Der Naturpark Wildeshauser GeestNatur und Vergangenheit entdecken

Von der Eiszeit geformt und durch den Menschen seit alters her verändert: Der Naturpark Wildeshauser Geest besitzt eine Vielzahl von Kulturdenkmälern, die bis zu den Anfängen der Landwirtschaft in der Jungsteinzeit zurückreichen. Neben Großsteingräbern, Grabhügeln und Burgwällen prägen alte Mühlen und Heideflächen die Region. Es lohnt sich, etwas Zeit mitzubringen, um den größten Naturpark Niedersachsens zu erkunden.

Rote Backsteinruine mit hohen, rechteckigen Fensteröffnungen steht in einer gepflegten Grünanlage. Dichte Büsche und Bäume rahmen das Bauwerk, Sonnenlicht fällt auf den Rasen und die Fassade. Ein Rundbogenportal ist im unteren Bereich sichtbar, daneben liegen zwei große Steine. Der Himmel ist klar und blau.
Die erhaltenen Wände der Klosterkirche Hude. Heute in einen Park eingebettet.© Freunde des Klosters Hude e.V.
Von Benjamin Serbe
Artikel erschienen in der AiD 4/2026, Rubrik Sehenswert

Die Wildeshauser Geest zeichnet sich durch ein reiches Natur- und Kulturerbe aus und lädt zur Erkundung der Vergangenheit ein. Deshalb ist die Region seit 1984 durch die Bundesrepublik Deutschland als Naturpark ausgewiesen. Mit mehr als 1500 km2 Fläche ist es der größte in Niedersachsen. Von der Geschichte der ersten Bauern, über die reichen Schätze der Bronzezeit, die kriegerischen Auseinandersetzungen im frühen Mittelalter bis hin zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben in der Neuzeit ist die Geschichte Norddeutschlands erfahrbar. Im Herzen der Gegend liegt Wildeshausen, unser Ausgangspunkt der Erkundung. Die Stadt und ihre Umgebung gelten als »klassische Quadratmeile der Prähistorie«, weshalb hier seit über 250 Jahren Ausgrabungen stattfinden. 

Anlaufstelle für Archäologiefans

Dies ist einer der Gründe, warum als erster Anlaufpunkt für die Archäologie der Region 2025 das »Urgeschichtliche Zentrum Wildeshausen«, kurz UZW, neu eröffnet wurde. Es ist nicht als Museum konzipiert, sondern vielmehr als Informationsort zur archäologischen Landschaft der Wildeshauser Geest. Die Ausstellung im Erdgeschoss spiegelt diese Ausrichtung wider: das Informieren, vor allem über die megalithischen Bodendenkmäler des Naturparks. Dementsprechend ist ein multimediales Angebot zu sehen. Im Zentrum steht die künstlerische Interpretation eines Großsteingrabes. Weiche Filzoberflächen, eingebaute Bildschirme mit Darstellungen zur Lebenswelt der damaligen Menschen, Offenheit und Begehbarkeit bilden einen Kontrast zur Realität der echten Gräber, die eingegraben und aus hartem Stein sind und von sich aus kein Wissen preisgeben. Somit soll die Installation zugänglich machen, was wir wissen, und zum eigenen Entdecken im Naturpark einladen.

Thematisiert wird ebenfalls die Frage, was »Jungsteinzeit« (5500–2200 v. Chr.) bedeutet; von Migration, neuen Lebensweisen und Vorstellungen über Gesellschaft und Tod und wie dies an den unterschiedlichen Bodendenkmälern erkennbar ist. Beim Rundgang durch die Schau werden zudem Informationen zu bedeutenden Fundstellen anderer Epochen gegeben, die der Naturpark bereithält. Sei es der Gesseler Goldfund aus der Bronzezeit, das Pestruper Gräberfeld, das bis in die Eisenzeit hinein belegt wird, oder die Arkeburg aus dem frühen Mittelalter. 

Wer mehr Zeit mitbringt, kann im Obergeschoss eine (noch im Aufbau befindliche) Präsenzbibliothek mit Sach- und Fachbüchern für Kinder und Erwachsene, Vortrags- und Werkräume mit Angeboten auch für Gäste nutzen sowie Sonderausstellungen besuchen. All das ist als öffentlicher Aufenthaltsraum konzipiert für alle, die sich archäologisch und geschichtlich interessieren. Und mit diesem Wissen ausgestattet, lässt sich die alte Kulturlandschaft bestens selbst erforschen. 

