Einführung: Der Streit um Kants transzendentale Ästhetik

Die Frage nach Raum und Zeit ist eine solche, die wir zunächst dem Bereich der Naturwissenschaften, genauer der Physik zuordnen würden. Aber spätestens seit Aristoteles in seiner Kategorienlehre jeder Substanz zuordnete, in nicht aufeinander reduzierbare Weise in Raum und Zeit verortet zu sein, gehören diese beiden Größen auch in die Philosophie. Aus heutiger Sicht mag die substanzontologische Basis der Feststellung, dass es jedem Gegenstand zukommt, zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort zu sein, überholt klingen, weil sie in naiver Weise vorauszusetzen scheint, dass Raum und Zeit Eigenschaften eines Dinges sind, das unabhängig von uns und der Art und Weise, wie wir es wahrnehmen, Bestand hat. Zweifellos tendieren wir also dazu, den Vertretern einer solchen Position einen naiven Realismus zuzuschreiben, nämlich indem wir ihnen unterstellen, über die raumzeitliche Wirklichkeit von Gegenständen zu philosophieren, ohne sich dabei kritisch der Frage zu stellen, wie und als was wir diese Gegenstände in ihrer Raum- und Zeitgebundenheit wahrnehmen und erkennen.

Indes zeigt ein genauerer Blick in die philosophiegeschichtlichen Diskussionszusammenhänge, dass der Vorwurf der Naivität an dieser Stelle unangebracht ist. Bereits für Aristoteles gilt, dass der ontologischen Ordnung immer eine epistemologische entspricht und dass beide nicht einfach voneinander zu trennen sind. In der mittelalterlichen Ontologie wird diese Einsicht fortgesetzt: Mag die ontologische Struktur aufgrund der Annahme, dass die Welt das Produkt eines göttlichen Schöpferwillens ist, auch Vorrang haben, so bedeutet das nicht, dass die Erkenntnisstruktur nur zweitrangig ist und ihr jegliche wirklichkeitskonstituierende Funktion abzuschreiben ist. Im Gegenteil: Gerade an der Ort- und Zeitgebundenheit der Gegenstände in der Welt zeigt sich, dass sich die Gegenstände dem Menschen nur so als wirklich zu erschließen geben, wie er sie zu erkennen vermag. Anders gesagt: Das ‚Ding an sich‘, wie es im göttlichen Intellekt vorliegt, dem begrenzten menschlichen Erkenntnisvermögen jedoch entzogen bleibt, ist in seiner ontologischen Grundstruktur nicht auf Raum- und Zeitgebundenheit angewiesen. Dies sind vielmehr Bestimmungen, die einem Gegenstand gewissermaßen erst sekundär aufgrund der Erkenntnismöglichkeiten zuzuschreiben sind, denen der Mensch – als auf Sinneswahrnehmung angewiesen – unterworfen ist. Die Wirklichkeit – so der Kern des mittelalterlichen Anliegens – erschließt sich dem Menschen nur unter den Bedingungen, die ihm mittels seines Erkenntnisvermögens zur Verfügung stehen.

Das bedeutet im Umkehrschluss, dass es ganz unsinnig wäre, sich eine Welt vorzustellen, in der Raum und Zeit aufgehoben wären, und zwar weil wir schlichtweg nicht dazu in der Lage sind. Dass dies nicht zwangsläufig bedeutet, dass Raum und Zeit als von uns und unserer Erkenntnismöglichkeit unabhängige Größen zu verstehen sind, wurde bereits gesagt. Interessanterweise sind aber gerade solche phantasiereichen Vorstellungen oder Gedankenexperimente der Philosophie keineswegs fremd. Sie werden artikuliert in der Absicht, die Grenzen und Bedingungen der menschlichen Erkenntnis zu definieren und zu benennen. Es geht also im Hinterfragen von Raum und Zeit darum, die Bedingungen auszuloten, die für unsere Erkenntnis der Gegenstände gelten. Gibt es mehrere Gegenstände, etwa geistiger Materie (z. B. Engel), die an ein und demselben Ort vorkommen können? Kann Jesu Christi einer und ganzer Leib gleichzeitig in verschiedenen konsekrierten Hostien lokalisiert sein? Bleiben Gegenstände über verschiedene Zeitpunkte hinweg dieselben? Lassen sich zukünftige Ereignisse in der Vergangenheit verändern? Sind Gegenstände ohne räumliche Ausdehnung vorstellbar?

Solche und ähnliche Fragen bilden den Hintergrund für das, was Immanuel Kants Position der transzendentalen Ästhetik, d. h. seine These, Raum und Zeit seien reine, apriorische Anschauungsformen, bis heute attraktiv macht. Was ist der Streit, den Kants transzendentale Ästhetik hervorruft? Er betrifft zum einen die Interpretation der kantischen Äußerungen selbst; gemeint ist also der Streit um die rechte Kant- Auslegung. Bekanntlich ist Kant in seinen Ausführungen keineswegs so eindeutig und klar, dass nur eine unanfechtbare Interpretation gegeben wäre.

Zum anderen ergibt sich der Streit aus der Konfrontation der Kantischen Position mit anderen Versuchen vor oder nach ihm, die Frage nach Raum und Zeit philosophisch zu klären. Auch dieser Streit ist konstitutiver Teil der Philosophie, denn erst im Abgleich mit anderen Interpretationen lassen sich Vor- und Nachteile, Stärken und Schwächen der eigenen Position philosophisch erhärten.

Vier ausgewiesene Kant-Kenner kamen bei der Generalversammlung der Görres-Gesellschaft 2017 in Mainz in der Sektion Philosophie zusammen, um in den Streit um Kants transzendentale Ästhetik einzutreten. Drei dieser Redebeiträge liegen nun in schriftlicher Form vor: Andrea Kern (Leipzig) widmet sich unter dem Titel „Kants Hylemorphismus“ der Verhältnisbestimmung zwischen Kants theoretischer Philosophie und Aristoteles und argumentiert gegen die These, Kant habe in Ablehnung der aristotelischen Ontologie ein Modell der Verinnerlichung der Form vertreten. Bernd Dörflinger (Trier) setzt sich unter dem Titel „Nulldimensionale Zeit“ mit „Gerold Prauss’ Versuch einer Verbesserung der Zeittheorie Kants“ auseinander. Im Zentrum steht dabei die Verortung der Zeit im Kontext der kantischen Theorie der formalen Anschauung. Thomas Buchheim (München) präsentiert „Schellings Ausbruchsversuche aus Kants subjektiver Einmauerung von Raum und Zeit“ als einen kritischen Einwand gegen Kants transzendentale Ästhetik, in dem es darum geht, Raum und Zeit wieder stärker als Präsenzmodi der Dinge selbst hervortreten zu lassen.  

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