Arthur Rimbaud: Genialer Dichter, rastloser Händler

Arthur Rimbaud gilt als Wunderkind der französischen Literatur und Verfasser einiger der bedeutendsten Gedichte des 19. Jahrhunderts. Doch nach nur wenigen Jahren als gefeierter Poet kehrte er der Kunst den Rücken und begann ein zweites Leben als Kaufmann, Karawanenführer und Waffenhändler in Afrika und Arabien. Im Interview spricht Literaturwissenschaftler Kersten Knipp über Rimbauds Scheitern und Erfolge, seine Beziehung zu Paul Verlaine, den Kaffeehandel in Aden und Harar sowie die Frage, warum der rastlose Dichter nirgendwo Heimat und Glück finden konnte.

Historisch arrangiertes Stillleben mit Kaffeebohnen, einem Maria-Theresien-Taler, Kompass, Kartenmaterial, Büchern, einem Modellsegelschiff sowie einem offenen Notizbuch mit Füllfeder auf einem Holztisch
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Bereits in Ihrer Einleitung schreiben Sie: "Rimbauds Leben ist deprimierend, von den ersten bis zu den letzten Jahren lässt sich seine Geschichte einer verfehlten psychischen und sozialen Entwicklung erzählen, einer unfreiwilligen Distanz zur Welt, die ihn schließlich auch als Künstler scheitern ließ [...]." Hätte Ihr Buch also auch "Rimbaud – der Gescheiterte" heißen können?

Oh, da zögere ich. Ich denke, eher nicht. Denn er ist ja nicht rundweg gescheitert. Er hat ja eines der bedeutendsten lyrischen Werke der französischen Literatur geschrieben. Ich hatte dieser Tage noch einmal Gelegenheit, an einer Universität über das "Bateau ivre" zu sprechen: Wie viel Bilder, wie viel Spannung da in einige Zeilen passt, das ist schon ungeheuer. Rimbauds Drama ist aber, dass er seine ungeheure Begabung sozial oder auf dem Literaturmarkt seiner Zeit nicht umsetzen konnte. Dazu fehlte ihm alles, insbesondere ein angemessenes Sozialverhalten, das es für eine literarische Karriere eben auch braucht. Das hatte man ihm zu Hause nicht vermittelt. Insofern ist es auch ein Fall von Klassismus, wenn man will. Und das führte dann zu seinen zehn Jahren am Roten Meer. Eine Flucht? Wahrscheinlich, ja.

Hat Sie die Arbeit an diesem Buch angesichts so vieler Zeugnisse des Versagens nicht selbst frustriert, oder wo waren die "Lichtblicke"?

Statt von "Versagen" würde ich eher von "Scheitern" sprechen: Das berücksichtigt die schwierige Lage, in der er sich vor allem familiär bedingt von Anfang an befand. Aber gerade das ist für einen Biografen natürlich interessant: den Entstehungsbedingungen einer unglücklichen Existenz nachzugehen. Insofern habe ich viel über das Verhältnis von äußeren Bedingungen und dem individuellen Umgang mit ihnen gelernt. Man muss aber sagen, dass Rimbaud an den Ufern des Roten Meeres auf ganz andere Weise durchaus erfolgreich war. Er hat sich dort als Händler unter sehr schwierigen Bedingungen ökonomisch bewährt. Das ist nicht allen Europäern in vergleichbarer Position gelungen.

Sicher kennen Sie die Verfilmung der Liebesgeschichte zwischen Verlaine und Rimbaud (mit einem sehr jungen Leonardo DiCaprio). Sie zeigt uns Rimbaud in erster Linie als gesellschaftliches Ekel, trotzig, respektlos und überheblich. Trifft diese Darstellung unseren Dichter?

Ja, als schwieriger Mensch ist er Zeitzeugen immer wieder aufgefallen. Das war ganz offenbar provokant – unnötig provokant. Und doch scheint mir dieses Verhalten auch Ausdruck einer tiefgreifenden Hilflosigkeit. Ein Jugendfreund, Ernest Delahaye, hat berichtet, wie schüchtern Rimbaud Fremden gegenüber gewesen sei, wie leicht er etwas errötete. Mir scheint, ihm fehlte alles, um auf die urbanen Gepflogenheiten in Paris angemessen zu reagieren – er kannte sie schlicht nicht. Er kannte nur die Verhaltensweisen der nordfranzösischen Provinz, getoppt noch einmal durch den harten Katholizismus seiner Mutter. Umso erstaunlicher die Leichtigkeit, mit der er sich in seiner Lyrik bewegte, die ruppige Eleganz, die seine Gedichte kennzeichnet.

