Einführung: Metaphysik und Erkenntnistheorie bei Thomas von Aquin

Die Metaphysik im Titel zu haben, scheint für eine Veranstaltung der Görres-Gesellschaft, auf deren Generalversammlung im September 2015 die hier unter dem Schwerpunktthema versammelten Beiträge zurückgehen, und die sich selbst – so heißt es in den Statuten – als Zusammenschluss „aller wissenschaftlich Interessierten“ versteht, „deren Denken und Forschen die verpflichtende Bedeutung der christlichen Tradition anerkennt“, nicht weiter erklärungsbedürftig zu sein. Denn in der allgemeinen Wahrnehmung hat die Metaphysik in eben dieser Nische der christlichen Tradition ihren Ort – womit allerdings, von außen betrachtet, ihr Schicksal besiegelt ist, denn nach dem vorherrschenden modernem Verständnis hat die Metaphysik ihren Status als ernstzunehmende philosophische Disziplin längst eingebüßt und mag allenfalls noch aus historischem Interesse betrieben werden.

Manche werden diese scheinbar typische Zuordnung von „christlich-theologisch“ und „Metaphysik“ vermutlich als ein überholtes Klischee müde belächeln, aber es gälte erst noch, kritisch zu überprüfen, inwiefern dieses Vorurteil wirklich überwunden ist. Die Metaphysik repräsentiert also eine philosophische Disziplin, an der sich die Geister scheiden. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass der Konflikt zwischen den befürwortenden oder ablehnenden Positionen und die damit verbundenen unterschiedlichen Werturteile über eine heute noch philosophisch vertretbare oder ins Reich des Glaubens zu verbannende Metaphysik zum großen Teil auf einer Kommunikationsschwierigkeit beruht, nämlich auf der Unklarheit, was eigentlich mit dem Begriff der Metaphysik, die im Laufe der Philosophiegeschichte bekanntlich unterschiedliche Ausprägungen gefunden hat, gemeint ist. Eine Vermeidung unnötiger Frontbildungen lässt sich also zunächst dadurch erreichen, dass man die Frage klärt, welche Form von Metaphysik – natürliche Theologie, Ontologie, Transzendentalphilosophie … – einer philosophischen Position eigentlich zugrunde liegt. Ist auf diese Weise ein Konsens darüber hergestellt, dass der allgemeine Anspruch der Metaphysik darin besteht, etwas über einen transempirischen Bereich von Wirklichkeit sagen zu wollen, dass die Behandlung dieser Problematik jedoch viele verschiedene Zugänge zulässt, werden auch zwischen Positionen, die über Jahrhunderte hinweg als die größten Antipoden dargestellt worden sind, Gemeinsamkeiten und Kontinuitäten deutlich, die jene in der Philosophiegeschichte bemühten Fronten und Werturteile obsolet werden lassen. So wenig wie ein Immanuel Kant als „Zertrümmerer“ der Metaphysik zu betrachten ist, da es ihm vielmehr um die Etablierung einer neuen, anderen Metaphysikkonzeption ging, in der Gott eine keineswegs verzichtbare Rolle zukommt, so wenig lässt sich ein Thomas von Aquin, sofern man seine unmissverständliche, erkenntnistheoretisch begründete Zurückhaltung in Bezug auf eine metaphysische Wesenserkenntnis Gottes in Betracht zieht, als religiös verbrämter „Hinterweltler“ charakterisieren.

Zweifellos war es Kant, der explizit vor Augen geführt hat, worin die Vorteile seiner transzendentalphilosophischen Metaphysikkonzeption liegen, d. h. einer solchen, die – epistemologisch ausgerichtet – nach den Bedingungen der Möglichkeit unseres Erkennens fragt, statt in ontologischer Absicht und im Sinne einer natürlichen Theologie eine letzte göttliche Ursache zu ihrem Gegenstand zu erheben, die doch – so das Problem – unserer Erkenntnis nicht zugänglich ist. Indes ist in der Forschung immer wieder darauf hingewiesen worden, dass diese Gegenüberstellung einer epistemologischen versus ontologischen Perspektive nicht erst eine Entdeckung des 18. Jahrhunderts ist, sondern bereits in der Philosophie des Mittelalters, vor allem in ihrer Auseinandersetzung mit der aristotelischen Metaphysik und deren arabischer Vermittlung ihre Wurzeln hat und ebenda kontrovers diskutiert worden ist. Ausgangspunkt dieser engen Verknüpfung von Metaphysik und Erkenntnistheorie ist der aristotelische Begriff des Seienden als Seienden in seiner von Avicenna geprägten Interpretation als eines allgemeinsten und ersterkannten Begriffs, der zu einer Konzeption von Metaphysik führt, in der sich uns die transempirische Wirklichkeit weniger durch die rational begründete Annahme einer letzten Ursache erschließt, als vielmehr durch die Klärung der Fundamente und Prinzipien, die unserem Erkennen zugrunde liegen.

