"Hexen vor Gericht!": Aberglaube, Krisenangst und moderne Hexenklischees

Die großen Hexenverfolgungen waren kein düsteres Kapitel des Mittelalters, sondern ein Phänomen der Frühen Neuzeit. Im Interview zu seinem Buch "Hexen vor Gericht!" erklärt Historiker Kai Lehmann, wie Klimakrisen, Hunger, soziale Unsicherheit und die aufkommenden Massenmedien einen tödlichen Hexenwahn anheizten. Er beleuchtet die Rolle von Gerichten, Kirchen und weltlichen Obrigkeiten, räumt mit verbreiteten Mythen über „weise Frauen“ und die Inquisition auf und zeigt, warum die Mechanismen hinter den Hexenprozessen auch heute noch erschreckend aktuell wirken.

Mittelalterliche Ansicht eines Dorfes
© Verlag Herder / KI-generiert mit Microsoft Copilot

Herr Lehmann, in Ihrem letzten Buch „Der Henker des Herzogs“ haben Sie das Leben eines frühneuzeitlichen Scharfrichters nachverfolgt. Nun, beim aktuellen Buch „Hexen vor Gericht!“, nehmen Sie die andere Seite in den Blick: Sehr viele Hexen wurden Opfer der Scharfrichter. Wie anders war die Arbeit an diesem Buch?

Ganz, ganz anders. „Der Henker des Herzogs“ hat Spaß gemacht. Spaß deswegen, weil man sich schon geistig vorstellen konnte, wie die Leserin oder der Leser ungläubig mit dem Kopf schüttelt, vielleicht schmunzeln muss oder staunend den Blick erhebt. Es ist schon unglaublich, wie wir Johann Jermias Glaser – den Titelhelden – gläsern machen können, weil wir nahezu jedes Detail seines Lebens kennen und er so gar kein Klischee erfüllt, welches wir von einem Scharfrichter, einem amtlich bestellten Todmacher, im Kopf haben.

Bei „Hexen vor Gericht!“ geht es um schlimme, ganz schlimme Schicksale, die sich zu Tausenden zugetragen haben. Unschuldige Frauen, Männer und Kinder, die – nachdem sie durch den Vorhof zur Hölle, die Kerkerhaft, gegangen waren – unter schlimmsten Qualen und Schmerzen in der Folter zu dem gemacht wurden, was sie gar nicht waren, und die dann gnadenlos hingerichtet wurden. Diese Schicksale bewegen, zugleich muss aber nach dem Warum gefragt werden. Wie kam es dazu? Und dazu muss man versuchen, hermeneutisch in den Kopf der Menschen des 16. und 17. Jahrhunderts hineinzukommen.

Ein spannender Umstand ist es ja, dass die Hexenverfolgungen gerade in der Frühen Neuzeit ihren Höhepunkt erreichten und eben nicht im „finsteren“ Mittelalter. Wie lässt sich das erklären?

Vermeintlich unerklärliche Krankheiten, scheinbar aus dem Nichts kommende Viehseuchen, plötzliche Todesfälle, die hohe Kindersterblichkeit, menschliche Untugenden wie Rache, Neid, Habgier und Missgunst gab es auch in früheren Jahrhunderten. Deswegen ist Ihre Frage nach dem „Warum ausgerechnet jetzt?“ vollkommen berechtigt.

Meiner Meinung nach sind es vor allem zwei Faktoren, die hier eine besondere Rolle spielen: das sich verschlechternde Klima und das Aufkommen von Massenmedien wie etwa Flugschriften und Flugblättern. Die mittelalterliche Warmphase wird langsam abgelöst durch die sogenannte „Kleine Eiszeit“, deren negative Folgen ab circa 1560/70 überall in Mitteleuropa spürbar wurden.