Die Beziehung zwischen Rimbaud und Verlaine kann als Amour fou bezeichnet werden, Sie beschreiben die intensive Verbindung der beiden Dichter, die sich noch vor Rimbauds Abreise ins jemenitische Aden in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Gibt es Hinweise, dass die beiden nach dem letztmaligen Treffen in Stuttgart zumindest versucht haben, sich wieder zu kontaktieren?

Zumindest habe ich davon nichts gelesen. Aber das Ende der Beziehung hate sich ja seit Langem angedeutet. Mir scheint, Verlaine und Rimbaud überforderten sich gegenseitig, erwarteten von ihrer Beziehung etwas, das kaum eine Beziehung leisten kann. Es ist kein Zufall, dass sie ihre Liebe auf ständiger Flucht lebten, vor allem in Belgien und England. Dafür gab es konkrete Gründe. Aber die Flucht zeigt eben auch, dass ihre homosexuelle Liebe keine Chance auf Dauer hatte. So war es auch nicht erstaunlich, dass sie sich nach ihrem von Pistolenschüssen begleiteten Bruch in Brüssel in unterschiedliche Richtungen entwickelten. Verlaine wurde nach den Schüssen auf Rimbaud zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. In dieser Zeit durchlebte er eine intensive Konversion hin zum Christentum – eine Entwicklung, mit der Rimbaud, ein entschiedener Verächter des Katholizismus, überhaupt nichts anfangen konnte. So war es völlig plausibel, dass sie sich nach ihrem Treffen in Stuttgart nach allem, was wir wissen, niemals wiedersahen.

Was wissen wir über die intimen Beziehungen des "afrikanischen Rimbaud"?

Nicht viel. Wohl darum nicht, weil Rimbaud nach derzeitigem Wissensstand kaum intime Beziehungen pflegte. Er hatte eine Zeitlang eine Beziehung zu einer Frau. Mariam hieß sie, Rimbaud hatte sie in Äthiopien kennengelernt. "Die Verbindung war intim", berichtet ein Zeitzeuge. Tatsächlich begleitete sie ihn auch nach Harar, wo sie eine Zeitlang zusammen mit ihm lebte. Dann aber ging das Verhältnis wieder auseinander. Über andere, auch homosexuelle, Beziehungen wissen wir kaum etwas. In fester Bindung stand Rimbaud aber ganz offenbar nicht.

Nach seiner Abkehr von der Kunst und seiner darauffolgenden Tätigkeit als Kaufmann verband Rimbaud die Hoffnung auf finanziellen Erfolg. Gelingt ihm das?

Ja. Rimbaud kehrte nach zehn Jahren mit einem durchaus respektablen Vermögen nach Europa zurück. Insofern war er durchaus erfolgreich. Tatsächlich hatte er sich ja am Roten Meer ganz auf seine Geschäfte konzentriert, also den Handel mit dem, was früher "Kolonialwaren" hieß. Dazu gehörte in erster Linie der Kaffee, der im 19. Jahrhundert in Europa immer populärer wurde. Rimbauds wirtschaftlicher Erfolg ist wohl darum so verblüffend, weil er einen radikalen Bruch mit der Lyrik voraussetzt. Tatsächlich schloss er mit ihr ab, als er 19, 20 Jahre alt war, und zwar radikal. Wie das möglich war, wie er eine solche Begabung verdrängen konnte: Das macht wohl das Geheimnis seines Lebens aus. Aber dieses Geheimnis ist der Schlüssel zu seinem "zweiten" Leben, auch zu seinem wirtschaftlichen Erfolg.

Warum wird Rimbaud in Aden nicht glücklich? In seiner Position im Kaffeehandel wird er von seinem Vorgesetzten geschätzt und er spricht sogar genug Arabisch, um von den Einheimischen, die für ihn arbeiten, respektiert zu werden. Was treibt ihn fort?