Wie lässt sich Thomas von Aquin in dieses Tableau einfügen? Der Eindruck, der die thomanische Metaphysik hinterlässt, ist ambivalent und in der Forschung zu Recht als ein Spannungsverhältnis zwischen einer transzendentalen und transzendenten Metaphysikkonzeption gedeutet worden. Zweifellos ist Thomas einerseits einer der wichtigsten Rezipienten der aristotelisch-avicenneischen Interpretation und seine erkenntnistheoretisch motivierte Interpretation des Seienden als des Allgemeinsten, das es erlaubt, alles Seiende, insofern es erkennbar ist, auf einen gemeinsamen Begriff zu bringen, unleugbarer Bestandteil seiner Metaphysik. Andererseits sprechen die thomanischen Lehren von der Analogie, von den am Sein partizipierenden Seienden und schließlich von der am Leitfaden der Kausalität entwickelten Annahme eines transzendenten ausgezeichneten Seienden, in dem Sein und Wesen zusammenfallen, eine andere Sprache.

Wie transzendental und damit anschlussfähiger an moderne Fragestellungen ist Thomas also? Oder ist die nicht zu leugnende Tatsache, dass er in der konkreten Ausarbeitung seiner Metaphysik nicht dem erkenntnistheoretisch getragenen Denkansatz folgt, sondern sich für eine substanzontologisch fundierte Seinsmetaphysik entscheidet, bereits Argument genug, die beschriebenen Spuren einer Epistemologisierung seiner Metaphysik als unzutreffend abzulehnen?

Diese Fragen lassen es lohnenswert erscheinen, das Verhältnis von Metaphysik und Erkenntnistheorie bei Thomas von Aquin neu in den Blick zu nehmen und sowohl von metaphysischer als auch von epistemologischer Perspektive aus in systematischer Absicht daraufhin zu befragen, inwiefern hier eine philosophisch befriedigende Lösung gefunden zu werden vermag, die die theoretische Philosophie des Thomas von Aquin nicht einfach in eine museale Erstarrung verbannt. Dass Thomas gerade aufgrund seiner realistisch-reliabilistischen Epistemologie in der modernen Forschung als ein attraktiver Gesprächspartner rezipiert wird, mag als ein positives Zeichen gewertet werden und unterstreicht die zentrale Stellung, die die Erkenntnistheorie in seinem Denken einnimmt. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für seine Metaphysik? Vier Beiträger aus dem Forschungsbereich der thomanischen Metaphysik und Erkenntnistheorie präsentieren im Folgenden ihre Antwortversuche auf diese Fragen.

Rolf Darge (Salzburg) widmet sich der grundsätzlichen Problematik um die Spannung zwischen transzendentalem und transzendentem Metaphysikverständnis bei Thomas. Ausgangspunkt seiner Überlegungen ist die Stellung der philosophischen Gotteslehre in der Metaphysik des Thomas, wie sie sich in der Verknüpfung der Theorie der Gottesnamen mit den Transzendentalien zeigt. Darge macht deutlich, dass Thomas einem Denkweg folgt, der mittels der Methode der ‚auflösenden Analyse‘ (resolutio) einen Begriff des Seienden etabliert, der sich dadurch ausweist, allen kategorial Seienden im Sinne einer prädikativen Gemeinsamkeit zuzukommen. Neben dieser Gemeinsamkeit kennt Thomas jedoch auch eine communitas per causalitatem, die alles Seiende in einer gemeinsamen letzten, es begründenden Ursache, nämlich Gott, zusammenführt, dem allein es zukommt, „durch seine Wesenheit“ und nicht „durch Teilhabe Seiendes“ zu sein. Damit erhalten die transzendentalen Bestimmungen des Seienden eine onto-theologische Begründung, die dennoch – trotz ihrer Verwiesenheit auf ein Partizipationsmodell – nicht Gefahr läuft, platonisch interpretiert werden zu müssen, zumal Thomas sich in seiner Metaphysik ausdrücklich des aristotelischen Modells der Analogie bedient. Damit zeigt Darge, inwiefern ontologische Analyse und metaphysische Gotteserkenntnis für Thomas untrennbar miteinander verbunden sind bzw. dass und wie sich nur auf der ontologischen Basis für Thomas die Möglichkeit einer positiven philosophischen Gotteserkenntnis ergibt, welche der Begrenztheit der menschlichen Vernunft Rechnung trägt.