„Kleine Eiszeit“ heißt, dass die Sommer kühler und feuchter, die Winter länger und rauer wurden. Was das für eine landwirtschaftlich dominierte Zeit für Auswirkungen hatte, brauche ich niemandem zu erzählen. Frosteinbrüche im Mai und Juni vernichteten die Ernten. Der Bodensee fror deutlich häufiger als vorher vollständig zu. Niederländische Maler griffen die für sie ungewohnten Winterlandschaften als Motive auf. Das Gemälde „Eisvergnügen“ von Hendrick Avercamp zeigt einen zugefrorenen Kanal in den Niederlanden im kalten Winter von 1608. Künstlerische Illustrationen mit zugefrorenen Grachten existieren nur für die Zeit von 1565 bis 1670; und dieser zeitliche Abschnitt fällt genau in einen der kältesten Höhepunkte der „Kleinen Eiszeit“.

Wie erwähnt: Missernten häuften sich. Angebot und Nachfrage bestimmten den Preis. Zwangsläufig kam es zur Verteuerung der landwirtschaftlichen Produkte. Stiegen die Getreide- oder Weinpreise stark an, so waren die Bewohner vornehmlich der Städte gezwungen, mehr Geld für Nahrungsmittel auszugeben. Infolgedessen sank die Nachfrage nach handwerklichen Produkten und Dienstleistungen, was wiederum Auswirkungen auf Produktion und Handel hatte. Die Wirtschaft begann, in eine Schieflage zu geraten; wir sprechen heute von Rezession.

Parallel führte die Verteuerung von landwirtschaftlichen Produkten und den daraus gewonnenen Lebensmitteln speziell bei den mittleren und unteren sozialen Schichten zu Mangelernährung. Dauerhafte wie temporäre Mangelernährung schwächt Immunsystem und Körperkräfte. Der Mensch wird so empfänglicher für Krankheiten aller Art, Seuchen und epidemische Infektionskrankheiten. Es war sozusagen ein unerklärlicher Teufelskreis.

Wer war schuld an dem aus den Fugen geratenen Wetter und den daraus resultierenden Folgen? Die Antworten lieferten die oft bebilderten Flugschriften und Flugblätter. Die Druckerpresse hatte ihre universelle Macht bereits hinsichtlich der Reformation eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Jetzt schilderte sie das jedes Tabu brechende Treiben der teuflischen Hexensekte.

Auf abschreckenden, noch heute verstörenden Holzschnitten und in nicht minder drastischen Texten sahen und lasen die Menschen über das gottlose Hexenwerk. Die Masse gierte nach diesen Sensationsmeldungen – auch über die Hinrichtungen – und der Markt, sprich: die im Entstehen befindlichen Massenmedien, bedienten sie. Hexenverfolgung wurde so zu dem kommunikativen Top-Thema der damaligen Zeit.

Ihr Buch beschreibt die Hexenverfolgungen als Ergebnis von Krisen, Angst und einer Art frühneuzeitlicher Medienwelt. Was war die überraschendste Erkenntnis Ihrer Forschung zu diesem Zusammenspiel?

Ganz klar und knapp formuliert: die Modernität. Die Mechanismen sind immer die gleichen.

Zu den vielen Klischees über die Hexenverfolgung gehört es ja, dass Autoritäten weise, unabhängige, gar widerständige Frauen verfolgt haben. Ist da irgendetwas dran?

Natürlich machte sich die heilkundige Frau, die Hebamme, verdächtig, wenn etwas schieflief. Natürlich machte sich die Frau, die aus den gesellschaftlichen Schranken ausbrach und nicht „das Lieschen am Herd“ war, verdächtig. Im Buch wird es auch beschrieben. Aber eine „Vernichtung der weisen Frauen“, um einen populären Titel herauszugreifen, hat es nie gegeben.

Im Buch wird statistisch ganz klar herausgestellt, dass Hebammen oder weise Frauen in keiner Art und Weise überproportional unter den Opfern vertreten sind. Es konnte – aufgrund des unter der Folter erfolgten Abpressens von Namen vermeintlicher Mit-Hexen – jeden treffen.

