Philosophie und (fragile?) Ordnung

Philosophie und Ordnung sind genuin miteinander verknüpft. Denn ihrem Selbstverständnis nach ist die Philosophie der Begründung und dem Argument verpflichtet und ist somit immer auch ordnend tätig: Sie bringt Ordnung in das Durcheinander, sie ordnet die Dinge einander zu, sie bringt Gründe und Argumente in eine Rangordnung. Philosophie und Ordnung stehen in einem reziproken Verhältnis zueinander: Als Ausdruck von Rationalität bleibt die Philosophie auf der einen Seite an eine Ordnung gebunden, die nicht einfach beliebig austauschbar ist; auf der anderen Seite kommt es der Philosophie aufgrund der Autonomie der Vernunft zu, Ordnung allererst zu etablieren.

Sapientis est ordinare – so Thomas von Aquin im Anschluss an Aristoteles: Dem Weisen kommt es zu, zu ordnen. Thomas spricht hier bewusst von der Weisheit, also von jenem Erkenntnismodus, der bereits begrifflich mit der Philosophie verknüpft ist und – wie ein Blick in die Philosophiegeschichte zeigt – als Gegenmodell zu einem zu engen Verständnis von Wissen dient. Denn letzteres steht immer in der Gefahr, rein funktional oder instrumentell missverstanden zu werden – als Mittel, um gewisse anderweitig gesetzte Ziele bestmöglich zu verwirklichen. Diese Funktion ist beim weisheitlich-philosophischen Ordnen für Thomas jedoch nicht gemeint, denn dabei geht es nicht um die möglichst effiziente Bewältigung beliebiger Einzelprobleme, die uns zu Fachidioten macht; es geht auch nicht um ein kleinkrämerisches Ordnen und Verwalten, in der Absicht, einen Zustand der Behaglichkeit zu erreichen, in dem wir es uns gemütlich machen können, weil wir meinen, damit alles überblicken zu können. Vielmehr ist Weisheit für Thomas das übergeordnete Ziel der Philosophie, weil sie in ihrem ordnenden Habitus den Blick auf das Ganze eröffnet, statt sich in Einzelproblemen zu verlieren. Sie sucht nach grundlegenden Ordnungsprinzipien, von denen her die Dinge ihren Sinn erhalten. Erst so ermöglicht sie es, das Wesentliche vom weniger Wichtigen zu unterscheiden – wohl wissend freilich, dass diese Suche nach ordnenden Kriterien stets offen bleiben muss und sich nicht mit dogmatischen Definitionen begnügen kann und darf. Eben diese Weite und Offenheit der ordnenden Weisheit ist es, die die Ordnung nicht nur im Theoretischen herstellt, sondern auch im Praktischen: Das Ideal des oder der ordnenden Weisen, wie es hier beschrieben ist, repräsentiert eine Lebensform, die Theorie und Praxis, Denken und Handeln gleichermaßen umfasst.

Was ist in unserem heutigen Philosophieverständnis von dieser Idee geblieben, was ist davon noch spürbar? Selbstverständlich soll es hier weder darum gehen, ein antik-mittelalterliches Ideal wiederzubeleben, noch darum, den Verfall der Philosophie heute zu beklagen. Denn zu Recht wurde dieses vernunftoptimistische Weisheitsideal, in dem Philosophie und Ordnung eine harmonische Einheit bilden, einer Kritik unterzogen – übrigens schon im Mittelalter selbst. Denn eine solche Verknüpfung von Philosophie und Ordnung kann auch trügerisch sein, wenn sie unkritisch von einer dauerhaften und womöglich metaphysisch untermauerten Stabilität einmal errichteter philosophischer Ordnungskriterien ausgeht und auf die Notwendigkeit verzichtet, diese einer immer wieder neuen kritischen Überprüfung zu unterziehen.

In diesem Sinn überrascht es nicht, wenn sich Ordnungen als fragil erweisen – was sowohl negativ als Bedrohung, aber auch positiv als Befreiung gedeutet werden kann. Zahlreiche Momente lassen sich benennen, in denen Ordnungen ins Wanken geraten können; sie betreffen den politischen, sozialen, wissenschaftlichen, kulturellen oder moralischen Bereich. In jedem dieser Momente aber ist die Philosophie als ordnungsstiftend seit eh und je gefordert.

Auf ihrer Jahresversammlung Ende September 2019 in Paderborn hat sich die Görres-Gesellschaft mit dem Thema „Fragile Ordnungen“ beschäftigt. Die Sektion Philosophie ist auch diesmal gern der Einladung nachgekommen, sich aus philosophischer Sicht mit diesem Thema auseinander zu setzen. Immer wieder sieht sich die Philosophie ja dem Vorwurf ausgesetzt, sich zu wenig an gesellschaftspolitischen Debatten zu beteiligen. Zu Unrecht: In den drei Vorträgen (ein bereits angekündigter vierter Vortrag zu sozialen Ordnungen musste leider entfallen), die jeweils von lebhaften Diskussionen begleitet wurden, zeigte sich, dass der Versuch, der Frage nachzugehen, ob und wo die Philosophie – aus der Verpflichtung heraus, dass das Ordnen zu ihren Aufgaben gehört – eingreifen und Stellung beziehen kann, soll oder gar muss, auch anders ausfallen kann.

Alle drei Vorträge liegen im Folgenden in schriftlicher Ausarbeitung vor und sind nun für alle nachzulesen. So beleuchtet Manuel Knoll (Istanbul) unter dem Titel „Verfall und Stabilität politischer Ordnungen. Zur Aktualität des antiken politischen Denkens“ die Herausforderung der Philosophie, mit der Fragilität politischer Ordnungen umzugehen, und zeigt, dass zeitgenössisches politisches Denken noch immer viel von den politischen Philosophen der griechischen Antike, insbesondere Platon und Aristoteles, lernen und deren Einsichten zur Analyse aktueller Konflikte anwenden kann. Harald Schwaetzer (Bernkastel-Kues) widmet sich aus bildungspolitischer Sicht dem Thema „Bildung als fragile Ordnung“. Ausgehend von der Humboldt'schen Idee der Bildung als Selbstbildung entfaltet er in transzendentalphilosophischer Argumentation die Vision einer Universität, die das ‚Selbsttätigwerden‘ des Individuums in den Vordergrund stellt und damit das fragile Gut der Bildung institutionell abzusichern versucht. Schließlich bringt Dieter Schönecker (Siegen) unter dem Titel „Rassismus, Rasse und Wissenschaftsfreiheit. Eine Fallstudie“ die wissenschaftspolitische Ordnung und ihre Fragilität ins Spiel. Ausgehend von seinen negativen Erfahrungen mit dem Umgang mit Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit an deutschen Universitäten und Institutionen geht er am Beispiel von Rassismusvorwürfen (u. a. in der Debatte um Thilo Sarrazin) der Frage nach, wie sich Wissenschaftsfreiheit philosophisch begründen und absichern lässt und wie man gleichzeitig ihre Grenzen bestimmen kann.

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