Rimbaud wurde nirgendwo glücklich. Genau das macht das Drama seines Lebens aus. Bereits in einem seiner ersten Gedichte, "Sensation" stellt er sich das Glück als einen Spaziergang durch ein abgeerntetes Feld barfuß spät im Sommer vor. Er schreibt aber nicht, dass er tatsächlich durch das Feld geht. Vielmehr schreibt er "J'irai": "Ich werde gehen". So kriecht die Distanz unmerklich ins Gedicht: Rimbaud erlebt schon als junger Mensch keine erfüllte Gegenwart, sondern erlebt diese immer als eine aufgeschobene. "La vrai vie est ailleurs", "Das wahre Leben ist anderswo", wird er später schreiben. Und genau das umreißt sein gesamtes Leben: Wo immer er auch ist, das "wahre" Leben ist in diesem Moment woanders.
Das gilt auch für Aden und später auch Harar. In den Briefen an seine Familie spricht er ständig davon, woanders hin reisen zu wollen. Er denkt etwa an Sansibar, dann an den in jener Zeit entstehenden Panama-Kanal. Überall, schreibt er, würde er vermutlich mehr verdienen als in Aden oder Harar. Auch gefällt ihm die Landschaft – schwärmerische Beschreibungen erwartet man von ihm vergebens. Es waren insgesamt weniger die äußeren Umstände, die ihm nicht behagten, sondern seien Unfähigkeit, Genügen an den Orten zu finden, an denen er sich gerade aufhält.

Mit Rimbaud verbindet man eher Absinth als Getränk. Man erfährt bei der Lektüre aber einiges über die Geschichte des Kaffees. Was hat es dabei mit dem "Maria-Theresien-Taler" auf sich?

Der "Maria-Theresien-Taler" war, so kurios es klingt, das damalige Hauptzahlungsmittel in Äthiopien. Er stammte, wie der Name andeutet, aus dem Habsburgerreich. Abgebildet war Maria-Theresia, eine in Afrika offenbar als beeindruckend empfundene Frau. Vor allem hatte er einen sehr hohen Goldgehalt, was ihn zu einem verlässlichen Zahlungsmittel machte: In der Not hatte der Taler einen Wert in sich selbst. Zudem hatte er einen gezackten Rand, was es erschwerte, von der Münze einfach etwas Gold abzuschleifen. Denn damit zerstörte man zugleich das Muster auf dem Rand – und der Taler verlor an Wert.

Rimbaud legt als Karawanenführer weite Strecken durch die Wüste Äthiopiens zurück. Wie gefährlich sind solche Reisen zu dieser Zeit?

Sie konnten sehr gefährlich sein. Alles kam an auf eine gute Vorbereitung. Und das hieß, vorab Absprachen mit den jeweiligen Herrschern der Regionen oder Gegenden treffen, durch die man reist. Verbunden war dies natürlich mit Zöllen und Abgaben. Zugleich musste man Lohnverhandlungen mit den Begleitern der Karawanen führen, also mit den Kameltreibern, den Wachen, den Helfern. Diese Diskussionen wurden als oft sehr mühsam beschrieben. Speziell Rimbaud hat sich durch eine weitere Eigenschaft ausgezeichnet: Er passte sich seinen Begleitern an: Er trug bescheidene Kleidung, trat zurückhaltend auf – also nicht so herrisch wie einige andere Europäer. Er provozierte also niemanden, vermied Ärger bereits im Vorfeld. In gefährlichen Situationen kann so etwas im Zweifel über Leben und Tod entscheiden.

Was hat Rimbaud mit dem Äthiopisch-Italienischen Krieg und mit der Niederlage der Italiener in der Schlacht von Adua 1896 zu tun?

Der Titel meines Buches deutet es an: Rimbaud hat auch als Waffenhändler gearbeitet. Mitte der 1880er Jahre hat er Menelik II., damals ein König im äthiopischen Kaiserreich, mit zehntausenden Gewehren beliefert, dazu auch der entsprechenden Munition. Jahre später 1896, als Menelik längst zum äthiopischen Kaiser avanciert war, verteidigte sich das Land in der Schlacht von Adua gegen die italienische Kolonialmacht, und zwar mit Erfolg: Äthiopien wurde nicht kolonisiert, damals nicht und auch später nicht. In der Schlacht kamen auf äthiopischer Seite auch die zuvor von Rimbaud gelieferten Waffen zum Einsatz – wie auch die anderen europäischer Waffenhändler. Sie alle trugen ihren Teil dazu bei, dass Äthiopien sich verteidigen konnte.

Waffen, Elfenbein, Moschus: Rimbauds Portfolio als Händler ist aus heutiger Sicht mehr als fragwürdig. Ist Rimbaud, den wir gerne als verträumten Symbolisten idolisieren, eigentlich ein gewissenloser Kapitalist?