Großsteingräber – jungsteinzeitliche Grabanlagen 

Die beeindruckendsten Kulturdenkmäler sind ohne Zweifel die Großsteingräber, die über die Region verteilt sind. Sie wurden als gemeinsame Grabstätten in der Jungsteinzeit errichtet und stammen genauer gesagt aus der Trichterbecherkultur (ca. 4200–2800 v. Chr.), so benannt nach den verzierten Gefäßen mit trichterförmigem Rand, die in diesen Bestattungsanlagen gefunden wurden. Innerhalb des Naturparks gibt es 72 erhaltene Großsteingräber. Warum sich diese allerdings nur auf den Westteil des Parks konzentrieren, ist bisher nicht abschließend geklärt. Vermutet wird, dass die frühen Denkmalschutzbestimmungen des damaligen Großherzogtums Oldenburg – das vor allem den besagten Westteil umfasste – die Zerstörung dieser Stätten verhinderte. Bereits ab 1820 wurde der kulturelle Wert der Denkmäler erkannt. Daher hat man Schutzzonen eingerichtet, die noch heute durch kleine Erdwälle erkennbar sind, die im Rechteck um die Anlagen errichtet wurden.  

Die »Visbker Braut« und der »Visbeker Bräutigam«, der Sage nach eine versteinerte Hochzeitsgesellschaft, zählen zu den größten bekannten Großsteingräbern. Wie andere Anlagen, besitzen sie eine Kammer aus großen Findlingen, in die die Toten gebettet wurden. Umgeben ist die Bestattungskammer von einer aufgeschütteten Hügelfüllung aus Erde und äußeren Randsteinen. Die schiere Größe der Anlage sprengt jedoch alle Vorstellungen. Ursprünglich standen etwa 130 Randsteine um den »Bräutigam«, der insgesamt 104 m lang, aber lediglich 9 m breit ist. Die »Braut« ist nur wenig kleiner. Die einzelnen Bestattungskammern der beiden Anlagen wirken geradezu verloren in der Aufschüttung. Die majestätisch aufragenden Steine an der Schmalseite waren vermutlich die Decksteine der Kammer. Wann oder warum sie entfernt wurden, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, doch verleihen sie der Stätte eine beeindruckende Ausstrahlung.

Eine lange Reihe großer, unregelmäßig geformter Steine verläuft durch eine von Bäumen gesäumte Lichtung. Das Laub auf dem Boden ist herbstlich gefärbt, die Bäume tragen gelbe und grüne Blätter. Die Steine sind teilweise von Moos bedeckt und liegen in einer geraden Linie, die sich durch das Bild zieht.
Die »Visbeker Braut«. Mit 80 m Länge eine der größten Grabanlagen der Jungsteinzeit. © Andreas Jaeck, UZW
 

Eine besondere Stellung nehmen die Kleinenkneter Steine ein. Die beiden Gräber gehören zu den wenigen, die komplett archäologisch untersucht worden sind. »Hühnenbett 1« wurde nach Ende der Ausgrabung in den 1930er-Jahren rekonstruiert und in seinen mutmaßlich ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Fehlende Steine wurden zwar mit Beton ersetzt, doch dies tut der Wirkung keinen Abbruch. Im Gegenteil: Die Rekonstruktion vermittelt einen Eindruck von den damaligen Gegebenheiten und der Imposanz der ursprünglichen Grabstätte. Wer schon immer einmal den Wunsch hatte, ein solches Grab von innen zu erleben, hat hier die Möglichkeit. Die zusätzliche Lichtöffnung ist zwar mehr eine Interpretation als eine Darstellung der historischen Realität, macht es aber einfacher, den Raum, die Enge, Stille und das Dämmerlicht auf sich wirken zu lassen, ohne direkt nach der Taschenlampe greifen zu müssen.  

Die Steinkiste von Bargloy ist eine von dreien im Landkreis Oldenburg und die einzige vollständig erhaltene. Trotz ihres Aussehens handelt es sich um keine jungsteinzeitliche Grabanlage. In der frühen Bronzezeit, etwa 1000 Jahre nach dem Ende der Trichterbecherkultur, wurde diese Bauart in geringem Umfang wiederentdeckt und die deutlich kleineren Steinkisten errichtet. Dabei wurde ein Grundstein eingetieft, auf den man die verstorbene Person gebettet hat, und ein einzelner flacher Deckstein mit einigen Tragsteinen darüber gesetzt. Sie dient auch nicht mehr als Gemeinschaftsgrab, sondern enthält nur noch eine Einzelbestattung. Auf der flachen Oberseite sind viele kleine Näpfchen erhalten, deren Deutung jedoch Rätsel aufgibt.   