Weshalb glaubten selbst gebildete Juristen, Theologen und Herrscher an Hexerei, obwohl sie oft als Vertreter von Vernunft und Bildung galten?

Es mag abgedroschen klingen: weil sie Kinder ihrer Zeit waren. Man könnte genauso fragen: Warum haben gebildete Menschen in der DDR an den Erfolg des Sozialismus geglaubt, warum waren Vertreter von Vernunft und Bildung glühende Anhänger des NS-Regimes?

Welche Rolle spielten denn die Kirchen bei der Hexenverfolgung? Gibt es hier ein einheitliches Bild, unterschieden sich die Konfessionen?

Ich will hier niemanden reinwaschen: Aber Hexenprozesse wurden nahezu ausschließlich vor weltlichen Gerichten geführt; auch in den geistlichen Fürstentümern. Die jeweiligen Bischöfe oder Pröpste waren zugleich auch die weltlichen Oberhäupter ihres Hoheitsbereiches.

Urteile wurden von studierten Juristen gefällt, Juristen an Schöffenstühlen – wir würden sie heute vielleicht als Oberlandesgerichte bezeichnen – oder an Juristenfakultäten von Universitäten.

Natürlich gab es auf der anderen Seite nicht wenige Geistliche, die auf den Kanzeln ganz offen zu Hexenjagden aufriefen, aber formaljuristisch hat ein Hexenprozess der Frühen Neuzeit nichts mit der Kirche zu tun.

Was waren die Auslöser von Hexenanklagen?

Monokausale Motive gibt es nicht. Immer wieder taucht der Vorwurf der Kindstötung durch Hexerei auf. Auch das „Lahmmachen“ durch Hexerei – wir können es uns heute durch einen Hexenschuss oder Bandscheibenvorfall erklären – kommt immer wieder als Beschuldigung vor. Ebenso wie Viehsterben, Wettermachen oder zauberischer Giftmord.

Die Palette der Vorwürfe ist groß. Frau und Mann suchten die Sündenböcke, die Schuldigen für ihr Unglück und ihre Widrigkeiten, und sie forderten ihre Obrigkeiten zum Teil sehr rigoros auf: Jagt und fangt Hexen!

Wo Obrigkeiten diesem Druck von unten, dem Druck aus der Bevölkerung, nachgaben oder sogar Hand in Hand agierten, konnte es zu wahren Verfolgungsexzessen kommen. Obrigkeiten nutzten Prozesse zum Teil aber auch zur herrschaftlichen Machtdemonstration. Manche wollten mittels Verfolgungen Karriere machen, andere wollten sich bereichern. Motivlagen gab es genug. Einzig gleich: Die Opfer waren Dingen ausgesetzt, die heute ob ihrer Grausamkeit schwer vorstellbar sind.

Gab es überhaupt Bevölkerungsgruppen, die sich davor sicher fühlen konnten, der Hexerei verdächtigt zu werden?

Strenggenommen keine. Freilich waren Vertreter der Führungsschichten sicherer als andere soziale Gruppen, aber es konnte jeden treffen. In Bamberg etwa wurde der Kanzler Georg Haan mit nahezu seiner kompletten Familie hingerichtet. Im Buch findet sich ein ausführlicher Bericht darüber.

Das unter der Folter erfolgte Abpressen von Namen angeblicher Mitteilnehmerinnen und Mitteilnehmer am Hexentanz bedingte dieses System und hielt die Prozesse am Laufen.

Welche Rolle spielten Medien wie Flugschriften, Predigten und Gerüchte damals – und gibt es moderne Parallelen?

Die Masse gierte nach Sensationsgeschichten und -meldungen, und die im Entstehen befindliche „Medienindustrie“ bediente den Markt. Geistliche stiegen auf die Kanzeln, predigten gegen die teuflischen Terrortruppen und riefen zu Hexenjagden auf.

