Einführung: „Gibt es eine Philosophie des Schönen?“

Die Frage nach dem Schönen gehört zu den Grundfragen der Philosophie. Das mag zunächst überraschen, sind wir doch geneigt, das Schöne in den Bereich des subjektiv Empfundenen zu verorten, das aufgrund seines sinnenhaft-trügerischen und vergänglichen Aspektes gerade nicht in die Philosophie zu gehören scheint; denn was sollte sich rational begründbar vom Schönen sagen lassen? Und doch zeichnet sich das Erbe der abendländischen Philosophie dadurch aus, im Schönen mehr gesehen zu haben als etwas, das sich nur der ästhetischen Erfahrung darbietet. Immerhin: Letzteres ist philosophisch, genauerhin erkenntnistheoretisch höchst relevant. Was meint denn ästhetische Erfahrung und worin besteht ihr nicht einfach auf intelligible Erkenntnis reduzierbarer Eigenwert? Welche epistemologischen Konsequenzen hat die Annahme der ästhetischen Erfahrung als eines eigenen Bereichs des Zugangs zur Wirklichkeit? Wie weit bzw. lässt sich überhaupt von objektiv schönen Gegenständen sprechen oder beruht unsere Beurteilung der Dinge als schön nicht vielmehr allein auf den subjektiven Voraussetzungen, die wir als urteilende Subjekte in jeden Wahrnehmungs- und Erkenntnisakt mitbringen?

Ungeachtet der Relevanz, die die Frage nach der Wahrnehmung des Schönen für die Erkenntnistheorie gespielt hat und noch spielt, gibt es eine metaphysische Seite der Thematik, die uns in der Frage nach dem Schönen mehr wittern lässt als allein ein Problem der Erkenntnisvoraussetzungen des Subjektes. Seinen stärksten Widerhall hat es in der platonischen Idee des Schönen gefunden, die es erlaubt, von einer ontologischen Bestimmung der Dinge als schön zu sprechen. Die antike und mittelalterliche Philosophie meinte damit freilich sehr viel mehr als nur die Anerkennung einer Ordnung in der Welt, die sich einem göttlichen Schöpfer verdankt. Inwiefern ist eine solche Rede von ‚Schönheit an sich‘ heute noch zulässig und vor allem philosophisch relevant? Handelt es sich dabei um metaphysischen Ballast, den es zugunsten einer Epistemologisierung der Metaphysik abzuwerfen gilt, oder wird in der Unverzichtbarkeit des Schönen nicht etwas greifbar, dem die Philosophie sich zu Recht zu stellen hat?

Ein dritter mit dem Schwerpunktthema verbundener Fragenkomplex wäre zu nennen: Wie verhalten sich die erkenntnistheoretisch oder metaphysisch gewonnenen Einsichten über das Schöne zur Kunst? Steht Kunst in Praxis und Wissenschaft überhaupt in einem Zusammenhang zum Schönen und wie hat sich die Philosophie mit der Verbindung von beidem auseinanderzusetzen?

Diese wenigen Denkanstöße und Fragen zeigen bereits: Hinter dem Schwerpunktthema „Gibt es eine Philosophie des Schönen?“ verbergen sich zahlreiche Probleme, die die Frage nach dem Schönen und nach der Schönheit als eine der umstrittensten Fragen ausweisen. In diesem Sinne scheint es durchaus legitim, das Thema mit einem Fragezeichen zu versehen – nicht, um sich damit einer definitiven Antwort zu entziehen, sondern um den Raum, diese Frage in ihrer ganzen Breite zu diskutieren, möglichst offen zu halten. Die vier folgenden Beiträge, die auf das Treffen der Sektion für Philosophie der Görres-Gesellschaft am 29. September 2014 in der Universität Fribourg zurückgehen, versuchen auf je eigene Weise, die Frage nach dem Schönen in der Philosophie zu beantworten.

