Bei den Ausgrabungen in Karahantepe im Südosten Anatoliens ist eine außergewöhnliche Skulptur aus dem präkeramischen Neolithikum entdeckt worden. Das rund 70 Zentimeter hohe Kunstwerk zeigt eine menschliche Figur auf dem Rücken eines Leoparden und wird auf etwa 11.000 Jahre vor heute datiert.
Nach Angaben des türkischen Kultur- und Tourismusministers Mehmet Nuri Ersoy wurde die Skulptur an ihrem ursprünglichen Aufstellungsort gefunden. Sie lag auf einer umlaufenden Steinbank innerhalb eines kreisförmigen Gebäudes mit etwa drei Metern Durchmesser. Sowohl der ursprüngliche Steinplattenboden als auch die Bankanlage waren erhalten geblieben.
Bedeutender Fundkontext
Für die archäologische Interpretation ist nicht nur die Skulptur selbst von Bedeutung, sondern auch ihr Fundkontext. Das Gebäude weist einen sorgfältig angelegten Boden aus geglätteten Steinen auf. Die umlaufende Bank, lokal als Seki bezeichnet, könnte auf eine besondere Nutzung des Raumes hindeuten.
Dass die Skulptur offenbar seit ihrer Aufstellung nicht bewegt wurde, eröffnet Forschern neue Möglichkeiten, ihre ursprüngliche Funktion innerhalb des Gebäudes zu untersuchen.
Ungewöhnliche Darstellung im Neolithikum
Besonders bemerkenswert ist die Kombination von Mensch und Leopard in einer einzigen Komposition. Nach Angaben des Ministeriums handelt es sich um einen bislang nicht dokumentierten Darstellungsstil. Die Verbindung menschlicher und tierischer Elemente weicht von bekannten Bildtraditionen des anatolischen Neolithikums ab.
Detailansicht der Skulptur aus Karahantepe
© Kulturministerium der Türkei
Die Darstellung wirft neue Fragen zu den Glaubensvorstellungen und Symbolwelten der damaligen Bevölkerung auf. Die aufrecht sitzende menschliche Figur erscheint dem Leoparden übergeordnet und könnte einen Vorfahren, eine besonders hochrangige Person oder ein übernatürliches Wesen repräsentieren. Eine eindeutige Deutung ist derzeit jedoch nicht möglich.
Neue Impulse für die Neolithikum-Forschung
Von Experten wird die Skulptur als mögliches Unikat im ikonographischen Repertoire des alten Nahen Ostens bewertet. Sollte sich diese Einschätzung bestätigen, könnte der Fund bestehende Typologien neolithischer Kunst erweitern oder neu bewerten.
Die Entdeckung steht zudem im Zusammenhang einer Reihe weiterer Funde der Ausgrabungskampagne 2026. Auch neue Gebäude und bewegliche Objekte wurden in Karahantepe freigelegt. Gemeinsam tragen sie dazu bei, die Entwicklung früher sesshafter Gemeinschaften im präkeramischen Neolithikum präziser nachzuvollziehen.
Mehmet Nuri Ersoy betonte die wissenschaftliche Bedeutung der Entdeckung und erklärte, dass sie neue Forschungsansätze zu den frühesten Phasen der Menschheitsgeschichte eröffnen könne. Nach seiner Einschätzung werde der Fund die Diskussion über die symbolische und kulturelle Komplexität früher Jäger- und Sammlergesellschaften neu beleben.
Quelle: Kulturministerium der Türkei