genannt werden die Orte ihres Aufenthalts, ihre Reiserouten und die von ihnen beobachteten Vögel. Weitere Texte enthalten Angaben dazu, wie Vogelorakel bewertet und interpretiert wurden. Das Archiv bietet damit neue Informationen zu diesen Praktiken.
Umfangreiches hethitisches Archiv
Nach Einschätzung des Ausgrabungsteams gehören auch die bereits 2025 entdeckten 53 Tafeln und Fragmente zu demselben königlichen Archiv. Mit den 131 Neufunden stieg der Gesamtbestand auf 184 Stück.
Die Texte stammen aus der Regierungszeit Tudhaliyas II. und enthalten Informationen zur Geschichte der Hethiter, zu religiösen Praktiken sowie zur Entwicklung von Sprache und Schriftkultur.
Die Ausgrabungen in Kayalıpınar werden seit 2021 von einem Team unter Leitung von Privatdozent Dr. Çiğdem Maner vom Fachbereich Archäologie und Kunstgeschichte der Koç-Universität mit Genehmigung des türkischen Kultur- und Tourismusministeriums durchgeführt.
Quelle: Türkisches Ministerium für Kultur und Tourismus