Zuschauer von Hinrichtungen berichteten über die Geständnisse, die vor der Exekution der Todesurteile für jeden vernehmbar verlesen wurden. Hexen waren das kommunikative Top-Thema der Zeit. Egal, ob jung oder alt: Es wurde über die Hexen, ihren teuflischen Plan, die christliche Welt aus ihren gottgegebenen Angeln zu heben, und die Angst davor gesprochen, getuschelt oder ganz offen diskutiert.

Wenn man der Hexerei verdächtigt wurde und ein Prozess ins Rollen kam, gab es da überhaupt noch eine realistische Chance, mit heiler Haut davonzukommen?

Konnte Frau oder Mann sich einen Anwalt leisten und wurde dieser zugelassen, dann gab es Chancen. Es gab Obrigkeiten beziehungsweise zentral geordnete Territorialherrschaften wie etwa die Kurpfalz, Kurbrandenburg oder Kursachsen, die Verfolgungen kritischer gegenüberstanden und wo Verfahren ohne Hinrichtung endeten.

Ein Großteil der Opfer waren Frauen. Warum richtete sich der Verdacht so häufig gegen Frauen, und welche Ausnahmen gab es?

Es herrschte das Patriarchat. Von vornherein war die Frau weniger wert. Es herrschte die Annahme, dass die Frau als das schwächere Geschlecht leichter vom Bösen, dem Teufel, zu verführen wäre als der Mann.

Was die geschlechtliche Opferverteilung angeht, unterscheiden sich allerdings die Konfessionen. Während wir in den protestantischen Gebieten einen weiblichen Opferanteil von 85 Prozent und mehr haben, lag der männliche Opferanteil in den katholischen Territorien bei rund einem Viertel. War Luther schuld, der die entsprechende Stelle im 2. Buch Mose mit „Die Zauberinnen sollst du nicht am Leben lassen!“ übersetzte?

Wie kommt es eigentlich, dass wir uns heute meist eine alte Frau mit Hakennase vorstellen, die auf einem Besen reitet, wenn wir an eine Hexe denken? Wo kommen derartige Bilder her?

Zum Teil bereits aus der zeitgenössischen Kunst. Schauen Sie sich nur Hans Baldung Griens „Die Hexen“ aus dem Jahr 1510 an, da findet man sie in der Mitte: die alte Hexe mit Hakennase.

Die Hexe ist heute oft eine positive Figur – selbstbewusst, unabhängig und widerständig. Das Klischee der „weisen Hexe“, die von den Machthabern verfolgt wurde, ist gerade in esoterischen Kreisen höchst anschlussfähig. Wie kommt es zu dieser modernen Projektion?

In der Zeit der Aufklärung wandelte sich das Hexenbild. Als klar wurde, dass es gar keine Hexen gibt, wurden diejenigen, die das damals glaubten, ins Lächerliche gezogen. Im 19., vor allem im 20. Jahrhundert wurden die Hexen dann zum Sinnbild für Widerstand, für den Kampf gegen das Patriarchat und für Aktivistinnen der feministischen Sache.

Sie setzen sich ja nun seit längerem professionell mit der Hexenverfolgung auseinander: Welche Mythen und Klischees, wie man sie zum Beispiel in Romanen oder auch in der Tourismuswerbung findet, gehen Ihnen am meisten auf die Nerven?

  1. Rote Haare: Ich kenne keinen Fall, in dem dies eine wie auch immer geartete Rolle spielt.
  2. Mittelalter: Es dürfte sich herumgesprochen haben – hoffentlich auch endlich mal bis Hollywood –, dass die meisten Verfolgungen in der Frühen Neuzeit stattfanden.
  3. Die böse römisch-katholische Kirche mit ihrer Inquisition: Ich erwähnte es bereits: Formaljuristisch hat ein Hexenprozess nichts, aber auch gar nichts mit der Kirche zu tun.
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