Bei Ausgrabungen in Boğazköy/Hattuşa in der türkischen Provinz Çorum ist ein Tontafelfragment mit Keilschrift gefunden worden. Das Stück stammt aus Büyükkale, dem Standort des hethitischen Königspalastes, und wurde in der Nähe des sogenannten Gebäudes E entdeckt.
Eine Seite der Keilschriftinschrift ist erhalten. Nach rund einjährigen Untersuchungen kamen die beteiligten Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass das Fragment zur Vorderseite einer akkadischen Keilschriftkopie des Friedensvertrags von Kadesch gehören soll. Dieser Vertrag wurde zwischen dem hethitischen König Hattusili III. und dem ägyptischen König Ramses II. geschlossen.
Der türkische Kultur- und Tourismusminister Mehmet Nuri Ersoy gab den Fund am Weltfriedenstag, dem 21. September, bekannt.
Vertrag zwischen Ägyptern und Hethitern
Der Ägyptisch-Hethitische Friedensvertrag wurde im 21. Regierungsjahr des Pharaos Ramses II. geschlossen, wahrscheinlich 1259 v. Chr. Vertragspartner waren Ramses II. und der hethitische Großkönig Ḫattušili III.
Die Übereinkunft bekräftigte den Frieden zwischen beiden Herrschern und ihre gegenseitige Anerkennung als gleichrangige Partner. Sie vereinbarten unter anderem militärischen Beistand bei inneren und äußeren Bedrohungen. Weitere Bestimmungen regelten die Auslieferung von Menschen, die in das jeweils andere Herrschaftsgebiet geflohen waren.
Überliefert ist der Text durch Abschriften in zwei Fassungen: Eine ägyptische Version ist in Hieroglypheninschriften unter anderem aus Karnak und dem Ramesseum bekannt. Die akkadische Fassung ist dagegen auf mehreren fragmentarisch erhaltenen Keilschrifttafeln aus Hattuscha überliefert.
Passagen über Flüchtlinge
Der vorgeschlagenen Zuordnung zufolge enthält das neu gefundene Fragment Teile der Artikel 12 bis 20 des Vertrags. Dabei soll es sich um Passagen handeln, die Menschen betreffen, die aus Ägypten oder dem Hethiterreich fliehen und im jeweils anderen Herrschaftsgebiet Zuflucht suchen.
Die erhaltenen Textstellen sind durch Lücken und Brüche unvollständig. Nach der vorgelegten Lesung werden sowohl Flüchtlinge aus Ägypten als auch aus dem Hethiterreich erwähnt. Zudem sollen Aussagen zum Schutz von Häusern erhalten sein.
Weitere Fragmente aus Hattuscha
Fragmente der akkadischen Vertragsfassung wurden bereits während der ersten Ausgrabungsphase in Hattuscha zwischen 1906 und 1912 entdeckt. Die bekannten Stücke werden verschiedenen Tontafeln beziehungsweise Textzeugen zugerechnet. Bei einigen Fragmenten ist jedoch umstritten, welcher Tafel sie ursprünglich angehörten.
Die früher gefundenen Stücke befinden sich heute in den Archäologischen Museen von Istanbul, im Museum für anatolische Zivilisationen, im Vorderasiatischen Museum Berlin und in der Eremitage in St. Petersburg.
Sollte sich die Zuordnung des Neufunds zum Kadesch-Vertrag bestätigen, ließe sich das Fragment in die bereits bekannte akkadische Textüberlieferung aus Hattuscha einordnen. Die Ausgrabungen in Büyükkale werden fortgesetzt und zielen auch darauf ab, weitere noch fehlende Teile des Vertragstextes zu finden.
Quelle: Ministerium für Tourismus und Kultur der Türkei