Neue archäologische Untersuchungen, als Studie veröffentlicht in der Fachzeitschrift
Archaeologia Austriaca, verändern das bisherige Bild der spätjungsteinzeitlichen Siedlung Opovo Ugar-Bajbuk im heutigen Serbien. Statt der bislang angenommenen fünf Hektar umfasste der Siedlungsplatz mehr als neun Hektar. Bis zu 220 Hausstrukturen konnten identifiziert werden. Die Forscher schätzen die maximale Bevölkerungszahl auf mehr als 700 Menschen.
Opovo gehört zur Vinča-Kultur, die einen späten Abschnitt der Jungsteinzeit in Südosteuropa kennzeichnet. Der Fundplatz im südlichen Banat war bereits in den 1980er Jahren teilweise ausgegraben worden. Damals gingen Archäologen von einer Bevölkerung von rund 200 Menschen aus und interpretierten Opovo als kleines landwirtschaftliches Dorf oder mäßig aktives Zentrum regionaler Handelsnetzwerke.
„Opovo ist einer der größten bekannten Siedlungsplätze vom Ende der Jungsteinzeit im südlichen Banat. Deshalb ist er auch für das Verständnis von überregionalen Netzwerken in der Zeit hochinteressant“, erläutert Fynn Wilkes, Postdoc im Exzellenzcluster ROOTS an der CAU und Erstautor der Studie.
Geophysik zeigt bis zu 220 Hausstrukturen
Zwischen 2022 und 2024 untersuchte ein deutsch-serbisches Team den Fundplatz erneut. Die Forscher erfassten systematisch Oberflächenfunde und nutzten geophysikalische Verfahren, um Strukturen im Untergrund großflächig zu untersuchen, ohne den Boden zu öffnen. Anschließend führten sie an ausgewählten Stellen geoarchäologische Bohrungen und schließlich eine gezielte Ausgrabung an einem Umfassungsgraben durch.
Das Messbild der geomagnetischen Untersuchung. Stark schwarze und weiße Strukturen deuten auf magnetisierte Bodeneinschlüsse hin, in diesem Fall zeigen sich Gräben und verbrannte Häuser.
© Fynn Wilkes
Die Ergebnisse korrigieren die früheren Schätzungen zur Ausdehnung und Bevölkerung des Ortes deutlich. „Dank der neuen Daten gehen wir jetzt von einer Siedlungsfläche von mehr als neun Hektar aus. Wir haben bis zu 220 Hausstrukturen identifiziert und schätzen die Höchstbevölkerungszahl auf mehr als 700“, berichtet Fynn Wilkes.
Aktualisierte Radiokarbonanalysen datieren die Hauptphase der Siedlung auf etwa 4850 bis 4725 v. u. Z. Die Daten sprechen damit für eine etwas längere kontinuierliche Besiedlung als nach den Untersuchungen der 1980er Jahre angenommen. Außerdem unterscheiden die Forscher zwei Siedlungsphasen und stellten fest, dass sich die Siedlungsfläche im Laufe der Zeit vergrößerte.
Hausgrößen geben Hinweise auf soziale Unterschiede
Die geophysikalischen Daten ermöglichen den Forschern auch Aussagen über Unterschiede zwischen den Häusern. Aus deren Größen leiten sie Hinweise auf die soziale Struktur der Gemeinschaft ab.
„Eine Analyse der verschiedenen Hausgrößen deutet auf eine relativ geringe Ungleichheit im materiellen Wohlstand hin. Es gab wohl wirtschaftliche Differenzierungen, diese führten aber nicht zu einer signifikanten sozialen Schichtung“, sagt Professor Martin Furholt, Sprecher des Exzellenzclusters ROOTS und Co-Autor der Studie.
Bis zu fünf Gräben umgaben die Siedlung
Die Untersuchungen ergaben zudem Hinweise auf bis zu fünf Umfassungsgräben. Die Forscher interpretieren deren Anlage als Indiz dafür, dass die Gemeinschaft größere Arbeitsleistungen organisieren konnte. Da nach Angaben des Teams Hinweise auf Zwang fehlen, deuten die Autoren diese Arbeiten eher als kooperativ denn als Ausdruck einer hierarchischen Organisation.
Die neuen Ergebnisse verändern damit mehrere bisherige Annahmen zu Opovo: Die Siedlung war größer, erreichte nach Schätzung der Forscher eine höhere Einwohnerzahl und bestand etwas länger als zuvor angenommen. Zugleich liefern Hausstrukturen und Umfassungsgräben neue Ansatzpunkte für die Untersuchung ihrer sozialen Organisation.
„Mit diesen neuen Daten und Interpretationen zum Fundplatz Opovo können kommende Studien und Feldforschungen zu einem tieferen Verständnis der sozialen Struktur, der Siedlungsentwicklung und der Rolle von Opovo in der Region beitragen. In der Zusammenschau mit anderen Fundplätzen wird das unser Bild von einer für das Verständnis der Jungsteinzeit entscheidenden Region präzisieren machen“, sagt Fynn Wilkes.
Der Archäologe ergänzt: „Abgesehen von den neuen Einblicken in die spätjungsteinzeitliche Siedlung Opovo zeigt die Studie ganz generell, wie dank präziser, minimalinvasiver Untersuchungsmethoden alte Grabungsergebnisse neu evaluiert und so deutliche erweiterte Erkenntnisse gewonnen werden können.“
Quelle: Roots
Originalpublikation
Fynn Wilkes, Miroslav Birclin, Martin Furholt, Tijana Stanković Pešterac, Kata Furholt, Ildiko Medović, Aleksandar Medović, Henry Skorna, Marcel Rodens, Robert Hofmann, Ruth Tringham (2026). Opovo Revisited. Reconstructing Settlement Development and Social Structures in the Late Neolithic Site of Opovo Ugar-Bajbuk, Serbia. Archaeologia Austriaca, Band 110/2026, I–XXVI.