Wie stark ist Russland wirklich?

Russland gilt als militärische Supermacht und geopolitischer Schlüsselakteur – doch wie belastbar ist diese Stärke wirklich? Im Interview spricht Matthias Uhl, Autor von „Wie stark ist Russland wirklich?“ über Mythen und Realitäten, über wirtschaftliche Abhängigkeiten, militärische Macht und die Rolle Russlands im globalen Machtgefüge. Erfahren Sie, warum ein genauer Blick auf Russland heute wichtiger ist denn je – und welche Erkenntnisse unser Verständnis von Europa und internationaler Politik verändern können.

Männer montieren in einer Maschinenhalle Panzer
© Verlag Herder / KI-generiert mit Microsoft Copilot

Was hat Sie bewogen, sich mit dem Thema zu beschäftigen?

In der aktuellen Diskussion überwiegen oft Einschätzungen von Experten, die doch eine gewisse Entfernung zum Gegenstand Russland haben und wohl deshalb gelegentlich zu Dramatisierungen neigen. Dem wollte ich ein Bild entgegensetzen, das auf fast 20jähriger Expertise vor Ort beruht. Diese Erfahrung macht es möglich, Zahlen und Daten verlässlicher zu interpretieren.

Mit welchen Mythen räumen Sie auf?

Putins Propaganda will uns glauben machen, Russlands Streitkräfte und seine Rüstungsindustrie seien unbezwingbar. Doch die Verluste der Armee sind erschreckend hoch. Das hat unmittelbare Folgen für die Soldaten an der Front, die zudem Korruption und massiver Gewalt durch ihre Vorgesetzten ausgesetzt sind. Die russischen Streitkräfte laufen so Gefahr, durch ein Klima der Angst, Brutalität, Geldgier und Willkür zersetzt zu werden. Präsentierte die russische Rüstungsindustrie in den ersten Kriegsjahren noch beeindruckende Produktionszahlen, so kämpfen gegenwärtig nach mehr als viereinhalb Jahren Krieg selbst Giganten der Wehrwirtschaft des Landes um ihr Überleben und häufen Verluste an. Wenn ein Staat 40 Prozent seines Budgets für Militär und „Sicherheit“ ausgibt, gibt es, wie es bereits die Sowjetunion gezeigt hat, aus einem Zusammenbruch kein Entrinnen.

Wie beurteilen Sie die Stabilität Russlands im globalen Machtgefüge?

Die einzige globale Stabilität im Moment ist, dass Russland eine atomare Supermacht ist. Das Land verfügt über Tausende Kernsprengköpfe. Das lässt eine totale Niederlage mehr als unwahrscheinlich erscheinen. Politisch, militärisch und wirtschaftlich bewegt sich das Land immer schneller auf eine schwere Krise zu. Zu sagen, wie diese letztlich gelöst wird, wäre jedoch im Moment pure Spekulation. Im Laufe des Ukrainekrieges wurden schon so viele Einschätzungen getroffen, die dann durch die Ereignisse an der Front nur eine kurze Halbwertszeit hatten. Deshalb wäre es unredlich zu sagen, man wisse, wie dieser Konflikt enden würde.

Welches Erbe der Sowjetunion lebt in Russland fort und welches nicht?

Das schwerste Erbe aus der Zeit der Sowjetunion ist die totale Furcht der Menschen vor dem Repressionsapparat des Staates. Sie erstickte jeden Ansatz für eine wirkliche Demokratisierung des Landes. Aber auch die Struktur des Sicherheitsapparates, des Militärs und der Rüstungswirtschaft ist immer noch tief von der Sowjetunion geprägt. Gleiches trifft für die Zentralisierung des Landes mit Moskau als Gravitationszentrum zu. Lediglich die kleineren Privatwirtschaften scheinen sich gänzlich vom sowjetischen Erbe verabschiedet zu haben. Sie müssen aber in einem Umfeld agieren, das immer noch von den Dämonen der Sowjetunion bestimmt wird.

Ist eine Neigung zur Überschätzung von Russlands Stärke ein Phänomen, das wir aus dem Kalten Krieg kennen?

Bereits im Kalten Krieg wurde die Sowjetunion gerne überschätzt. Hierzu trugen natürlich auch der Sputnik-Schock, der Weltraumflug Gagarins und die Aufbruchstimmung der ersten Breschnew-Jahre bei. Damals konnte sich das Land als militärische, technologische, wirtschaftliche und politische Supermacht inszenieren, die locker mit dem Westen mithalten könne. Die nachfolgende Niederlage in diesem Konflikt zeigte jedoch, dass schon damals dieses Bild nicht der Realität entsprach.

Welche Lehren aus der Vergangenheit hätte der Westen mit Blick auf Russland ziehen können?

Nur mit robuster militärischer Stärke in der Hinterhand kann man Russland beeindrucken. Allein auf wirtschaftlichen Interessenausgleich zu setzen, hat den aggressiven Appetit des Landes nicht eingedämmt. Gerade für künftige Verhandlungen sollte deshalb gelten, sich auch als wehrhaften Partner zu präsentieren, der von seinem Gegenüber ernst zu nehmen ist.

Gibt es denn heute noch Elemente des Militärisch-industriellen Komplexes in der russischen Wirtschaft?

Heute gehören mehr als 6000 russische Unternehmen zum Militärisch-industriellen Komplex. Hier arbeiten mittlerweile dreimal mehr Menschen, als in den Streitkräften selbst dienen. Zusammen mit ihren Familien sind gegenwärtig rund zehn Prozent der russischen Gesamtbevölkerung mit der Rüstungsindustrie verbunden. Allein diese Zahlen zeigen, dass der Militärisch-industrielle Komplex immer noch einen wichtigen Bereich der russischen Wirtschaft darstellt, der mittlerweile fast alle ökonomischen Sphären erfasst und durchdrungen hat. Es gibt kaum noch einen Wirtschaftszweig, der nicht für die Interessen des Staates und der Armee produziert.

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