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Anzeige:  Gefährliche Seelenführer

127 (2020) - 2. Halbband

Inhalt
1. Auflage 2020
184 Seiten
ISBN: 978-3-495-45103-8
Bestellnummer: P451039
Erscheinungstermin PDF: 2020
Bestellnummer PDF: D100567

Schreiben und Lesen gehören zu den wenigen kulturellen Tätigkeiten, die zwar unter guten Bedingungen ansteckend sein können, aber jedenfalls dann keine Viren übertragen, wenn man, wie der Hl. Ambrosius zum Erstaunen des jungen Augustinus, leise zu lesen gelernt hat. Zwar ist schon Bias aus Priene wohl deswegen einer der Sieben Weisen, weil er lehrte, vor dem Reden zu denken. Aber so intensiv mit sich selbst leise zu reden, wie es Sokrates tat, war für die wohl immer noch zumeist laut denkenden Griechen ein reines Wunder. Das eigentlich Revolutionäre des Sokrates bestand dementsprechend vielleicht gerade in der Erfindung des leisen Nachdenkens, so sogar, dass er von seiner Umwelt bekanntlich häufig rein gar nichts wahrnahm.

Das vorliegende Heft des Philosophischen Jahrbuchs bietet seinen Leserinnen und Lesern mit einem breiten Spektrum an Themen sozusagen Corona-sichere kulturelle Nahrung zum Fortdenken. Der Beitrag von Christian Jung (Wien/Salzburg) untersucht zum Beispiel Martin Bubers komplexes, auch ambivalentes, aber mit seinem Freund Gustav Landauer geteiltes, Verhältnis zu einer Mystik des All-Einen und seiner (scheinbaren) Abkehr von ihr in der späteren Dialogphilosophie.

Das diesjährige Schwerpunktthema ist dem Verhältnis von Philosophie und (fragiler) Ordnung gewidmet. Manuel Knoll (Istanbul) behandelt das Problem der politischen Ordnung in der antiken Philosophie in einer interessanten Vergegenwärtigung der gemischten Verfassung in Platons Nomoi, gewissermaßen nach dem Muster Spartas, lange vor einer entsprechenden Implementierung in der römischen Republik und vor dem Versuch des Aristoteles, demokratische und oligarchische Momente in einer stabilen ‚Politie‘ zusammenzudenken – mit Ausblicken auf die spätere politische Philosophie bis in die Gegenwart. Harald Schwaetzer (Bernkastel- Kues) bedenkt das ebenfalls seit Platons Philosophie der Paideia und nicht erst seit Herder und Humboldt ewige Problem der Bildung. Dieter Schönecker (Siegen) zeigt am Beispiel des (Un-)Begriffs einer nicht biologischen, sondern ‚kulturellen Rasse‘ und der Debatte um die angeblich ‚(kultur-)rassistischen‘ Thesen Thilo Sarrazins, wie aufgrund unsauberer Definitionen in einer öffentlichen Debatte erstens rhetorisch polemisiert und zweitens Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit in Gefahr gebracht wird. Dabei soll die Frage nach der Berechtigung oder Wahrheit der inhaltlichen Aussagen Sarrazins noch nicht einmal gestellt werden, was freilich auch bei Schönecker nicht geschieht, da es ihm mit Recht um die Form der ‚Debatte‘ und den unernsten Umgang mit Zweifeln an lieb gewordenen Vorurteilen geht.

Daneben finden sich in diesem Heft gleich zwei Jahrbuch-Kontroversen vereint. Julian Nida-Rümelin (München) beendet mit seinen Repliken auf Forst, Gerhardt, Herzog, Kreide, Lehmann, Özmen, von der Pfordten, Vöneky und Wolffsohn die in Heft II 2019 initiierte Debatte über die „Normative Ontologie von Grenzen“. Luciano Floridi (Oxford) hingegen eröffnet mit seinem Initiativbeitrag mit Thesen zu einem guten Staat und einer guten Politik fast im Stil des Tractatus eine neue Kontroverse zum Thema „A New Political Ontology for a Mature Information Society“. Das Philosophische Jahrbuch zeigt damit, dass es auch neueren Entwicklungen in der Philosophie aufgeschlossen ist. Dabei ist für die Debatte methodisch vielleicht das Folgende zu bedenken: Als Hegel seine Philosophie des Rechts als Strukturwissenschaft des Staates, der Gesellschaft und der politischen Geschichte als „ihre Zeit in Gedanken gefaßt“ entwarf, war die Trennung von Soziologie, Politikwissenschaft und Philosophie noch gar nicht vollzogen. Die damaligen Theoretischen Wissenschaften unter dem Titel „Philosophie“ sind generell nicht einfach mit dem zu identifizieren, was heute zur Disziplin gezählt wird.

Pirmin Stekeler-Weithofer

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