Das Pestruper Gräberfeld 

Rund 10 km2 Grabungsschutzgebiet wurden für das Pestruper Gräberfeld ausgewiesen. Auf fast 40 ha sind über 600 Grabhügel zu finden, die vor allem aus der späten Bronzezeit und der folgenden Eisenzeit (900–200 v. Chr.) stammen. Damit ist es das größte noch erhaltene Gräberfeld dieser Art im nördlichen Mitteleuropa. Bei einem Besuch spürt man sofort die Besonderheit dieses Ortes. Das Gräberfeld liegt in einer alten Heidelandschaft, die sich im Spätsommer und Herbst in ein Meer aus weißen, rosa- und purpurfarbenen Blüten verwandelt und aus der modern-landwirtschaftlich geprägten Umgebung hervorsticht. Dadurch erhält der prähistorische Friedhof eine besondere Atmosphäre, die bei einem Spaziergang zwischen den Hügeln erfahrbar wird. Neben dem Grabungsschutzgebiet ist die Heidefläche zusätzlich zum Naturschutzgebiet erklärt worden, da sie von der historischen Weidewirtschaft auf den kargen Böden Norddeutschlands zeugt. Zu ihrer Erhaltung wird die Heide auch heute noch von Oktober bis Mai mit Schafen beweidet, sonst würde der Wald sie Stück für Stück zurückerobern. 

Historische Wallburgen 

Ein Zeugnis für die kriegerische Vergangenheit der Region sind mehrere Wallburgen, die im frühen Mittelalter errichtet wurden. Der »Heidenwall« von Delthun liegt etwas westlich der Stadt Ganderkesee und wurde im 9. Jh. n. Chr. auf einem kleinen Geestsporn an einer Niederung angelegt. Vermutlich diente die kleine Wallburg dem Schutz der etwas nördlich verlaufenden »Ostfriesischen Straße«, die eine wichtige Ost-West-Verbindung im Mittelalter darstellte. Bei einer Umrundung auf der ehemaligen und teils schon sehr erodierten Wallkrone ist die historische Bedeutung dieser doch recht kleinen Burg nicht so leicht wahrzunehmen.  

Anders sieht es dagegen bei der in der Nähe von Goldenstedt gelegenen Arkeburg aus, die im 8. Jh. in strategischer Lage am Übergang über den Fluss Hunte errichtet wurde. Hier trafen sich mehrere alte Straßen, die teilweise schon seit der Bronzezeit existierten. Im Gegensatz zum »Heidenwall« handelt es sich um eine deutlich imposantere Anlage. Mit einem doppelten Ringwall ausgestattet, hat sie eine Fläche von insgesamt 7 ha und ist damit die größte Burganlage Nordwestdeutschlands. In den letzten Jahren wurde viel getan, um sie erlebbar zu machen. Besucherwege mit Infotafeln wurden eingerichtet, Teile des Walls mit Palisaden rekonstruiert, eine Toranlage errichtet und das »Sachsenhaus«, ein typisches Wohnhaus aus der Ursprungszeit, erbaut. 

Im Vordergrund steht eine große Holzskulptur mit Schild und Speer auf einem Sockel. Dahinter befindet sich ein langgestrecktes Gebäude mit Reetdach, Holztüren und Lehmwänden. Das Gebäude ist von einem Zaun umgeben, und im Hintergrund sind Bäume und blauer Himmel sichtbar.
Die Rekonstruktion eines Sachsenhauses in der Arkeburg zeigt wie die Menschen im frühen Mittelalter wohnten. © C. Kramer
 

Museen im Naturpark 

Neben der Möglichkeit, Bodendenkmäler direkt zu erkunden, gibt es unterschiedliche Museen, die mehr über die Geschichte vor Ort erzählen, etwa das »Archäo Visbek«. Nach einer großflächigen Ausgrabung in Visbek, die hauptsächlich von der Gemeinde finanziert wurde, gründete der Heimatverein 2018 das »Archäo Visbek«, um die lokalen Grabungsergebnisse vorzustellen. Das ehrenamtlich betreute Museum ist nicht durchgängig geöffnet, aber kostenfrei zugänglich. Klare Strukturen in der Ausstellung bei moderner Präsentation der Exponate schaffen einen leichten Zugang zur damaligen Lebenswelt. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter stehen gerne Rede und Antwort. 