So weit würde ich nicht gehen. Wahr ist allerdings: Ohne die koloniale Präsenz Europas in Nahost und Afrika hätte Rimbaud dort nicht leben, arbeiten und Gewinn machen können. Seine gesamten zehn Jahre vor Ort gründeten auf den Einrichtungen, die insbesondere Großbritannien, Italien und Frankreich dort geschaffen hatte. Als er in Aden ankam, war die Stadt bereits seit Jahrzehnten eine wichtige Drehscheibe des britischen Kolonialismus, diente als wichtiger Verbindungspunkt – etwa als Kohlestation – auf dem Weg nach Indien. Die dort ansässigen Händler hatten Interesse an gut laufenden Geschäften. So schreckten sie – wie auch Rimbaud selbst – selbst vor Waffengeschäften nicht zurück. Rimbaud belieferte, wie erwähnt, den äthiopischen König Menelik. Dass heißen wir in unserer Zeit nicht mehr gut – auch wenn wir einräumen müssen, dass in weiten Teilen der Welt auch heute noch mit Waffen gehandelt wird. Eine Zeitlang hieß es, Rimbaud sei auch Sklavenhändler gewesen. Die Anschuldigung ist nach heutigem Wissensstand allerdings widerlegt: Viele der damals zusammengetragenen angeblichen Beweise haben sich nicht erhärten lassen. Das im Einzelnen auszuführen, würde hier zu weit führen. Ich habe das aber im Buch getan. Allerdings hatte Rimbnaud ein, wenn man will, pragmatisches Verhältnis zum Sklavenhandel. Als die französische und die britische Regierung den Sklavenhandel unterbinden wollten, versuchte Rimbaud die französische Regierung von dem Vorhaben abzubringen. Sein Argument: Täte man das, würde man sich vor Ort alle jene zum Feind machen, die von Sklavenhandel profitierten. Dann könne Frankreich seine kolonialen Vorhaben gleich aufgeben, denn Paris hätte keine Verbündeten mehr. Das war pragmatisch gedacht. Aber als Posterboy der Menschenrechte wird man Rimbaud nach heutigem Stand nicht bezeichnen können.

Gibt es in den Briefen oder Dokumenten aus Rimbauds Zeit als Händler in Äthiopien und im Jemen irgendeinen Hinweis darauf, dass er das Dichten vermisst hat?

Rimbaud hat am Roten Meer so gut wie nie über sein "erstes" Leben als Dichter gesprochen. Offenbar wollte er diese Zeit seines Lebens verbergen – wohl auch aus der Sorge, dass ihm das in Afrika schaden könnte: Dichter, so womöglich seine Sorge, könnten in der kolonialen Welt als allzu schwache, unzuverlässige Personen gelten. Zudem verband er die Lyrik immer mit persönlichen Niederlagen: die äußere Erfolgslosigkeit: Zu seinen aktiven Zeiten erschien ein einziger Gedichtband, nämlich "Une saison en enfer". Den aber hatte er auf eigenen Kosten drucken lassen. In diese Zeit fiel zudem seine schwierige Beziehung zu Paul Verlaine, die sich nicht zuletzt durch exzessiven Alkoholkonsum auszeichnete. All dies brachte ihn dazu, zu dieser Zeit auf Distanz zu gehen. So erfuhr sein damaliger Chef, Alfred Barday, erst per Zufall, durch ein Gespräch mit einem ehemaligen, nun als Reporter arbeitenden Freund Rimbauds von dessen Vorleben – und war entsprechend überrascht. Später sprach er gegenüber einem ebenfalls in Äthiopien engagierten Landsmann von den Pariser Dichtern als "Vögeln". Abfälliger kann man sich kaum ausdrücken. Zugleich aber bewahrte er erste, in den 1880er Jahren erscheinende Zeitungsartikel bei sich auf. Ganz konnte er sich offenbar nicht lossagen von seinem ersten Leben. Es war eine Beziehung spannungsvoller, nie aufgelöster Ambivalenz.

Mögen Sie Rimbaud?

Jedenfalls hat mich sein Leben sehr bewegt. Sein Leben war schwierig, viele seiner Probleme hat er nicht lösen können, vor allem nicht das der ewigen Distanz, die er gegenüber sich selbst, anderen Menschen und der Welt empfand. "Je est un autre", "Ich ist ein anderer": Die berühmte Formel aus einem Brief aus dem Jahr 1871 umreißt sein persönliches Drama, ein Drama, das vielleicht wir alle auf die ein oder andere Weise spüren, vielleicht nicht so schmerzhaft und intensiv, latent aber eben doch. Insofern mag ich ihn, trotz seiner Schwächen – oder gerade wegen ihnen.

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