Reinold Schmücker (Münster) widmet sich dem Rahmenthema aus der Perspektive der Kunstphilosophie, indem er danach fragt, ob Kunstwerke – als Gegenstände ästhetischer Erfahrung – reflexiv verfasst sind und woher diese Reflexivität stammt. Da sich die Selbstbezüglichkeit nicht als eine solche der sinnlichen Elemente von Kunstwerken erläutern lässt, greift Schmücker auf die Spiegelmetapher zurück, die die Vorstellung sowohl eines Selbst- als auch eines Fremdbezugs des wahrnehmenden Subjektes erlaubt, der durch ein ästhetisches Medium hergestellt wird. Damit wird jedoch auch deutlich, dass Kunstwerke, um als Medien eines Selbstbezugs des ästhetisch erfahrenden Subjektes fungieren zu können, nicht selbst sinnlich verfasst sein müssen. Sinnlichkeit erweist sich also, so das Ergebnis von Schmückers Analyse, als eine Manifestationsbedingung und nicht als eine Konstitutionsbedingung der Reflexivität von Kunst. Abschließend diskutiert Schmücker in kritischer Absicht die aus diesen Ergebnissen folgende philosophische Idee einer nicht-propositionalen Erkenntnis von Kunst.

Mirjam Schaub (Hamburg) beleuchtet in ihrem Beitrag die Ausgangsfrage ausgehend vom Eigenrecht der sinnlichen Wahrnehmung. Die nicht einfach aufhebbare ‚Krux des Sinnlichen‘, die für die spannungsreiche Geschichte des Verhältnisses von Philosophie und Ästhetik verantwortlich ist, besteht darin, dass die sinnlich erfahrbare Wahrnehmung sich immer nur auf das nicht verallgemeinerbare Singuläre zu beziehen vermag, dem die Philosophie mit ihrem Anspruch auf Objektivität und Allgemeinheit gerade entgegentreten möchte. Hintergrund dieser Problematik ist nach Schaub eine Misstrauensgeschichte der Philosophie gegenüber den fünf Organsinnen, die vor allem auf die Flüchtigkeit und Trügerischkeit der Wahrnehmungsurteile zurückgeführt wird. Dieser Deutung will Schaub allerdings nicht näher nachgehen, sondern sich vielmehr der Tatsache der bedingungslosen Rezeptivität der organischen Sinne, d. h. ihrer provozierenden Evidenz, ihrer Grenzenlosigkeit und Parteiischkeit zuwenden, um sie auf diese Weise gewissermaßen zu rehabilitieren und für den philosophischen Diskurs fruchtbar zu machen. Die Basis dieser Interpretation findet Schaub nicht nur in einer phänomenologisch orientierten Analyse der fünf Sinne, sondern auch durch Hinzuziehung der aristotelischen Schrift De anima und E. B. de Condillacs Traité des Sensations. Abschließend gelingt es ihr, ihre These von der irrdeduzierbaren Eigenwertigkeit sinnlicher Wahr nehmungen und der sich daran anschließenden Urteile am realen Beispiel der Notlandung eines Airbus auf dem Hudson River plausibel zu machen.

