Gesellschaftliche Entwicklungen verliefen auch in der europäischen Jungsteinzeit nicht geradlinig. Zwischen etwa 8000 und 4000 Jahren vor heute kam es wiederholt zu Phasen des Wachstums und des Niedergangs gesellschaftlicher Komplexität. Wie sich solche sozialen Dynamiken in archäologischen Funden erkennen lassen, untersuchten Dr. Aleksandr Diachenko von der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine und Prof. Dr. Detlef Gronenborn vom Leibniz-Zentrum für Archäologie (LEIZA).
Für ihre in PLoS One veröffentlichte Studie entwickelten die Forscher ein mathematisches Modell, das Zusammenhänge zwischen Bevölkerungsgröße, Produktionsleistung und Informationsaustausch beschreibt. Die Ergebnisse zeigen, dass archäologische Zeitreihen von Keramikfunden Hinweise auf soziale Entwicklungen liefern können.
Keramik als Datengrundlage
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht Keramik, die in großer Zahl über lange Zeiträume erhalten geblieben ist. Veränderungen bei Formen und Verzierungen lassen sich über Jahrhunderte hinweg verfolgen und bieten damit eine Grundlage für die Analyse gesellschaftlicher Prozesse.
Getestet wurde das Modell anhand von Tausenden Keramikscherben aus Deutschland und der Ukraine.
„Für unsere Forschung haben wir ein mathematisches Modell entwickelt, das beschreibt, wie sich die Organisation und Intensität der Keramikproduktion auf Entwicklungen des Stils auswirken kann. Darüber hinaus zeigt es aber ebenfalls, wie sich Keramikstile durch menschlichen Informationsaustausch und Bevölkerungswachstum verändern“, berichtet Diachenko.
Zwei Regionen, unterschiedliche Entwicklungen
Die Studie untersucht zwei archäologische Fallbeispiele. Das erste umfasst Keramik der Linienbandkeramischen Kultur (LBK) aus Südwestdeutschland vor rund 7000 Jahren. Das zweite betrifft Funde der westlichen Trypillia-Kultur aus der Zentralukraine vor etwa 6000 Jahren.
In beiden Regionen zeigen die Daten Phasen starken Bevölkerungswachstums und anschließenden Rückgangs. Dieses Muster ist für frühbäuerliche Gesellschaften der europäischen Jungsteinzeit mehrfach belegt.
Grafische Zusammenfassung: Gesellschaftliche Dynamiken können sich in der Entwicklung von Keramikstilen abzeichnen: Die Diversität von Verzierungen und Formen ist an den Wandel gesellschaftlicher Komplexität gekoppelt.
© LEIZA / Michael Ober
Die Entwicklung der Keramikstile verlief jedoch unterschiedlich. In Südwestdeutschland nahm die Vielfalt der Verzierungen zunächst zu und ging später wieder zurück. Für die Zentralukraine zeigen die Keramikfunde dagegen eine zunehmende Vereinheitlichung der Stile.
Die Autoren interpretieren diese Entwicklung als Folge einer stärkeren handwerklichen Spezialisierung in der Trypillia-Kultur.
Soziale Zyklen besser verstehen
Die Studie untersucht, wie Veränderungen in Keramikensembles mit Bevölkerungsentwicklung und gesellschaftlicher Organisation zusammenhängen können. Ziel ist es, die Mechanismen hinter sozialen Zyklen besser zu verstehen und archäologische Zeitreihen präziser auszuwerten.
„Wir beginnen gerade erst, die Komplexität des Verhaltens vergangener Gesellschaften zu verstehen. Die Verknüpfung von Keramik- und Bevölkerungszeitreihen ist dabei sehr hilfreich. Bevor wir jedoch belastbare Schlussfolgerungen ableiten können, müssen wir die zugrunde liegenden Mechanismen gut verstehen. Dazu möchten wir mit unserer Studie beitragen“, erklärt Diachenko.
Auch Gronenborn sieht in solchen Untersuchungen einen Beitrag zum Verständnis gesellschaftlicher Reaktionen auf demografische und organisatorische Veränderungen:
„Frühbäuerliche Gesellschaften der Jungsteinzeit zeigen Muster gesellschaftlichen Verhaltens, die uns helfen zu verstehen, wie Gesellschaften auf Veränderungen ihrer Bevölkerungsgröße, ihrer Arbeitsorganisation und ihres Austauschs von Wissen reagieren“, fasst Gronenborn zusammen. „Langfristig könnten sich daraus Erkenntnisse ableiten lassen, die auch für heutige Gesellschaften in einer globalisierten Welt relevant sind.“
Die Studie wurde teilweise durch das Projekt „Nested Non-Linear Dynamics of the Prehistoric Past“ im Rahmen des Stipendienprogramms „Documenting, Recording and Saving Ukrainian Archaeological Heritage“ des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) gefördert.
Quelle: LEIZA
Originalpublikation:
Aleksandr Diachenko & Detlef Gronenborn (2026), Social dynamics signals in archaeological time-series: How cultural transmission and production biases shape assemblage diversity, PLoS One 21(10): e0358135.
https://doi.org/10.1371/journal.pone.0358135