Wouter Goris (Amsterdam) behandelt die Thematik der transzendentalen Einheit und bestätigt damit seinerseits die enge Verknüpfung zwischen metaphysischen und erkenntnistheoretischen Fragestellungen, insofern etwas immer nur dadurch als etwas bestimmt zu werden vermag, dass es ein etwas ist. Bei Thomas spiegelt sich diese Problematik insbesondere in der Bestimmung des Begriffs des Seienden als des Ersterkannten wider, wobei problematisch ist, inwiefern dieses als Eines bestimmt werden kann, ohne dass man in die Aporien gerät, in die eine auf Negation beruhende Bestimmung des Einen als des Ungeteilten zu geraten droht. Goris zeigt, wie Thomas anhand der Frage, wie der Hervorgang des Vielen aus dem Einen zu denken ist, auf epistemologische Begründungen zurückgreift, die die Konstitution von Einheit und Vielheit als innere Entfaltung des Seienden als Ersterkannten konzipieren. Denn diese Bestimmungen beruhen auf der fundamentalen Trennung von Seiendem und Nicht-Seiendem, die nur erkenntnistheoretisch eingeholt werden kann. In diesem Kontext rückt die Frage nach der Einheit des Seienden in den Vordergrund: Dass etwas überhaupt unter den Begriff des Seienden fällt, impliziert den Rückgriff auf die epistemologische Ordnung, in der Seiendes als Eines bzw. Ungeteiltes in Abgrenzung zum Nicht-Seienden erkannt wird – ungeachtet der Probleme, die daraus im Zusammenhang der Gottesattribution folgen. Mit einem Ausblick auf Johannes Duns Scotus und Francisco Suárez macht Goris deutlich, wie die Frage nach dem Einen als Wesensattribut des Seienden (per se passio entis) im Anschluss an Thomas, der seinerseits nicht auf Aristoteles, sondern auf Avicenna zurückgreift, weiter entwickelt worden ist.

Christian Tapp (Bochum) behandelt die Frage nach der Verbindung von Metaphysik und Epistemologie bei Thomas in erkenntnistheoretischer Hinsicht, indem er nach der thomanischen Konzeption der philosophischen Gotteserkenntnis fragt. Dabei widmet er sich zunächst den allgemeinen Grundlinien der aristotelisch-thomanischen Erkenntnistheorie in ihrer Spannung zwischen erkenntnistheoretischem Optimismus auf der einen und starker Zurückhaltung in Bezug auf metaphysische Gegenstände auf der anderen Seite. Tapps Fazit: Die thomanische Erkenntnistheorie lässt sich als externalistischer Reliabilismus und indirekter doxastischer Voluntarismus charakterisieren; zwei Befunde, die auch in der Frage nach Möglichkeit und Grenzen der Gotteserkenntnis eine Rolle spielen. In Bezug auf die philosophische Erkenntnis Gottes steht fest, dass Gottes Wesen aufgrund unserer kognitiven Ausstattung für uns unerkennbar bleibt, doch dass dies Thomas keineswegs daran hindert, prinzipiell von einer solchen natürlichen Erkenntnis auszugehen, in der Gott – vornehmlich am Leitfaden der Kausalität – in seinem Dass erkannt zu werden vermag. Der Rekurs auf eine sich im Licht des Glaubens vollziehende Erkenntnis Gottes löst das Problem keineswegs einfach auf, sondern hängt ebenfalls an Rationalitätsbedingungen, an denen Thomas festhält, insofern sie mit dem epistemischen Status der Theologie als Wissenschaft verbunden sind.

Ludger Honnefelder (Bonn) geht das Schwerpunktthema der Verschränkung von Metaphysik und Erkenntnistheorie dadurch an, dass er die Möglichkeit einer „Ersten Philosophie“ bei Thomas an der alternativen Interpretation des Seienden als des Ersten oder als des Ersterkannten festmacht. Zunächst verweist er auf die Notwendigkeit, metaphysische Fragen einer epistemologischen Klärung zu unterziehen, wenn die Metaphysik den Anspruch einer abschließend begründenden Philosophie aufrechterhalten will, ohne indes das Ausscheiden eines privilegierten Erkenntniszugangs zu bezweifeln. Ausgehend von den Äußerungen des Thomas, Gegenstand der Metaphysik sei das auf dem Weg der Resolution gewonnene ersterkannte und von Materialität und Prozessualität getrennte Seiende, widmet sich Honnefelder zunächst dem Unterschied zwischen Abstraktions- und Separationsurteil, um von dort dahin überzugehen, die Zerlegung des Seienden in seine inneren Prinzipien esse und essentia zu beleuchten. Die Deutung dieser Prinzipien anhand der Teilhabe- bzw. Verursachungsverhältnisse führe Thomas schließlich zur Annahme eines ersten ausgezeichneten Seienden in Gestalt des subsistierenden Seins selbst. Darin besteht jedoch kein Widerspruch zum Ersterkannten; die Einheit beider Ansätze, des Ersterkannten und des Ersten, sieht Honnefelder vielmehr als gegeben an: Zum einen durch deren Zuordnung in den je spezifischen Bereich des Gegenstandes der Metaphysik bzw. deren Ursache, zum anderen aber durch ihre wechselseitige Abhängigkeit, die es erst ermögliche, dem Anspruch der Metaphysik als ‚erster Philosophie‘ gerecht zu werden.

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