Henning Tegtmeyer (Leuven) behandelt die Frage nach dem Schönen in metaphysischer Hinsicht. Sein Beitrag gilt dem Versuch, am Beispiel des Thomas von Aquin und der mittelalterlichen Theorie vom Schönen als mit dem Seienden, Guten und Wahren konvertibler transzendentaler Bestimmung, eine objektivistische Auffassung des Schönen für heutiges Denken plausibel und fruchtbar zu machen. Tegtmeyer zeigt auf, dass die Annahmen eines ästhetischen Subjektivismus, der das Schöne als bloßes Geschmacksurteil deklariert, bzw. eines Intersubjektivismus, der die Beurteilung eines Gegenstandes als schön zur Sache gesellschaftlicher Konvention macht, bestimmte Defizite aufweisen, die der tatsächlichen Phänomenologie unserer ästhetischen Erfahrung und unseres ästhetischen Urteils nicht gerecht werden, wie sich insbesondere am Beispiel des Naturschönen zeigen lässt, über dessen Beurteilung es zeit- und kulturübergreifende Übereinstimmungen gibt. In der Absicht, einen ästhetischen Objektivismus zur Sprache kommen zu lassen, diskutiert Tegtmeyer zuerst die Frage, inwiefern Schönheit als eine Eigenschaft verstanden werden kann – eine Frage, die zu ähnlichen Schwierigkeiten führt wie bereits Moore in seiner Analyse des Prädikates ‚gut‘ gezeigt hat –, um in einem nächsten Schritt erneut am Beispiel der Naturschönheit diese als wahrnehmbare Vollkommenheit aufzufassen, deren Schönheit immer spezifisch, also artgebunden gedeutet werden muss. Einen lohnenswerten Ansatz findet Tegtmeyer in der mittelalterlichen Transzendentalienlehre insbesondere des Thomas von Aquin, der ‚schön‘ zu einer Bestimmung erhebt, die sich auf der Basis der Wahrnehmbarkeit von Gegenständen transkategorial aussagen lässt. Tegtmeyer zeigt jedoch auch, wie Thomas in diesem Zusammenhang das Problem formuliert, dass die transzendentale Bestimmung ‚schön‘ über ihre Wahrnehmbarkeit stets an Materie und Sinnlichkeit gebunden bleibt und insofern die Zuschreibung als transkategoriale Bestimmung nicht erfüllt, da sie nicht mit jedem Seienden, sondern nur mit dem materiell wahrnehmbaren Seienden konvertibel sein kann.

Lisa Katharin Schmalzried (Luzern) fragt, inwiefern es für die Philosophie des Schönen einen Unterschied macht, wenn es sich bei den schönen Gegenständen um Menschen handelt oder nicht. Denn offensichtlich gibt es bei der Beurteilung menschlicher Schönheit Unterschiede, wie sie etwa in der Verknüpfung von Schönheit mit Liebe und/oder sexuellem Begehren oder aber in der Unterscheidung von physischer, äußerer und charakterlicher, innerer Schönheit zum Ausdruck kommen. Insbesondere das sog. Verknüpfungsproblem, basierend auf der Tatsache, dass die Beurteilung des physischen Erscheinungsbildes und des Charakters einer Person sich gegenseitig beeinflussen, so dass beide nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können, gilt nur in Bezug auf menschliche Schönheit. An dieser Stelle führt Schmalzried die von Kant inspirierte ‚charakter-expressionistische Theorie‘ ein, die diesem Problem Rechnung trägt. Kant deutet die Schönheit des Menschen als ‚anhängende Schönheit‘ und kommt damit zur Vorstellung einer spezifisch menschlichen Schönheit, insofern nur Menschen als Zwecke an sich selbst begriffen werden dürfen. In ihrer Kant-Interpretation präzisiert Schmalzried Kant als Vertreter einer ‚moralischer Charakter-expressionistischen Theorie‘, die es verbietet, den Menschen einfach nur als freie Schönheit zu beurteilen. Schmalzried zeigt allerdings den Schwachpunkt der kantischen Analyse auf, die gerade aufgrund der These von der Nicht-Zweckhaftigkeit des Menschen nicht imstande ist, die Verknüpfung von ästhetischem Wohlgefallen und (sexuellem) Begehren bzw. Liebenswürdigkeit zu erklären, die sich spezifisch für den Menschen konstatieren lässt. Hier müssen vielmehr andere Modelle herangezogen werden; Schmalzried beruft sich dafür auf die ‚schöner Charakter-expressionistische Theorie‘ Edmund Burkes.

Neues von HERDER

Bleiben Sie informiert über das Programm des Verlags mit dem kostenlosen HERDER-Newsletter.