123 (2016) - 1. Halbband

Inhalt
1. Auflage 2016
320 Seiten
ISBN: 978-3-495-45095-6
Bestellnummer: P450957
Erscheinungstermin PDF: 2019
Bestellnummer PDF: D100351

Mit dieser Ausgabe eröffnet das Philosophische Jahrbuch bereits die dritte „Jahrbuch- Kontroverse“. Im Mittelpunkt dieser neuen Debatte stehen die überaus spannenden Überlegungen von Nicolas Rescher aus Pittsburgh, die er hier unter dem Titel „Why Is There Anything at All? Leibnizian Ruminations on Ultimate Questions“ vorstellt, eingeleitet von Thomas Buchheim. Damit setzt das Philosophische Jahrbuch die auf eine aktuelle Debatte angelegte Diskussion zu grundlegenden systematischen Fragestellungen der Philosophie mit einem weiteren thematischen Schwerpunkt fort, hier nun zu Fragen der Metaphysik oder Ersten Philosophie. Die Herausgeber des Philosophischen Jahrbuchs laden alle herzlich ein, die sich an der Diskussion über die Thesen von Nicolas Rescher in den nächsten Ausgaben des Jahrbuchs beteiligen wollen, sich mit ihren Beiträgen auch selbstständig an die Redaktion zu wenden. Zugleich führen wir in dieser Ausgabe aber auch die zweite „Jahrbuch-Kontroverse“ über Markus Gabriels Thesen zu seinem „neutralen Realismus“ fort, indem er hier nun auf die Kritik von Diehl/Rosefeldt, Hübner, Rödl und Stekeler-Weithofer ausführlich antwortet. Die „Jahrbuch-Kontroversen“ erfreuen sich unterdessen einer solchen internationalen Aufmerksamkeit, dass die Texte der an diesen Debatten Beteiligten vom Verlag Karl Alber nach ihrem vorläufigen Abschluss im Philosophischen Jahrbuch auch als selbstständige Buchpublikationen nachgedruckt werden.

Mit den „Jahrbuch-Kontroversen“ führt das Philosophische Jahrbuch in dieser Ausgabe nicht nur eine erfolgreiche Publikationsstrategie fort, die signifikant vor Augen führt, dass die Fachzeitschriften als Forum aktualisierter Debatten einen extrem wichtigen, ja unverzichtbaren Stellenwert in der Entwicklung der Fachwissenschaften besitzen. Die „Jahrbuch-Kontroversen“ lassen – zusammen mit den weiteren „Beiträgen“, „Schwerpunktthemen“ und „Buchbesprechungen“ des Philosophischen Jahrbuchs – aber auch deutlich werden, dass die Philosophie aller Spezialisierung in vielfältige Fachdiskurse und ausdifferenzierte Fragestellungen zum Trotz nach wie vor als akademisches Fach und Wissenschaft grundlegend über die Fähigkeit verfügt, sich in einer gemeinsamen Sprache und in einer Bemühung um eine von allen Teilnehmern an der Debatte geteilten Begrifflichkeit mit den grundlegenden Problemen auseinanderzusetzen, die – seit es die Reflexionsleistung der Philosophie gibt – zu ihrem disziplinären und allgemein anerkannten Kernbestand gehören.

Diese Feststellung ist alles andere als trivial. Sie widerspricht nämlich der in manchen Feuilletons großer Tageszeitungen, so zuletzt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, immer wieder vorgebrachten Klage darüber, dass die Einheit des akademischen Fachs der Philosophie angesichts der unterschiedlichen Schulbildungen, Traditionen und Spezialdiskurse, ihrer Aufspaltung etwa in eine analytische und eine historisch-hermeneutische Richtung, die miteinander angeblich nicht mehr sprechen können, nicht mehr erkennbar sei. Auch wenn manche dieser Entwicklungen nicht einfach geleugnet werden können, so zeigen doch die Beiträge im Philosophischen Jahrbuch, dass mit den Schulbildungen, Spezialdiskursen und Ausdifferenzierungen auch der philosophischen Methoden und Debatten nicht zwangsläufig die Gesprächsfähigkeit innerhalb der Philosophie verloren geht. Mit der Einheit des Fachs Philosophie wäre im Übrigen auch die Relevanz der Philosophie in ihrem Gespräch mit den Wissenschaften und ihre Stellung im Ganzen des Forschungs- und Lehrbetriebs der Universitäten irritiert, wenn nicht sogar in Frage gestellt; denn wenn sich die überwiegende Mehrzahl der heute forschenden Philosophen/ innen selbst nicht mehr in den Debatten wiedererkennen könnte, die unter dem Namen ihres Fachs ausgetragen werden, wie sollten dann die Vertreter der anderen Disziplinen „von der Philosophie“ noch eigenständige und kritisch weiterführende Beiträge erwarten dürfen?

Diese Frage berührt nicht nur das Selbstverständnis der Philosophie im Gesamt der Wissenschaften, es tangiert auch noch ein weiteres aktuelles Desiderat. Es hat zum Beispiel in der Bundesrepublik Deutschland mit der derzeit stattfindenden Vorbereitung auf die sog. dritte „Exzellenz-Initiative“ des Bundes und der Länder zu tun, grundlegend aber zugleich mit der Frage der Bewertung der Rolle der Philosophie an den Universitäten und anderen Forschungsinstitutionen, wie sie auch außerhalb Deutschlands in allen Ländern diskutiert wird, im Ergebnis nicht immer zum Vorteil der Philosophie. In allen diesen Zusammenhängen ist die Philosophie als Fach darauf angewiesen, wenn sie als unverzichtbare Disziplin im Konsortium der Wissenschaften und Forschungsverbünde wahrgenommen und von den anderen Fächern als zentrales Forum grundlegender Reflexion auf Probleme der Wissenschaften selbst und der Gesellschaften gehört werden will, dass sie ihre Beiträge zu den hier anstehenden Problemen und den grundlegenden Kontroversen in einer methodisch-begrifflichen Präzision ihrer Argumentation vortragen kann, in der sie in der Lage ist, sich sowohl „nach innen“ streitig zumindest über ihre grundlegenden Fragestellungen zu verständigen als auch „nach außen“ ihre Problemlösungsangebote verstehbar zur Sprache zu bringen. Diesem Ziel dienen stets auch die Beiträge des Philosophischen Jahrbuchs, allen voran, aber nicht allein die „Jahrbuch- Kontroversen“, von denen in dieser Ausgabe wichtige Beiträge zugleich zu zwei unterschiedlichen Themen vorgestellt werden.

Matthias Lutz-Bachmann  

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