Einführung: Menschenwürde und/oder Menschenrechte?

In den Debatten der Gegenwart erfreut sich der Begriff der Menschenwürde höchster Beliebtheit und allgemeiner Verbreitung. Kein Konzept der jüngsten Debatten in Politik und Gesellschaft erscheint geeigneter als der Begriff der Menschenwürde, wenn es darum geht, moralische Maßstäbe, politische Forderungen oder rechtliche Ansprüche schlagend zu begründen. Die große Karriere des Begriffs der Menschenwürde in der Gegenwart ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass er in der Geschichte der philosophischen Ethik vor dem 20. Jahrhundert eine insgesamt betrachtet eher marginale Rolle gespielt hatte und als ein erst spät „entdeckter“ Begriff dann im 20. Jahrhundert zumindest in die Sprache des Rechts Eingang gefunden hat. Unter den großen Philosophen in der Geschichte der philosophischen Ethik war es Immanuel Kant, der zur Explikation eines „unbedingten Werts“ des Menschen, verstanden als „Selbstzweck“, auf den Begriff einer unbedingte Geltung reklamierenden Würde des Menschen zurückgegriffen hat. Vorbereitet durch die stoische Ethik, insbesondere von Cicero, gebrauchen die Kirchenväter den Begriff einer dignitas hominis, um die in Gottes Schöpfung bereits grundgelegte Würde des Menschen als eine Eigenschaft des Menschen und als einen moralischen Anspruch zu begründen, den die Menschen in ihrem Handeln einlösen können und sollen; von hier wandert der Begriff über Boethius und Thomas von Aquin sowie weitere Autoren des Mittelalters in die Sprache der Philosophie der Renaissance und Neuzeit ein, um dann in Kants Grundlegung zur Metaphysik der Sitten eine systematische moralphilosophische Bedeutung in dessen Explikation der Bedeutungsvarianz des „kategorischen Imperativs“ zu gewinnen. Öffentlich und politisch prominent wurde der Begriff der Menschenwürde aber erst durch seine Integration in das Recht, wofür das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in seiner Abwehr einer Instrumentalisierung und Erniedrigung des Menschen, wie sie im Nationalsozialismus geschehen waren, ein herausragendes Zeugnis bildet, aber beispielsweise auch die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ durch die Vereinten Nationen.

Die Stellung des Begriffs der Menschenwürde als eines moralisch wie rechtlich grundlegenden Prinzips, das eine universelle, alle Kulturen übergreifende und unbedingte praktische Anerkennung im Handeln einfordert, provoziert die weiterführende Frage, wie sich nämlich der Grundsatz der Menschenwürde zu dem ebenfalls einen Prinzipienstatus reklamierenden Konzept der Menschenrechte verhält. Stehen „Menschenwürde“ und „Menschenrechte“ in einem Ergänzungsverhältnis zueinander, etwa derart, dass das eine Prinzip für das andere eine begründungstheoretische Grundlage bildet, oder ist ihr Verhältnis eher als ein wechselseitiges Explikationsverhältnis zu verstehen? Was verlangt die unbedingte Forderung der „Unverletzlichkeit“ der Würde des Menschen und wie ist ein solcher Anspruch rechtlich durchsetzbar angesichts einer unübersehbaren, ja produktiven Offenheit, die für den Begriff der Menschenwürde immer wieder geltend gemacht wird? Können „Menschenwürde“ und „Menschenrechte“ unter bestimmten Umständen in eine Spannung oder sogar in ein Konkurrenzverhältnis zueinander treten, so dass im Namen des einen Prinzips die unbedingte Geltung und Anwendung des anderen Prinzips eingeschränkt oder modifiziert werden müsste? Was meinen wir eigentlich, wenn wir von der Würde des Menschen „als Menschen“ sprechen im Unterschied von unserer eher geläufigen und durch die Rechtspraxis gedeckten Rede von den Rechten des Menschen „als Menschen“? Warum sollten wir den Begriff der Würde nicht auf „Personen“ beschränken, sondern auf alle Mitglieder „der Menschheit“ beziehen, wie wir dies im Blick auf die Menschenrechte aus guten Gründen gewohnt sind zu tun?

An der Beantwortung dieser Fragen begegnen sich notwendiger Weise unterschiedliche Wissenschaftsdiskurse: Debatten des Rechts stehen mit Beiträgen der Philosophie im Gespräch, Reflexionen der Theologie mit Analysen der Politikwissenschaften, der Pädagogik oder der Medizin. So sind die genannten Fragen, die nach Antworten zur Begründung der Forderungen beider Prinzipien nach uneingeschränkter Geltung verlangen ebenso wie die Fragen nach der Bedeutung und der Reichweite von Menschenwürde und Menschenrechten in unterschiedlichen Handlungskontexten sowie die Fragen, die das sachlich-logische Verhältnis beider Prinzipen zueinander betreffen, von zentraler Bedeutung und verlangen nach weiterführender Vertiefung. Sie standen daher auch im Zentrum der philosophischen und rechtswissenschaftlichen Vorträge und Debatten anlässlich des Arbeitstreffens der „Sektion für Philosophie“ der Görres-Gesellschaft bei deren 119. Generalversammlung vom 17.–20. September 2016 an der Universität Hildesheim. Drei der seinerzeit gehaltenen Vorträge liegen den hier vorgelegten Aufsätzen zugrunde, die das Schwerpunktthema dieser Ausgabe des Philosophischen Jahrbuchs bilden.

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