123 (2016) - 2. Halbband

Inhalt
1. Auflage 2016
320 Seiten
ISBN: 978-3-495-45096-3
Bestellnummer: P450965
Erscheinungstermin PDF: 2019
Bestellnummer PDF: D100352

Dass die Natur der Philosophie in nie abschließbaren Kontroversen über prinzipielle Fragen bestehe, kann man an diesem Heft des Philosophischen Jahrbuchs besonders gut sehen: Bevor noch die eine Kontroverse rund um Markus Gabriels ‚Neutralen Realismus’ und dessen Behauptung, dass es die Welt nicht gibt, ganz zum Abschluss gekommen ist (im vorliegenden Heft bringen wir die beiden letzten kontroversen Erwiderungen auf die Antworten Gabriels, die wiederum Gegenreden zu der Runde der ersten Einreden auf seinen ursprünglichen Initiativaufsatz in Heft II 2014 gewesen waren), ist schon die nächste Kontroverse auf ihrem Plateau und Fechtplatz angelangt: Auf Nicholas Reschers Initiativaufsatz »Why Is There Anything at All? Leibnizian Ruminations on Ultimate Questions«, den wir im letzten Heft veröffentlicht haben, folgen hier sieben kritische Würdigungen der Rescherschen ‚Grübeleien à la Leibniz über die Frage, warum überhaupt etwas existiert’ von international führenden metaphysisch orientierten Philosophinnen und Philosophen, die jedem Kenner der Materie viel Stoff zu neuem Nachdenken über eine der radikalsten Fragen der Metaphysik geben. Dazu – ebenfalls nicht wenig kontrovers, obwohl im Stil der Auseinandersetzung zum Diskussionsthema einer Sektion der Görresversammlung gemildert – vier Beiträge zum Schwerpunktthema »Metaphysik und Erkenntnistheorie bei Thomas von Aquin«. Diese werden von Isabelle Mandrella kundig eingeleitet und dokumentieren eindrucksvoll die philosophische Relevanz mittelalterlichen Philosophierens am Beispiel eines seiner Hauptvertreter.

Schließlich beinhaltet das aktuelle Heft noch drei ‚frei‘ eingereichte und positiv begutachtete Beiträge, die durch ihr jeweils gewähltes Thema ebenfalls die kontroverse Natur der Philosophie belegen: Der Aufsatz von Michael Rasche (Eichstätt) befasst sich mit dem Verhältnis von Tragödie und Philosophie. Die Gemeinsamkeit beider als Formen der Welterkenntnis besteht nach Rasche darin, dass sie sich vom Mythos kritisch abgrenzen. Insbesondere das philosophische Denken beginnt erst in Form einer kritischen Selbstabhebung von mythischen Reimen, die mehr auf eine Beruhigung des Gemüts als auf transparente Wahrheitsfindung zielen. Lars Leeten (Hildesheim/Hannover) untersucht in seinem Beitrag das problematische Verhältnis von Rhetorik und Philosophie am Beispiel von Platons Dialog Gorgias. Er zeigt, dass darin Sokrates nicht die Rhetorik an sich kritisiert, sondern nur, insofern diese für unphilosophische Zwecke instrumentalisiert wird. Daher bestehe die sokratische Absicht darin, nach einer genuin philosophischen Rhetorik als diskursive Praxis zu suchen, die letztendlich als »sittliche Bildungspraxis« fungieren kann. Florian Baab (Münster) argumentiert schließlich in seinem Beitrag dafür, dass Descartes’ Dualismus nicht so sehr ontologisch, sondern vielmehr perspektivistisch gelesen werden müsse. Der menschliche Geist lasse sich somit einmal als Selbstbewusstsein, aus naturalistischer Sicht hingegen zugleich als Funktion des Gehirns betrachten.

Ich danke allen, die sich der Anstrengung und auch dem Risiko unterziehen, den kritischen Geist kontroverser Auseinandersetzung nicht erlahmen zu lassen. Denn wer das Wort ergreift, um einer noch nicht klar genug erkannten Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen, läuft zugleich Gefahr, selbst eines Irrtums überführt werden zu können. Nur auf diese Weise bleibt Philosophie lebendig.

Thomas Buchheim