Im Norden des Naturparks sorgte die aufkommende Ruinenromantik des 19. Jh. dafür, dass die Reste der Klosters Hude bis heute erhalten geblieben sind. Im 12. Jh. gegründet und im 14. Jh. an diesen Standort verlegt, war es lange Zeit ein treibender Wirtschaftsmotor der Region. Nach der Auflösung des Klosters 1536 diente das Kirchengebäude als Steinbruch und viele Ziegel wurden weiterverkauft – bis die zeitgenössische Mode, eine Parkanlage mit Ruine zu besitzen, diesem Treiben ein Ende bereitete. Inzwischen informiert ein kleines, ebenfalls ehrenamtlich geführtes Museum mit Programmen auch für Schulklassen über die bewegte Geschichte und zeigt Funde, die bei Ausgrabungen in Hude ans Licht kamen, etwa die Figur eines betenden Menschen. Auch die Reste der Klosterkirche selbst sind beeindruckend anzusehen, zumal das Kirchenschiff ursprünglich so hoch war wie das des Bremer Doms. Die einzigartigen Terrakottakonsolen im oberen Teil der Wand zeugen von der meisterhaften Arbeit der klösterlichen Ziegelei. 

Ganz im Osten des Naturparks findet sich das Kreismuseum Syke, das die archäologischen Fundstücke des Landkreises Diepholz präsentiert. Das beeindruckendste Exponat ist wohl der Gesseler Goldhort, der im neuen Anbau untergebracht ist. Entdeckt wurde er während des Baus der LNG-Trasse NOWAL, die gerne als Querschnitt durch die Geschichte Norddeutschlands bezeichnet wird. Die Ausstellung stellt anschaulich die archäologische Realität unserer Zeit dar, in der vor allem derartige Großprojekte zum Erkenntnisgewinn beitragen. Insgesamt wurden dabei 120 Fundstellen untersucht. 

Mehrere goldene Armreifen und Spiralen liegen auf einer dunkelblauen Fläche. Im Vordergrund befindet sich ein breiter Armreif mit eingravierten Sonnenmotiven und umlaufendem Muster. Die Schmuckstücke bestehen aus glänzendem Metall und zeigen unterschiedliche Größen und Wicklungen.
Der Gesseler Goldhort zeigt die Kunstfertigkeit der Menschen der Bronzezeit. © M. Strohmeyer, Forum Gesseler Goldhort am Kreismuseum Syke
 

Die Ausgrabung des Goldhortes verdeutlicht die beeindruckenden Möglichkeiten moderner Methoden. Die Fundstelle wurde bei Voruntersuchungen mithilfe eines Metalldetektors entdeckt, die Objekte als Block geborgen und mit einem Computertomografen gescannt. Aus den so gewonnenen Daten ließ sich ein 3D-Modell erstellen, mit dessen Hilfe die Ausgrabung im Labor geplant und durchgeführt werden konnte. So ließ sich die originale Fundsituation dokumentieren. In einem Mitmachlabor im Erdgeschoss dürfen Gäste schließlich selbst forschen. Unterschiedliche Artefakte oder Knochen können analysiert werden und geben einen Einblick in die Arbeit von Archäologinnen und Archäologen, die jenseits der Ausgrabungsstätten zu leisten ist.  

Unterwegs im Naturpark 

Der Naturpark lässt sich gut zu Fuß oder mit dem Fahrrad erkunden. Viele Gemeinden pflegen Wander- und Radrundwege in landschaftlich schöner Umgebung und mit Bezug zu archäologischen und historischen Stätten. Für Radler seien beispielsweise die »Wassermühlen-Tour« (Rundtour von Wildeshausen zu historischen Wassermühlen der Umgebung) oder die »Kleeblattroute Ganderkesee« (Rundtour u.a. zum »Heidenwall« bei Delthun und zu den Großsteingräbern Steinkimmen) genannt.  

Unter dem Motto »Wilde Geest zu Fuß« gibt es kleinere Wanderwege zu Natur- und Kulturschauplätzen der Region. Der »Hunte-Heide-Hügelgräber«-Weg lädt zur Erkundung des Pestruper Gräberfelds und der Altstadt Wildeshausens ein, die Route »Visbeker Braut und Bräutigam« führt zu den genannten Großsteingräbern und noch einigen weiteren. Aber auch Fernwanderer – auf dem Rad und zu Fuß – haben vielfältige Möglichkeiten. Eine schöne Option ist die »Radroute der Megalithkultur«, die von Osnabrück bis Oldenburg durch den Naturpark verläuft. Zu Fuß eignen sich die Fernwanderwege »Jadeweg«, »Geestweg« oder der historische Handels- und Pilgerpfad »Pickerweg«.

AiD »Sehenswert«

Archäologie wird lebendig, wenn man sie mit eigenen Augen sieht und unmittelbar erlebt. Historische Spuren und Fundorte wie Grabhügel, Ringwälle, der Limes oder prähistorische Höhlen laden ebenso zum Entdecken ein wie Ausstellungen und Freilichtmuseen. In jeder Ausgabe präsentiert die AiD Rubrik »Sehenswert« ein neues Ausflugsziel für alle Leserinnen und Leser, die sich selbst auf archäologische Spurensuche begeben möchten.

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